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Eine Dosis Zukunft

In den Slums von Kalkutta

02.04.2012
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Von Daniela Biermann, Kalkutta / In Indien klafft die Schere zwischen Arm und Reich auseinander wie in kaum einem anderen Land. Die größten Verlierer sind die Kinder – zerlumpt, mangelernährt und oft krank. Die Apotheker in Westfalen-Lippe setzen sich für ein Impfprojekt der Kindernothilfe ein, bei dem auch die Lebensbedingungen der Familien verbessert werden.

Yasmina ist ein properes Kind – wie es sich für ein neun Monate altes Baby gehört. Sie sah vor ein paar Monaten noch ganz anders aus. Als ihre Mutter Sayada Bibi zum ersten Mal mit ihrem Kind zur mobilen Klinik von »Ärzte für die Dritte Welt – German Doctors« am Rande des Slums Santoshpur kam, war Yasmina schwer mangelernährt. Beim Kontrolltermin heute sind die Krankenschwestern mit Yasminas Gewicht zufrieden. Auch ihr Oberarmumfang, ein wichtiger Indikator für Unterernährung, legt kontinuierlich zu.

 

In der einfachen Hütte, die als Praxis dient, untersucht der deutsche Kinderarzt Dr. Hans-Peter Franken Yasmina noch einmal gründlich. Seit 1998 kommt er immer wieder nach Kalkutta, um ehrenamtlich für »Ärzte für die Dritte Welt« zu arbeiten. Die Ärzte sind Partner der Kindernothilfe, für die die Apotheker in Westfalen-Lippe Spenden sammeln. Jeden Dienstag und Donnerstag hält der Kinderarzt direkt im Slum Sprechstunde. Heute warten rund 20 Mütter und Großmütter mit den Kindern auf Strohmatten im Schatten vor der Hütte.

Im Schnitt hat der Pädiater 20 Minuten Zeit für jedes Kind – ein Luxus, den sich die allgemeinmedizinischen Sprechstunden nicht leisten können. Hier behandeln sechs deutsche Ärzte an wechselnden Orten täglich 300 bis 400 Patienten jeden Alters in den Slums. Schon früh morgens bilden sich lange Schlangen. Mit dabei sind eine Verbandsschwester und eine mobile Apotheke. An bestimmten Terminen impfen Krankenschwestern die Kinder: gegen Masern, Mumps, Röteln, Polio, Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Tuberkulose und Hepatitis B.

 

In der Kindersprechstunde verordnet der Kinderarzt hauptsächlich Vitamin- und Mineralstoffpräparate, hoch kalorische Erdnusspaste als Nahrungsergänzung und Medikamente wie Antipyretika oder wenn nötig Antibiotika. Eine indische Krankenschwester übersetzt und erklärt den Müttern die Einnahme. Sind die Kinder schwer mangel­ernährt oder leiden an Tuberkulose, kommen sie in spezielle Kliniken, die »Ärzte für die Dritte Welt« betreiben.

 

Teufelskreis Unterernährung

 

»Wir müssen immer wieder feststellen, dass wir die Kinder erst mühevoll aufpäppeln, um sie ein paar Monate später genauso mangelernährt und krank wiederzusehen«, berichtet Dr. Lisa Sous, Medizinische Projektleiterin bei »Ärzte für die Dritte Welt«, und erklärt: »Unterernährung fängt bei den Müttern an: Sie sind selbst mangelernährt, werden als Teenager verheiratet und bekommen Kinder, die wiederum mangelernährt auf die Welt kommen. Da die Mütter nie zur Schule gegangen sind, wissen sie wenig über gesunde Kinderernährung und Hygiene.« Sie wiegen selten mehr als 40 Kilogramm und leiden meist an Eisenmangel und Anämie. Im Schnitt wiegt ein Neugeborenes aus dem Slum bei der Geburt 2500 Gramm; deutsche Kinder bringen dagegen rund 3500 Gramm auf die Waage.

 

53 Prozent der Kinder, die an den Gesundheitsprogrammen teilnehmen, sind anfangs schwer unterernährt, der Rest ist moderat unterernährt, ergab eine Erhebung von »Ärzte für die Dritte Welt«. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) würde die Hälfte der Kinder Infektionen wie Lungenentzündung und Malaria überleben, wenn die Ernährung besser wäre.

Tabelle: Todesursachen bei unter Fünfjährigen weltweit

Todesursache Häufigkeit in Prozent
Tod in der Neugeborenen- phase 40
Durchfall 14
Lungenentzündung 13
Malaria 9
Verletzungen 3
HIV/Aids 2
Masern 1
Andere Ursachen 18
nach World Health Statistics 2011, WHO

Die Hauptmahlzeiten sind stark Kohlenhydrat-betont und bestehen oft nur aus Reis und Linsen. Fleisch und Fisch gibt es nur an Feiertagen. Viele Mütter können sich Obst und Gemüse einfach nicht leisten. Viele Kinder leiden unter schwerem Vitamin- und Mineralstoffmangel. Vor allem Vitamin A und D sowie Zink und Iod fehlen, was sich unter anderem in Sehstörungen, Rachitis und einer erhöhten Infektanfälligkeit äußert. Parasiten wie Würmer entziehen den Kindern zusätzlich wichtige Nährstoffe wie Eisen.

 

Gesunde Umgebung schaffen

 

Damit die Hilfe nachhaltig wirkt und die Kinder dauerhaft gesund bleiben, muss sich auch etwas an den Strukturen ändern. Deshalb arbeitet die Kindernothilfe nicht nur mit den »Ärzten für die Dritte Welt« zusammen, sondern auch mit der lokalen Organisation »Lake Gardens Women & Children Development Centre«.

 

Die kleine, aber gut etablierte Organisation schickt Sozialarbeiterinnen zu den Familien in die Slums. Vor allem klären sie die Frauen auf – über ihre Rechte und den Umgang mit Geld, über Hygiene und gesunde Ernährung. Sie zeigen zum Beispiel, wie man in Autoreifen, die mit sauberer Erde gefüllt sind, Papayas anpflanzt. Im Fachjargon heißt das »Self-Empowerment«. Krankenschwestern überprüfen, ob sich die Familien an die Medikation halten und erinnern an Arzt- und Impftermine. Zudem hilft die Organisation den Müttern, eine Existenzgrundlage aufzubauen, während den Kindern ein Schulbesuch ermöglicht werden soll.

Die Kindernothilfe, eines der größten christlichen Kinderhilfswerke in Europa, unterstützt das Projekt in Kalkutta finanziell und mit Know-how. Seit November 2009 ist die Apothekerkammer Westfalen-Lippe als Projektpartner mit dabei. Deren Präsidentin Gabriele Regina Overwiening erklärt die Motivation für dieses Engagement: »Für mich als Kammerpräsidentin war und ist es – neben den vielfältigen pharmazeutischen und gesundheitspolitischen Aufgaben – wichtig, auch über den Tellerrand des Tagesgeschäfts hinauszublicken. Wir haben daher nach einem Hilfsprojekt gesucht, mit dem wir Gutes tun und einen Bezug zur Pharmazie herstellen können und das zugleich öffentlichkeitswirksam ist.«

 

Seither sammeln die Apotheken in Westfalen-Lippe Spenden unter dem Motto »Eine Dosis Zukunft – zwei Euro für ein Leben«. Bisher sind rund 75 000 Euro zusammengekommen, allein 40 000 Euro im Jahr 2011.

 

Das Herzstück der Aktion bilden Spendensammlungen in den Apotheken. In mehr als 400 Apotheken sind Informationsbroschüren und Spendenboxen zu finden – Tendenz steigend. Über den aktuellen Stand informiert ein Spendenbarometer auf der Aktionshomepage www.eine-dosis-zukunft.de. »Einige Apotheken nutzen außerdem Aktionstage und Jubiläen, um Spendengelder zu sammeln«, sagt die Kammerpräsidentin. Sie machte sich im Februar selbst ein Bild, wie die Spendengelder in den Slums von Kalkutta eingesetzt werden.

 

Kaum sauberes Wasser und Toiletten

 

»Unfassbar, unter welch unwürdigen Bedingungen die Menschen hier leben müssen«, so die Apothekerin. Dicht gedrängt stehen die selbst gebauten Hütten entlang der Bahngleise. Das Land gehört der Regierung – hier werden die Menschen nicht so schnell vertrieben wie von Privatgelände.

In der Trockenzeit ist es staubig; während des Monsuns versinken die Hütten im Morast. In der Mitte der Siedlung liegt ein kleiner Teich – Brutstätte für Mücken, die Malaria und Dengue-Fieber übertragen.

 

Da es kaum Latrinen gibt, verrichten die Slumbewohner ihre Notdurft am Teichufer. Keine hundert Meter weiter waschen die Frauen ihre Haare oder spülen das Geschirr mit dem verkeimten Wasser. Dass dadurch ihre Kinder häufig an Durchfall erkranken oder gar daran sterben, ist den vielen Frauen aufgrund mangelnder Bildung nicht klar – oder sie können nichts daran ändern. Es gibt auf dem Gelände zwei Pumpen mit Zugang zu sauberem Wasser – für rund 1700 Familien. Auf 500 Personen kommt eine Toilette.

 

In einer Hütte teilen sich im Schnitt sieben Erwachsene und Kinder knapp zehn Quadratmeter. Die Männer schlafen auf, die Frauen unter gezimmerten Podesten. In den fensterlosen Verschlägen wird auch gekocht, auf einem Feuer aus getrocknetem Kuhdung, Holz oder Kohle. »Die Rauchentwicklung ist enorm und schädigt die Lungen der Bewohner, besonders der Kinder«, sagt Sous. »So leiden die Kinder häufig an Erkrankungen der Atemwege. Die Tuberkulose, die Seuche der Armen, ist allgegenwärtig in den dunklen feucht-warmen Behausungen der Menschen. Jeder Tb-Kranke steckt im Mittel 10 bis 15 Menschen in seiner Umgebung an.«

»Kalkutta liegt am Ganges . . .«

Kalkutta ist die Hauptstadt der Provinz Westbengalen. Sie liegt im Ganges-Delta im Nordwesten Indiens, nahe der Grenze zu Bangladesch. Der Fluss Hooghly (ausgesprochen »Hugli«), ein Arm des Ganges, durchfließt die Stadt. Sie wurde 1690 von der East India Company gegründet und war bis 1911 Hauptstadt von Britisch-Indien. Seit 2001 hat der bengalische Name Kolkata die englische Bezeichnung Calcutta als offiziellen Namen abgelöst. Kalkutta hat nach Angaben der Regierung rund 4,5 Millionen Einwohner und liegt damit auf Platz sieben der größten indischen Städte. Die Stadt wuchert jedoch enorm, und es leben wohl mehr als 14 Millionen Menschen im Großraum Kalkutta – damit ist es die drittgrößte Metropolregion Indiens. Schätzungsweise jeder dritte Bewohner Kalkuttas lebt in einem Slum. Rund um die Hauptstadt gibt es mehr als 5000.

Kleine Kinder sind besonders gefährdet, bei einer Infektion zu erkranken und zu sterben. »Dies gilt besonders, wenn die Kinder unter- oder mangelernährt sind«, betont die Ärztin.

 

Flüchtlinge im eigenen Land

 

Der deutsche Besuch löst in Santoshpur einen kleinen Aufruhr aus. Kinder in zerschlissenen Kleidern strömen aufgeregt herbei, wollen Hände schütteln und die Namen der Besucher wissen. Englisch sprechen die Kinder im Gegensatz zu ihren Altersgenossen der indischen Mittelklasse nicht. Auch Hindi, die offizielle Landessprache, oder Bengali, die örtliche Sprache, verstehen viele nicht. Ihre Eltern sind hauptsächlich Tagelöhner und Flüchtlinge aus den angrenzenden verarmten Provinzen Bihar und Jharkhand. Dort kommt es immer wieder zu bewaffneten Konflikten.

 

Die Bewohner der Slums Santoshpur am Rande der 14-Millionen-Metropole Kalkutta sind in der Regel nicht behördlich registriert. Damit haben sie keinen Zugang zu Lebensmittelrationen und zur kostenlosen Gesundheitsversorgung, die der indische Staat anbietet. Da die Slums offiziell nicht existieren, erscheinen sie auch nicht bei der Bedarfsplanung. Nach Schätzungen leben 93 Millionen Menschen in ganz Indien in Slums. Wie viele genau, weiß niemand.

Spendenkonto »Eine Dosis Zukunft«

Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Kontonummer: 090 111 90 28 BLZ: 300 606 01, Stichwort: Dosis Zukunft

 

Die Spendenkonten sowie Informationen zu anderen Hilfsorganisationen finden Sie unter Links zum Titelbeitrag.

»Hilfsangebote sind da, nur sagt es den Menschen hier keiner«, klagt die Inderin Saroja Gowder. Sie hat früher selbst als Sozialarbeiterin in den Slums gearbeitet und betreut mittlerweile die Projekte der Kindernothilfe in mehreren Ländern Asiens. Die Frauen haben praktisch keine Rechte und sind von ihren Männern abhängig. Die wiederum haben oft Alkohol- und Drogenprobleme. Gewalt und sexueller Missbrauch von Frauen und Kinder sind allgegenwärtig, berichtet Gowder. Von den eigenen Vätern missbrauchte Mädchen bringen immer wieder behinderte Kinder zur Welt. Aus Verzweiflung legen sich jährlich rund 50 Frauen in Santoshpur auf die Bahngleise, um sich das Leben zu nehmen.

 

An eine individuelle psychologische Betreuung ist nicht nur aus finanziellen Gründen nicht zu denken – die Hilfsorganisationen dürfen nur mit Einverständnis des Mullahs oder der Männer mit den Frauen zusammenarbeiten. Ärzte und Sozialarbeiter versuchen daher zunächst, die Mütter in Gesundheitsfragen zu erreichen. In wöchentlichen Treffen versuchen sie aber auch, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Position der Frauen zu stärken. Zum Beispiel zahlen die Frauen von den wenigen Rupien, die sie haben, monatlich in eine Gemeinschaftskasse. Sie lernen Haushaltsführung und finanzieren sich gegenseitig Mikrokredite, zum Beispiel um dem Ehemann den Kauf einer Fahrradrikscha zu ermöglichen.

 

Ziegel brennen statt Schreiben lernen

 

Nicht einmal die Hälfte der Slumkinder besucht nach Angaben der Hilfsorganisationen die Schule und kann den eigenen Namen schreiben. Indien hat in Bezug auf die Alphabetisierungsrate in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht – die offiziellen Zahlen täuschen aber über die Verhältnisse in den Slums hinweg. Viele Kinder müssen arbeiten: Sie helfen im Haushalt, passen auf ihre jüngeren Geschwister auf oder gehen betteln.

Andere trifft es noch härter, wie die Kinder in den »Brickfields«. Außerhalb von Kalkutta liegen Hunderte dieser Ziegelfelder mit primitiven Hochöfen. Hier stellen Familien in mühevoller Handarbeit während der Trockenzeit Lehmziegel her. Es sind Wanderarbeiter, die für ein halbes Jahr hierher kommen und in der Regenzeit zurück in ihre Dörfer ziehen.

 

Die deutsche Gruppe um Overwiening hat die seltene Gelegenheit, eine der Ziegelfabriken zu besichtigen. Laut Pächter darf kein Kind unter 14 bei ihm arbeiten. Kontrollieren könne er das jedoch nicht, räumt er ein. Denn die Familien werden pro 1000 vorgefertigter Ziegel bezahlt. Da könne es schon mal sein, dass die Eltern ihre Kinder mithelfen lassen, gibt der Pächter zu. Die Mädchen, die aus der Asche noch brauchbare Koksstücke herausfischen und in großen Körben auf dem Kopf zum Hochofen tragen, sehen kaum älter als 14 aus.

 

Die Gesichter vieler Kinder sind ernst; kein Lächeln ist ihnen zu entlocken. Nicht einmal, wenn sie eine Packung Kekse bekommen – als Belohnung nach der Impfung. Einmal im Monat darf ein Team von »Ärzte für die Dritte Welt« die Kinder auf dem Fabrikgelände während der Mittagspause besuchen. Die Ärzte impfen nach dem von der WHO empfohlenen Schema gegen Polio, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Masern, Hepatitis B und Tuberkulose. Unter großem Geschrei gibt es eine Spritze links, eine Spritze rechts und noch Vitaminsaft. »Der kombinierte Sechsfach-Impfstoff wäre zu teuer, daher impfen wir zum Beispiel mit der DPV-Vakzine«, erklärt Sous.

Mit den Spenden aus Westfalen-Lippe konnten rein rechnerisch genau 12 586 Kinder nach WHO-Schema geimpft und 10 069 gegen Tuberkulose behandelt werden (Stand: 14. März 2012). »Seit Beginn unserer Impfaktion hat sich der Gesundheitszustand der Kinder in den Ziegelfeldern deutlich verbessert«, freut sich Overwiening. Sie werden seltener krank und die Kindersterblichkeit ist gesunken.

 

Sous erläutert: »Es war harte Arbeit, die Pächter davon zu überzeugen, uns herkommen zu lassen. Aber sie haben gesehen, dass es sich auch für sie lohnt. Da die Fabrikbesitzer für die medizinische Versorgung der Arbeiter aufkommen müssen, sparen sie Geld. Und die Eltern gesunder Kinder arbeiten besser.«

 

Tb-Medikamente unbezahlbar

 

Impfungen sind unbestritten eine der medizinisch und finanziell effizientesten Maßnahmen im Kampf gegen Infektionskrankheiten. Vor Tuberkulose schützt der einzig verfügbare BCG-Impfstoff jedoch nicht zuverlässig.

 

Die Tuberkulosemittel stellt das nationale Tb-Kontrollprogramm an lizenzierte Partner wie das St.-Thomas-Home kostenlos zur Verfügung. In dem Haus der evangelischen Diözese von Kalkutta sind die »Ärzte für die Dritte Welt« ebenfalls aktiv. Die deutlich teureren Medikamente gegen multiresistente Erreger bezahlt der indische Staat jedoch nicht. Die Finanzierung übernehmen die Hilfsorganisationen. Da Resistenzen immer häufiger auftreten, ist der Bedarf kaum zu decken.

 

Krankenhausplätze wie im St.-Thomas-Home sind rar. Nur schwerstkranke Frauen und Kinder werden hier stationär aufgenommen. Die Patientinnen mit multiresistenter Lungentuberkulose sind in einem eigenen Trakt unter­gebracht. Atemmasken und strikte Hygiene sind der einzige Schutz der Ärzte und Krankenschwestern.

So funktioniert Entwicklungszusammenarbeit

Seriöse Organisationen setzen heutzutage auf Partnerschaft – weg von der »Entwicklungshilfe« für abhängige Länder, hin zu einem gemeinschaftlichen Management. Es sollen nicht nur Sachwerte wie Medikamente geliefert, sondern auch die landeseigenen Strukturen aufgebaut und gestärkt werden. Dazu gehört zum Beispiel die Schulung von medizinischem und pharmazeutischem Personal.

 

Landesfremde Organisationen suchen sich für konkrete Projekte einen verlässlichen lokalen Partner, der bereits in der Region etabliert ist. Die Kindernothilfe beispielsweise fördert mittlerweile 958 Projekte in 29 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa (Stand: 21. März 2012). Aufgaben wie Buchhaltung, Controlling und inhaltliche Begleitung der Projekte in Indien übernimmt dort die einheimische Organisation »Holistic Child Development India«. Diese wiederum arbeitet mit vielen kleinen, lokalen Partnern wie »Lake Gardens« zusammen.

 

Wenn nun in deutschen Apotheken für das Kalkutta-Projekt gespendet wird, überweist die Kammer das Geld an die Kindernothilfe. Letztlich landet es bei »Lake Gardens« und »Ärzte für die Dritte Welt«, die wiederum mit dem kirchlichen Träger von St.-Thomas-Home zusammenarbeiten. Das Geld aus den Apotheken wird ausschließlich für die medizinische Komponente des Projekts genutzt.

 

Die scheinbar komplizierte Struktur ist höchst effizient: 85,8 Prozent der Spendengelder fließen tatsächlich in die Projekte. Die Verwaltungskosten der Kindernothilfe liegen lediglich bei 14,2 Prozent. Sie trägt das DZI-Spendensiegel und hat bereits Transparenzpreise für den Umgang mit Spendengeldern erhalten.

»In Deutschland kämen solche Patienten auf die Isolierstation«, erklärt Dr. Tobias Vogt, der seit mehr als zehn Jahren für »Ärzte für die Dritte Welt« in Indien ist. Hier muss die relativ einfache räumliche Trennung reichen. Die Patientinnen dürfen die Station monatelang nicht verlassen – zumindest theoretisch. »Wir sind ja kein Gefängnis«, so Vogt. »Wenn eine Patientin nach Hause will oder muss, können wir sie nicht daran hindern.«

 

Der Großteil der Tb-Patienten wird ambulant behandelt. Dabei ist die Compliance ein großes Problem. Um sicherzugehen, dass die Patienten ihre Medikamente in der richtigen Dosierung zum richtigen Zeitpunkt bekommen, werden sie nach DOTS behandelt, dem sogenannten Directly Observed Treatment Short-Course. Dafür müssen die Kranken mehrmals wöchentlich in die Ambulanz kommen und die Tabletten unter Aufsicht einnehmen. Bei dieser Gelegenheit bekommen sie auch etwas zu essen. Erscheint ein Patient nicht zum vereinbarten Termin, holt ihn ein Mitarbeiter von St.-Thomas-Home zu Hause ab.

 

»Manche Patienten brauchen viel häusliche Betreuung und Ermutigung, um die monatelange Behandlung durchzuhalten«, berichtet Vogt. Mehr als 85 Prozent der Patienten schließen ihre Therapie im St.-Thomas-Home erfolgreich ab.

Ein großes Problem für die Resistenz­entwicklung sind die sogenannten Quacks, selbst ernannte Heiler. Sie verschreiben den Patienten die in Indien nicht rezeptpflichtigen Antituberkulotika – selten in der richtigen Dosierung und vor allem nicht über die nötige Therapiedauer von sechs Monaten und mehr. In jahrelanger Überzeugungsarbeit ist es den »Ärzten für die Dritte Welt« gelungen, die Quacks in das Tuberkuloseprogramm einzubinden. Kommt ein Patient mit Tb-Symptomen zu ihnen, verzichten die Heiler auf eine Verschreibung und schicken ihn zu den Ärzten in St.-Thomas-Home. So kann die Diagnose früh gestellt und die stigmatisierende Krankheit geheilt werden.

 

Denn oft suchen die Kranken erst Hilfe, wenn die Tuberkulose schon einen Großteil der Lunge zerfressen oder andere Organe wie Darm, Gehirn oder Knochen befallen hat. Im St.-Thomas-Home liegt ein junges Mädchen mit Querschnittslähmung. Die Tuberkulose hat einen Wirbelkörper zerstört und die tuberkulösen Eitermassen drücken auf das Rückenmark. »Was sollen wir jetzt mit ihr machen?«, fragt sich Vogt. »Sie mit einem Rollstuhl zurück in den Slum schicken?« Falls sie keine Verwandten hat, die sich um sie kümmern, blieben ihr nur Betteln oder Prostitution. Auf der anderen Seite warten Hunderte weiterer Patienten auf ein freies Krankenbett. Es ist ein Kampf gegen schier unendliches Leid – doch jedes einzelne Leben, jeder einzelne Euro macht einen Unterschied.

Kammerpräsidentin Overwiening ist nach der Projektreise von der Arbeit der Hilfsorganisationen und vom Engagement der einzelnen Personen noch tiefer beeindruckt. »Ich bin mehr denn je von unserem Projekt überzeugt. Denn es setzt genau an der richtigen Stelle an: Die Kinder erhalten durch Impfungen die Chance, sich gesund zu entwickeln. Das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche, selbstgestaltete Zukunft.«

 

Overwiening wünscht sich eine nachhaltige Fortsetzung: »Mit etwa 70 000 Euro Spenden jährlich bleibt das Projekt dauerhaft gesichert.« Mit 100 000 Euro könnten die Ärzte alle Kinder in neun großen Slums von Kalkutta und in den Ziegelfabriken grund­immunisieren. »Wir freuen uns daher über jede zusätzliche Apotheke, die mitmacht«, so Overwiening. »Natürlich auch aus anderen Kammerbezirken!« Interessierte Apotheken können eine Spendendose und Informationsmate­rial bei der Kammer Westfalen-Lippe anfordern. Für eine kleine Dosis Zukunft. /

Die Autorin

Daniela Biermann studierte Pharmazie an der Philipps-Universität, Marburg. Einen Teil ihres praktischen Jahres forschte sie an der medizinischen Fakultät der National University of Singapore. Die Ergebnisse mündeten in eine Diplomarbeit, die sie an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, verteidigte. 2007 erhielt sie die Approbation. Nach einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitete sie zunächst in der Redaktion in Eschborn und ist nun in Hamburg tätig.

 

E-Mail: biermann(at)govi.de

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