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Hochschulporträt

Hoher Praxisbezug im Studium

02.04.2013
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Von Sven Siebenand, Münster / Münster in Westfalen gilt nicht nur als Fahrradstadt, sondern auch als typische Studentenstadt. Wissen leben. Dieses Motto der Universität Münster wird im Studiengang Pharmazie definitiv auch umgesetzt. Bei einem Besuch in Münster konnte sich die PZ zudem davon überzeugen, dass großer Wert auf Lehre gelegt wird und auffallend viele Elemente mit starkem Praxisbezug bereits in den Stundenplan der Studenten integriert sind.

Studenten, Professoren und Mitarbeiter sitzen in Münster momentan auf gepackten Koffern, oder besser gesagt Kartons: Bisher befinden sich die Pharmazeutischen Institute noch an benachbarten, aber räumlich getrennten Standorten auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Uni. In wenigen Tagen werden die Institute für »Pharmazeutische Biologie und Phytochemie«, »Pharmazeutische und medizinische Chemie« sowie »Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie« in einem gemeinsamen Neubau zu einem »Zentrum für Arzneimittelwissenschaften« zusammenwachsen. Ab dem Sommersemester sollen Forschung und Lehre des Fachs Pharmazie dann nur noch hier stattfinden.

»Der Neubau wird einen wesentlichen Beitrag zur Vernetzung der pharmazeutischen Teildisziplinen leisten«, sagt der Pharmazeutische Technologe Professor Dr. Klaus Langer. In hochmodernen Laboreinrichtungen mit einer Geräteausstattung auf dem modernsten Stand der Technik ermögliche der Standort Münster optimale Bedingungen für Studium und Forschung sowie eine weitere Optimierung der Vernetzung.

 

Etwa 750 Studierende sind an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster für den Studiengang Pharmazie eingeschrieben. Jeweils zum Winter- und Sommersemester beginnen etwa 75 Studierende ihre Pharmazie-Ausbildung in Münster. Neun Hochschullehrer und zahlreiche wissenschaftliche Mitarbeiter vermitteln diesen das Wissen rund um das Arzneimittel. Birte Scharf und Monika Büning von der Fachschaft Pharmazie können das Umfeld der offenen Türen und kurzen Wege bestätigen. Der gute Kontakt zu den Hochschullehrern und Mitarbeitern eröffne den Studierenden eine sehr gute Betreuungssituation. »Diese Rahmenbedingungen führen am Standort Münster zu einer kurzen durchschnittlichen Studiendauer und einem hohen Studienerfolg«, fasst Langer zusammen.

 

PharMSchool-Konzept angelaufen

 

Bei der studentischen Ausbildung wird in Münster besonderer Wert auf die Verbindung der unterschiedlichen pharmazeutischen Ausbildungsinhalte gelegt. So wurde im Oktober 2012 durch finanzielle Unterstützung des Bundes und der Länder das »PharMSchool« genannte Konzept zur Verbesserung der Lehre durch Vernetzung der pharmazeutischen Disziplinen eingeführt. Etwa 400 000 Euro werden dafür in den ersten 4,5 Jahren insgesamt zur Verfügung gestellt. Studierende ab dem fünften Fachsemester erhalten, eingeteilt in kleine Gruppen, verschiedene arzneimittelbezogene Themen.

 

Diese Themen werden in allen Laborstationen des Hauptstudiums aufgegriffen und aus Sicht der jeweiligen Disziplin näher beleuchtet. Dieses Konzept fördert insbesondere das eigenständige wissenschaftliche Denken und die Vernetzung des pharmazeutischen Wissens. Langer nennt ein Beispiel: Eine Arbeitsgruppe befasst sich in den Praktika des Hauptstudiums etwa mit dem Thema Auge. Von Analytik typischer Augen-Arzneimittel über Heilpflanzen mit relevanten Inhaltsstoffen bis hin zur Herstellung von Ophthal­mika wird dieses Thema von vielen Seiten beleuchtet. Insgesamt werden etwa 20 Prozent der Praktikumszeit dem jeweiligen PharMSchool-Thema gewidmet. Am Ende des Hauptstudiums sollen die Ergebnisse dann in einer Vortragsveranstaltung und Posterpräsentation vorgestellt werden.

 

Bei den Studenten kommt das neue Konzept gut an. Scharf zufolge fördert es das selbstständige Arbeiten. Zudem begrüßt sie die Möglichkeit, mit eigenen Ideen die Inhalte der Praktika selbst im gewissen Rahmen beeinflussen zu können. Intensiv genutzt werde auch eine neu eingerichtete, webbasierte Lernplattform, zum Beispiel zur Kommunikation innerhalb der Gruppe oder zwischen den einzelnen Gruppen.

Steckbrief: Universität Münster

Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) Münster wurde 1780 durch Franz Freiherrn von Fürstenberg als »Vicecancellarius Universitatis« feierlich konstituiert und im Jahre 1805 zu einer preußischen Landesuniversität für Westfalen aus­gebaut. Im Jahre 1902 erhob Kaiser Wilhelm II. die zwischenzeitlich als Akademie geführte Einrichtung wieder in den Stand einer Universität. Seit dieser Zeit können Studierende pharmazeutisch-propädeutische Lehrveranstaltungen besuchen. Gegenwärtig (Stand: WS 2012/13) sind an der WWU 40 800 Studierende immatrikuliert, etwa 750 im Fach Pharmazie. Die WWU beschäftigt rund 550 Professoren und 4100 wissenschaftliche Mitarbeiter.

»Starke pharmazeutische Lehre ist uns sehr wichtig«, betont Langer. Die Lehre laufe nicht nur parallel zur Forschung, sondern sei ein wichtiger Schwerpunkt in Münster. Auffallend sind auch die vielen Elemente mit einem hohen Praxisbezug, die in das Hauptstudium integriert werden. Dazu zählen zum Beispiel Praktika im Rahmen des Wahlpflichtfachs Klinische Pharmazie, von denen Professor Dr. Georg Hempel berichtet. So können die Studenten zum Beispiel auf einer Krankenhausstation ein mehrwöchiges Praktikum absolvieren. Im Fach Pharmakologie, vertreten durch Professor Dr. Martina Düfer, gibt es im Rahmen des pharmakologisch-toxikologischen Demonstrationskurses ein Modul, in dem die Studenten kommunikativ im Umgang mit Patienten geschult werden und Fragetechniken üben. In Rollenspielen lernen die Studenten, wie sie vom Patienten die entsprechenden Auskünfte bekommen, die sie für die Arzneimittelberatung benötigen. Tipps und Ratschläge erhalten sie dabei von Psychologen, die diesen Kursteil mitbetreuen. Im Bereich Pharmazeutische Technologie werden im Rahmen eines Seminars erklärungsbedürftige Fertigarzneimittel durchgenommen, etwa Insulin-Pens oder Asthma-Devices. Zudem nehmen Studentengruppen regelmäßig an den Rezeptur-Ringversuchen des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker (ZL) teil. »Die Studenten sollen so lernen, Rezepturen herzustellen, wie sie auch später in der Offizin gefragt sind«, erklärt Langer. Er begrüßt die Möglichkeit, dass Universitäten kostenfrei an den Ringversuchen teilnehmen können und macht von diesem Angebot gerne Gebrauch.

 

In Zeiten des ABDA-KBV-Modells liegt auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Medizinern ganz im Trend. Alle pharmazeutischen Institute haben Forschungskooperationen mit den Kollegen aus der Medizin. Und bereits die Fachschaften kooperieren miteinander. Im sogenannten Teddybär-Krankenhaus-Projekt der Mediziner, in dem Kindern die Angst vor dem Krankenhaus genommen werden soll, sind nun auch die Pharmazeuten mit einer Teddybären-Apotheke integriert.

 

Bei der sogenannten Arzneitherapie-Konferenz im Rahmen des Fachs Pharmakologie besuchen angehende Apotheker und Ärzte eine gemeinsame Vorlesung und bearbeiten zusammen Patientenfälle. Düfer berichtet, dass sich in diesem Rahmen viele Möglichkeiten des interdisziplinären Austauschs ergeben und man gegenseitig voneinander profitieren kann. »Die Medizinstudenten sind häufig überrascht, wie viel die Pharmaziestudenten zur Arzneimitteltherapiesicherheit beitragen können«, so Düfer.

 

AMTS-Manager werden

 

In einem deutschlandweit bis jetzt einmaligen Projekt wird von der Universität Münster und der Apothekerkammer Westfalen-Lippe gemeinsam die Ausbildung der Pharmazeuten im Praktikum (PhiP) weiterentwickelt. Schwerpunkt von Seminaren, die für die Ausbilder in den Apotheken und die PhiP kostenlos angeboten werden, ist die Verbesserung der Arzneimittel­therapiesicherheit (AMTS). Damit ist in Münster ein fließender Übergang zwischen universitärer Lehre und der Ausbildung im dritten Abschnitt gegeben.

Die für Organisation und Durchführung dieses Projektes zuständige Apothekerin Isabel Waltering erklärt den genauen Ablauf. Um mitmachen zu können, müssen Apotheken­inhaber ihre Apotheke zunächst akkreditieren lassen. »Dazu gehören, neben den regelmäßigen Screenings in der Apotheke und Kontakten mit den verordnenden Ärzten, auch Gespräche mit dem Praktikanten in einem festen Turnus und ein ausführlicher Ausbildungsplan«, so Waltering. Zudem nehmen Praktikant und Ausbilder an einer vierstündigen Basisschulung teil. Diese Schulung beinhaltet die Grundlagen von AMTS und ihre Bedeutung im Apotheken­alltag und Implementierungsmöglichkeiten sowie Hinweise für die Optimierung der Ausbildung. Nach dieser Basisschulung wird die Apotheke für drei Jahre anerkannte Ausbildungsapotheke. Bereits qualifizierte Apotheken lassen sich unter www.ausbildungsapotheke.de finden.

 

»Auf der Basisschulung bauen drei jeweils achtstündige Seminare auf, in denen anhand bestimmter Indikationen die Implementierung von Medikationsmanagement gezeigt wird«, erklärt die AMTS-Koordinatorin. Auch an diesen Schulungen nehmen Ausbilder und Pharmazeut im Praktikum gemeinsam teil. Nach dem theoretischen Teil fertigen beide eine schriftliche Arbeit an, die zurzeit aus fünf Medikationsüberprüfungen besteht und nehmen an einem AMTS-Symposium teil. Als Abschluss erhalten alle Teilnehmer den Titel »AMTS-Manager«.

 

Masterstudiengang Arzneimittelwissenschaften

 

Zurück zur Uni: Neben dem Staatsexamensstudiengang bietet die Münsteraner Pharmazie den Masterstudiengang »Arzneimittelwissenschaften« an. Dieser Studiengang befasst sich mit dem gesamten pharmazeutischen Wertschöpfungsprozess, der von der Strategie pharmazeutischer Unternehmen bis hin zur Markteinführung reicht. Er steht außer Absolventen fachnaher Bachelorstudiengänge insbesondere auch den Absolventen der Pharmazie zur Verfügung und schließt eine Lücke, die den Übergang von der Arzneimittelentwicklung zur Markteinführung betrifft.

Pharmazeutische Forschung in Münster

Die wissenschaftliche Ausrichtung der Münsteraner Forschergruppen ist breit gefächert. Zu den Arbeitsschwerpunkten der chemischen Arbeitsgruppen zählen die Entwicklung neuer Liganden für Rezeptoren des Zentralen Nervensystems (Professor Dr. Bernhard Wünsch), antiproliferativ wirksame Substanzen (Professor Dr. Klaus Müller), Hemmstoffe der cytosolischen Phospholipase (Professor Dr. Matthias Lehr) sowie die Entwicklung von Wirkstoffassays durch Autodisplay rekombinanter Proteine (Professor Dr. Joachim Jose). Im pharmakologischen Bereich steht das Thema Diabetes im Vordergrund (Professor Dr. Martina Düfer). Im Feld der Klinischen Pharmazie werden Themen rund um die Therapieoptimierung in der pädiatrischen Onkologie sowie die Populationspharmakokinetik behandelt (Professor Dr. Georg Hempel). Die Arbeitsgruppen der pharmazeutischen Biologie beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit den Feldern der Glykobiologie (Professor Dr. Andreas Hensel) und der Struktur-Wirkungs-Beziehung sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe (Professor Dr. Thomas J. Schmidt). In der pharmazeutischen Technologie wird das Thema »Pharmazeutische Nanotechnologie« (Professor Dr. Langer) bearbeitet und damit die Pharmazie an den internationalen Nanotechnologie-Standort Münster angebunden (www.allianz-fuer-wissenschaft.de).

 

Die Münsteraner Pharmazie ist Mitglied in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Exzellenzcluster 1003 »Cells in Motion – CIM: Visualisierung und Verstehen zellulären Verhaltens in lebenden Organismen« (www.uni-muenster.de/CiMIC/) und dem vom Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten »Research Network Natural Products against Neglected Diseases (ResNet NPND)«. Die Pharmazie gehört an der Universität Münster zum Fachbereich »Chemie und Pharmazie« und ist damit in der vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten »NRW Graduate School of Chemistry« (www.uni-muenster.de/GSC-MS/) integriert.

Professor Dr. Bernhard Wünsch aus der Pharmazeutischen Chemie stellt klar, dass es sich bei dem Studiengang nicht um eine Konkurrenz zum Staatsexamensstudiengang Pharmazie handelt. Vielmehr ist es ein Aufbaustudium, mit dem Pharmazeuten innerhalb von zwei Semestern weitere Zusatzqualifikationen, etwa in Pharmakovigilanz, Patentrecht oder Betriebswirtschaftslehre, erwerben. »Zentrales Element des Studienganges ist die Erstellung einer Masterarbeit«, sagt Wünsch. Darin sieht der Apotheker einen wichtigen Vorteil: »So können die Studenten in einem kleineren Rahmen ausprobieren, ob ihnen wissenschaftliches Arbeiten liegt und sie möglicherweise an einer Promotion Interesse haben.« Dass auch dieser Studiengang gut ankommt, zeigt die Bewerberzahl. Mit 36 bis 38 Bewerbungen lag sie im vergangenen Jahr dreimal so hoch wie die Zahl der Studienplätze. Denn – aus Kapazitätsgründen – können maximal nur zwölf Bewerber pro Jahr angenommen werden.

 

Langer verweist zudem darauf, dass sich die Münsteraner Pharmazeuten auch um Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchsförderung kümmern. Einmal pro Jahr wird beispielsweise der Tag der Pharmazie durchgeführt, an dem Inhalte der Pharmazie den Besuchern nähergebracht werden. Dies passt auch zum »Münsteraner Konzept Arzneipflanzen«, auf die der pharmazeutische Biologe Professor Dr. Thomas J. Schmidt hinweist. Zur gezielten Vermittlung von zeitgemäßem Wissen über Arzneipflanzen verfolge man einen weitgefächerten ganzheitlichen Lehr- und Fortbildungsansatz, der auf Wissensvermittlung auf allen Alters- und Bildungsstufen beruht und unterschiedliche Vermittlungswege der Thematik nutzt. Dabei, so Schmidt, seien viele unterschiedliche Führungen im zwei Hektar großen Arzneipflanzengarten ein wichtiger Baustein. /

Bereits erschienen

In der Reihe »Hochschulporträt« stellt die PZ die Hochschulstandorte des Fachs Pharmazie in Deutschland vor. Welche bereits erschienen sind sehen Sie in unserer Rubrik Zum Thema unter Hochschulporträts.

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