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Priorisierung

Hoppe hat Mitstreiter

13.04.2010
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Von Maria Pues, Wiesbaden / Wie mit knapper werdenden finanziellen Mitteln langfristig eine adäquate medizinische Versorgung gewährleistet werden könnte, das wurde von Medizinern diskutiert.

Die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen, indem man Mittel, Kapazitäten und Zeit sinnvoll einsetze, sei das Ziel einer Priorisierung in der Medizin, definierte der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, seine in den vergangenen Monaten heftig diskutierte Forderung. Entscheidende Kriterien seien dabei Vorrangigkeit, Dringlichkeit und Wichtigkeit, sagte er bei einer Diskussionsrunde während des Internistenkongresses in Wiesbaden. Es gehe ihm nicht darum, das Einkommen der Ärzte zu sichern oder um eine Neudefinition des GKV-Leistungskatalogs, betonte er. Priorisierung habe auch nichts mit Rationierung zu tun. Rationierung bedeute, dass Patienten notwendige Leistungen vorenthalten würden.

Eine wichtige Rolle bei der Definition der Kriterien misst Hoppe einem noch zu gründenden Gesundheitsrat bei, in dem Ärzte, Juristen, Ökonomen und Patienten Vorschläge erarbeiten. Daneben sollen sie mögliche Folgen abschätzen und im Rahmen der Gesetzgebung eine beratende Funktion übernehmen. Das Ergebnis müsse transparent und nachvollziehbar sein und vom Gesetzgeber legitimiert werden, forderte Hoppe. Allerdings lasse sich auch dann nicht jeder Fall in dieses Schema einordnen. Ausnahmen müssten deshalb möglich sein. Hoppe: »Ärzten muss auf der Mikroebene die Freiheit bleiben, in begründeten Einzelfällen abweichend zu entscheiden.«

 

Die Transparenz ist auch dem stellvertretenden Leiter des IQWiG, Dr. Stefan Lange, wichtig. Er forderte deshalb verbindliche Entscheidungsgrundlagen. Leistungen müssten nach festen Regeln gewährt werden. Dies dürfe man sich jedoch nicht wie eine »Zuteilung mithilfe von Lebensmittelmarken« vorstellen, sondern vielmehr als Kuchen. Die Schwierigkeit bestehe allerdings darin, dass dieser Kuchen von zweien gegessen werde, von den Patienten und zum anderen von denen, die die medizinischen Leistungen erbrächten.

Der Preis ist wichtig

 

Lange hält folgende Regeln für sinnvoll: Nur das nachgewiesenermaßen Nützliche wird verordnet. Entscheidungsgrundlage sind aussagefähige Studien. Von zwei gleichermaßen nützlichen Alternativen wird die preiswertere verwendet: Bei Arzneimitteln würde dies die bestehende Festbetragsregelung stärken. Ein reales Beispiel dafür war die Eingruppierung von Atorva­statin (Sortis). Außerdem dürfe nur das medizinisch Notwendige erstattet werden. Lifestyle-Medikamente oder Arzneimittel gegen Bagatellerkrankungen würden auch dann nicht erstattet. Für alle anderen Medikamente müsse in jedem Fall eine positive Kosten-Nutzen-Bewertung vorliegen. Nach Langes Überzeugung hätte die Priorisierung deutliche Auswirkungen auf die Arbeit der Ärzte. Sie würden in ihrem Handeln eingeschränkt, denn Priorisierung und ärztliche Therapiefreiheit schlössen sich aus.

 

Keinen Widerspruch sieht Professor Dr. Norbert Schmacke, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bremen, zwischen Innovation und Priorisierung. »Die Prophezeiung der Unfinanzierbarkeit von Innovation ist eine Spekulation«, sagte Schmacke. Allerdings habe es in der Vergangenheit immer wieder Fehleinschätzungen bei der Bewertung des Nutzens bestimmter Therapien gegeben. Beispiele dafür seien die normnahe Blutzuckereinstellung durch orale Antidiabetika beim Typ-2-Diabetiker, die Breitenanwendung atypischer Antipsychotika und die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren. Diese habe »Frauen zu Hormonmangelwesen degradiert«, so Schmacke.

 

Die Diskussion müsse nun anders geführt werden. Case-Management und Chronic-Care-Management im Zusammenhang mit Multimorbidität im Alter gelte Vielen immer noch nicht als richtige Forschung. »Es kann nicht sein, dass Hausärzte der Rationierung bezichtigt werden, die bei älteren Menschen, die teilweise mehr als zehn Medikamente bekommen, die Zahl der Arzneimittel reduzieren wollen«, betonte Schmacke. Innovationsbedarf bestehe deshalb vor allem für Versorgungskonzepte. Transparente Kriterien für eine Priorisierung müssten erst noch entwickelt werden und ihre Bewährungsprobe bestehen. Die Diskussion sei wichtig, um langfristig nicht immer nur den Kosten hinterherzulaufen. »Das frisst uns sonst die Haare vom Kopf«, so Schmacke. /

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