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Ausstellung

Normal ist relativ

04.04.2011
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Von Conny Becker, Berlin / Norm ist, wie die Masse lebt und denkt. Wer wegen einer geistigen oder körperlichen Behinderung davon abweicht, wird schnell als »nicht normal« abgetan. Die aktuelle Ausstellung im Berliner Kleisthaus stellt solche Kategorisierungen infrage und hält dem Mainstream einen Spiegel vor.

Als die Tür zufällt, ist alles schwarz. Doch Geräusche leiten einen weiter, bis man schließlich den schweren schwarzen Vorhang beiseiteschiebt und in einen kleinen Kinosaal stolpert.

Die Ausstellung »Nicht normaal – Difference on display« zeigt dem Besucher gleich zu Beginn seine Grenzen auf und überlässt ihn dann einem surreal anmutenden Film, in dem die beiden Protagonisten geistig beziehungsweise körperlich behindert sind. Die bosnische Künstlerin Danica Dakic hat ihnen für »First Shot« (2007/2008) Masken aufgesetzt, die das Down-Syndrom des einen und die Sprachstörung des anderen jedoch nicht ganz verdecken. So verkleidet lässt sie die Laienschauspieler eine Art Pantomime aufführen, die von Zwischenmenschlichkeit und Identitätsbildung handelt. Doch müssen sich Menschen, die von der Norm abweichen, verstellen, um sich möglichst gut anzupassen und nicht aufzufallen? Soll unsere Gesellschaft eine Ansammlung uniformer Bürger sein? Die Ausstellung gibt hierauf eine klare Antwort, plädiert für die Vielfalt und präsentiert mit Werken von 20 internationalen Künstlern gerade das Ungewohnte.

 

Sind wir noch normal?

 

Die meisten Arbeiten im Kleisthaus thematisieren weniger eine Behinderung, sondern eher die Frage, was wir als normal empfinden und ob diese Definition Sinn macht. Schließlich erhalten Begriffe wie Normalität und Differenz nur im Verhältnis zum Kontext eine Bedeutung, so Kuratorin Ine Gevers in ihrem Katalogbeitrag. In einem Video von Daniel Guzmán etwa wird ein Mann, der durch die Straßen von Mexiko City zu dem Lied »New York Groove« tanzt (ohne dass es für die Passanten zu hören wäre), von diesen mitleidig bis misstrauisch betrachtet. Doch wieso finden wir es befremdlich, wenn jemand ohne erkennbaren Anlass auf der Straße tanzt? Ist der Tanz doch Ausdruck der Freiheit, eine Geste entwaffnender Unschuld, die wir aber in Alltagssituationen nur Kindern zugestehen und die ansonsten einem Tabubruch gleichkommt. Ist es nicht viel absurder, dass in New York das Tanzen in Bars verboten ist, wenn diese nicht eine der seltenen Lizenzen zum Tanzen innehaben?

Die Berliner Ausstellung schafft es, unseren gesellschaftlichen Status quo zu hinterfragen, ohne selbst direkt Position zu ergreifen oder zu werten. Beleuchtet wird dabei insbesondere unser Verhältnis zur Krankheit, das Streben nach gesundheitlicher Sicherheit, der medizinische Fortschritt. Das Künstlertrio mit dem charakteristischen Namen Pharmacopoeia etwa hat eine immense Vitrine aufgebaut, in die es rund 19 000 Tabletten einsortierte, arrangiert nach verschiedenen Krankheiten und ästhetischen Aspekten. Daneben finden sich Fotos aus Familienalben, wie sie jeder von zu Hause kennt, sowie einige Alltagsgegenstände: ein voller Aschenbecher, die Bibel oder ein Golfball. Anlass zu der Installation gab eine Erhebung zum durchschnittlichen lebenslangen Arzneimittelverbrauch eines Niederländers. Ob ein solcher Konsum normal ist, muss man sich als Betrachter unwillkürlich fragen, und dass »normal« keineswegs »gesund« heißt, wird hier sofort deutlich.

 

Intelligenter Sperma-Selektor

 

Zwei fiktive, aber dokumentarisch anmutende Arbeiten illustrieren schließlich, dass medizinischer Fortschritt auch seine Schattenseiten hat und jede neue Technik ein neues Risiko birgt. Lustig bis bedrohlich wirkt das Video von Floris Kaayk, das von der mysteriösen Krankheit »Metalosis Maligna« handelt. Bei Betroffenen beginnen zuvor eingesetzte Implantate aufgrund einer Infektion mit Streptococcus metalosis maligna zu wuchern – eine Art Graft-versus-host-Reaktion, die die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Technik verdeutlicht.

Näher an der Realität, aber nicht weniger erschreckend, ist die Arbeit von Andreas Vinther Mølgaard, der mittels Poster und Diashow für ein Konzeptions-Kondom wirbt, ein sogenanntes »Nicht-Verhütungsmittel mit intelligentem Sperma-Selektor«. Der Künstler imitiert gekonnt die Werbestrategien pharmazeutischer Unternehmen, liefert Statistiken, Graphen sowie Illustrationen zum Aufbau und Wirkungsmechanismus des Kondoms, das gegen die häufigsten genetischen Defekte schützen soll: Während des Koitus läuft innerhalb von vier Minuten eine DNA-Analyse ab, woraufhin nur gesunde Spermien durch die semipermeable Membran gelassen werden. Die zwischen 2005 und 2007 entstandene Arbeit ist angesichts der anhaltenden Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik heute aktueller denn je.

 

Nicht Ausschluss, sondern »Inklusion«, das heißt jeden teilhaben zu lassen – das ist das Credo vom Kleisthaus, dem Dienstsitz des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Hier bedeutet ein barrierefreier Zugang zur Ausstellung nicht nur, dass die Räume rollstuhlgeeignet sind, sondern er schließt auch die intellektuelle Ebene mit ein. So sind erläuternde Texte zu den Kunstwerken zusätzlich in Brailleschrift sowie in Leichter Sprache verfasst. Größer gedruckt und in zumeist kurzen Hauptsätzen werden hier auch die Fragen konkret formuliert, die die jeweilige Arbeit aufwirft. Dies stimmt einen zusätzlich nachdenklich, weil man zum einen in die einfache Denkstruktur anderer eintaucht und zum anderen ungewöhnlich direkt auf die verschlüsselten Intentionen gestoßen wird. /

»Nicht normaal – Difference on display«, bis zum 26. Mai 2011, Mo bis Fr 10 bis 18 Uhr, Kleisthaus, Mauerstraße 53, 10117 Berlin. Der Eintritt sowie der Ausstellungskatalog sind kostenlos, Infos zu abendlichen Veranstaltungen unter: www.kleisthaus.de.

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