| Jennifer Evans |
| 29.05.2026 16:00 Uhr |
Inspiriert von mittelalterlichen Manuskripten stellt die Künstlerin Poppy Nash auf einem Bettbezug dar, wie man sich gut auf den Tod vorbereitet. / © PZ/Evans
Die Medizingeschichte erzählt meist aus der Sicht von Ärztinnen und Ärzten oder Krankenhäusern. Erfahrungen von Patientinnen und Patienten treten dagegen oft in den Hintergrund. Dabei verändert sich für sie vieles, sobald sie die Welt plötzlich im Liegen wahrnehmen müssen.
Eine Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum rückt deshalb den Blick jener Menschen in den Mittelpunkt, für die das Krankenbett vorübergehend oder dauerhaft zum Lebensraum wird. Dieser Perspektivwechsel vom Stehen zum Liegen erzählt auch von Macht und Ohnmacht, erklärt Professorin Monika Ankele, Direktorin des Museums und Kuratorin der Ausstellung. Historisch steht die horizontale Körperhaltung für Passivität, Abhängigkeit und Niederlage, während Aufrichtung Handlungsfähigkeit, Autonomie und Kontrolle symbolisieren.
»Dabei erscheint das Bett in unserer Ausstellung als medizinischer, sozialer und kultureller Raum zugleich sowie als Ort der Isolation, aber auch der Imagination und des politischen Handelns«, betonte sie bei einer Presseveranstaltung. Das Museumsteam verknüpfte historische Objekte, Archivmaterial, künstlerische Arbeiten, aktivistische Perspektiven und Stimmen von Betroffenen – vom 19. Jahrhundert bis heute.
Als um das Jahr 1800 Krankenhäuser als Behandlungs- und Lehranstalten entstanden, diente das Bett vor allem der Organisation. Es strukturierte die Krankensäle, regelte die Abläufe und ermöglichte es, Erkrankte zu beobachten und zu versorgen – zeitgleich. Parallel veränderte sich die medizinische Ausbildung. Studierende lernten am Krankenbett, Symptome an liegenden Körpern zu erkennen. Künstler porträtierten Schwerkranke, damit angehende Mediziner Krankheiten anhand äußerer Merkmale unterscheiden konnten.
Im späten 19. Jahrhundert gewann das Liegen eine neue therapeutische und kulturelle Bedeutung. Zum einen verbreitete sich die Neurasthenie – eine Erschöpfung, die man der Reizüberflutung moderner Lebensverhältnisse zuschrieb. Der US-Neurologe George Miller Beard prägte den Begriff 1869. Zum anderen litten immer mehr Menschen in Großstädten an Tuberkulose. Für beide Diagnosen verordneten die Mediziner Freiluftliegekuren, um Nerven und Lungen zu stärken. Viele Sanatorien, Heilstätten und Waldschulen entstanden in dieser Zeit, weil Erholung als zentraler Teil der Genesung galt.
Feministinnen kritisierten die verordneten Ruhekuren bei Nervenschwäche jedoch als Form sozialer Kontrolle. Der Neurologe Silas Weir Mitchell entwickelte diese Therapie – vor allem für Frauen. Geprägt war sie von reichhaltiger Ernährung, strikter Bettruhe, gezielter Muskelstimulation sowie dem Verbot geistiger Tätigkeit. Unter anderem die britische Schriftstellerin Virginia Woolf prangerte an, wie diese medizinische Isolation die intellektuelle Entfaltung von Frauen unterdrückte und ihre Autonomie pathologisierte.