| Jennifer Evans |
| 29.05.2026 16:00 Uhr |
Auch Sigmund Freud nutzte die horizontale Körperhaltung für seine Psychoanalyse. Er ging davon aus, dass sich Gedanken und Erinnerungen im Liegen freier entfalteten. Kulturwissenschaftlich betrachtet passte das Liegen auf dem Sofa zu seiner Theorie: eine schlafähnliche Entspannung, oft mit sexueller Konnotation.
Zurück zum Krankenbett: Wird es zum Lebensmittelpunkt, entsteht für Betroffene ein Mikrokosmos. Essen, Lesen, Gespräche, Schlafen und selbst mitunter der Toilettengang finden dort statt. Die Gegenstände auf den Betttischen erzählen individuelle Geschichten. Besonders Kinder kämpfen im Krankenhaus mit der Langeweile. Deshalb kamen Bücher mit Spiel‑ und Bastelideen fürs Krankenbett auf den Markt.
Liegen kann aber auch Protest bedeuten, wie Ankele berichtete. Sie verweist auf Aktionen wie die »die in’s« (Sterbetreffs) des Aids-Aktivismus in den 1980er-Jahren oder den »Frauen*Streiks« in Wien 2025. Liegende Körper irritieren dabei im öffentlichen Raum und stören Abläufe – genau dadurch erzeugen Aktivistinnen und Aktivisten Aufmerksamkeit. Sie machen sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: Krankheit, Stigmatisierung, Care-Arbeit oder die Opfer einer Epidemie.
Solche Aktionen bringen das öffentliche Leben für kurze Zeit buchstäblich zum Erliegen. Seit Mai 2023 nutzen auch die »LiegendDemos« diese Protestform, um mehr Solidarität für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) einzufordern – eine Multisystemerkrankung, die mit massiver Erschöpfung einhergeht.
Die Auseinandersetzung mit dem Krankenbett zeigt, wie eng medizinische Routinen, gesellschaftliche Normen und politische Handlungen miteinander verflochten sind. Wer einmal die liegende Perspektive bewusst erlebt hat, erkennt, dass sie nicht nur persönliche Bedeutung hat.
Die Sonderausstellung ist noch bis zum 2. Mai 2027 im Berliner Medizinhistorischen Museum am Campus Charité Mitte, Charitéplatz 1 in Berlin zu sehen.