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Charité-Ausstellung

Lebendig begraben

25.04.2018
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Von Jennifer Evans, Berlin / Die Angst, zu früh bestattet zu werden, erreichte ab Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die neue Ausstellung im Medizinhistorischen Museum beleuchtet das Phänomen Scheintod und schlägt immer wieder einen Bogen in die Gegenwart.

Grafiken, Kupferstiche, Installationen, Projektionen, Hörstationen und Exponate erzählen die Geschichte von der Furcht, lebendig begraben zu sein. »Es ist eine historische Ausstellung im modernen Kleid«, sagte Museumsdirektor Professor Dr. Thomas Schnalke bei der Pressevorbesichtigung vergangenen Donnerstag in Berlin.

Von der Antike bis ins frühe 18. Jahrhundert galt ein Mensch als tot, wenn Herzschlag und Atmung fehlten. Einfache Methoden dienten Medizinern als Beweis. Zum Beispiel beobachteten sie, ob eine Feder bewegungslos auf dem Mund einer Person liegen blieb oder die Wasseroberfläche in einem auf dem Brustkorb platzierten Glas sich kräuselte. Mit den neuen naturwissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen in der Aufklärung begannen Wissenschaftler, die Eindeutigkeit des Todes in Zweifel zu ziehen. Der Glaube an ein Leben im Jenseits schwand, das Diesseits galt als bedeutender und Ärzte begannen zunehmend, mit toten Körpern zu experimentieren.

 

Trügerischer Tod

 

In der Bevölkerung wuchs in dieser Zeit die Angst, lebendig begraben zu werden. Mit Schuld an dieser »Hysterie« war Jean-Jacques Bruhier, sagte Raik Evert von »h neun Berlin – Büro für Wissenschaftsarchitekturen«, das die Ausstellung entwickelte. Der französische Arzt habe eine Schrift aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt und die Inhalte so 1742 für eine breite Leserschaft verständlich gemacht.

Seine wissenschaftlichen Abhandlungen schmückte Bruhier mit Erzählungen über Scheintote aus, berichtete von Schreien aus Gräbern oder Kratzspuren in Särgen. Seiner Ansicht nach waren die Anzeichen des Todes trügerisch und jeder war gefährdet, lebendig begraben zu werden. Europaweit habe Bruhier Debatten entfacht und Furcht erzeugt, so Evert. Befeuert davon, dass seinerzeit selbst die Medizin zugab, keine klaren Grenzen zwischen Leben und Tod ziehen zu können. Schnalke weist darauf hin, dass es bis heute gesetzlich vorgeschrieben ist, an der Türinnenseite von Leichenkühlzellen eine Notentriegelung zu befestigen.

 

In der Scheintod-Diskussion mischte der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland – später Direktor der Charité – mächtig mit. Auf sein Drängen hin entstand 1792 das erste Leichenhaus in Weimar. Darin, so glaubte Hufeland, konnten die Toten so lange beobachtet werden, bis die Verwesung einsetzt. Fäulnis war seiner Ansicht nach der einzig verlässliche Anhaltspunkt für den Tod.

 

Mitte des 18. Jahrhunderts erforschten Wissenschaftler den menschlichen Körper unter neuen Blickwinkeln und wollten herausfinden, ob der Tod rückgängig gemacht und vermeintlich Scheintote zurück ins Leben geholt werden konnten. Die Methoden dafür waren vielfältig. Mithilfe von Einläufen aus Sennablättern und Brechweinstein oder breiigen Umschlägen aus Käsepappel, Holunderblüten und Huflattichblättern versuchte man, körperliche Reaktionen hervorzurufen oder Hautirritationen durch die Anwendung von Pflastern aus gemahlener Spanischer Fliege zu provozieren.

Mit Elektrizität, chirurgischen Eingriffen oder Kräuterbehandlungen wurden die Körper »Reiztherapien« ausgesetzt, um so einen vielleicht noch vorhandenen Lebensfunken zu aktivieren. Auch vor der Trepanation machten die Mediziner nicht Halt. Durch das Öffnen des Schädels sollte – ähnlich wie beim Aderlass – »gestauter Lebenskraft« der Druck genommen werden. Mithilfe von Klistieren pumpte man außerdem Tabak in den Darm. Viele der Instrumente, die bei diesen eher groben Methoden zum Einsatz kamen, sind in der Ausstellung zu sehen. Und vermutlich waren nicht zuletzt sie es, die den Betroffenen schließlich den Todesstoß versetzten, vermutet Schnalke. Dennoch – der Gedanke der körperlichen Reizung habe sich bis in die moderne Medizin erhalten. »Man denke etwa an eine Behandlung mit Defibrillation bei Herzflimmern«, so der Museumsdirektor.

 

Auf der Leiter zurück ins Leben

 

Die herrschende Angst vor dem Scheintod rief auch Erfinder auf den Plan. Sie entwickelten Sicherheitsapparaturen und Rettungssärge für vermeintlich lebendig Begrabene. Über ausgefeilte Mechanismen sollten etwa Bewegungen im Sarg an der Oberfläche sichtbar werden und sich zudem eine automatische Luftzufuhr öffnen. Bei einigen Modellen läutete bei einem Lebenszeichen außerdem eine Glocke oder es erschien eine Fahne. Bei anderen Konzepten war der Leichnam über Seile mit einem Rettungswecker verbunden, der wiederum die Kirchenglocke aktivierte.

Einige integrierten in ihre Sargkonstruktion eine Vorratskiste mit Lebensmitteln sowie eine Leiter für das Wiederemporsteigen. Viele Bastler ließen sich ihre Erfindungen sogar patentieren. Allerdings haben die meisten Ideen den Ausstellungs-Initiatoren zufolge keinen reißenden Absatz gefunden. Einen Gegenentwurf zu den vielfältigen Rettungsmaßnahmen gab es jedoch auch. Um letzte Zweifel an ihrem Tod auszuräumen, verfügten einige Menschen testamentarisch, dass ein Arzt bei ihnen einen finalen Herzstich ausführen sollte. Ein entsprechendes Herzstichmesser, wie es um 1800 in Gebrauch war, ist Teil der Ausstellung.

 

Organspende-Debatte

 

Zumindest aus den Leichenhäusern dieser Zeit seien jedoch keine Fälle von wieder erwachten Toten bekannt, so Schnalke. Die vorsichtshalber an ihren Gliedmaßen angebrachten Klingelsysteme hätten Alarm bei den Wächtern ausgelöst, und das wäre sicher dokumentiert worden. Überlieferte Beispiele für die Zweifel an der Eindeutigkeit des Todes gibt es dennoch: zum Beispiel die Märchenfigur Schneewittchen. »Sie zählt zu den bekanntesten Scheintoten«, sagt der Museumsdirektor. Das Thema sei in der Literatur immer wieder aufgegriffen worden. Auch Mary Shelleys »Frankenstein« sei ein Zeugnis davon.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts verebbte die Scheintod-Angst langsam. Die Menschen vertrauten immer mehr naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zur Feststellung des Todes. Diskussionen und Ängste gibt es aber auch heute noch, wenn es um die Definition des »Hirntods« geht. Dem Thema widmet die Ausstellung einen eigenen Raum. Erläutert wird, wie ein sogenannter irreversibler Hirnfunktionsausfall festgestellt wird, der intensivmedizinisch über Atemstillstand und Herztod hinaus als das entscheidende Kriterium für den Tod eines Menschen gilt. Während andere lebensnotwendige Organfunktionen künstlich erhalten werden können, geht das beim Gehirn nicht. Angesichts der immer noch geringen Organspendenbereitschaft in Deutschland will die Ausstellung Schnalke zufolge auch dazu anregen, über Themen wie Organentnahmen und Transplantationen nachzudenken. Eine wissenschaftliche Vorlesungsreihe begleitet die Schau, die bis zum 18. November 2018 zu sehen sein wird. /

»Scheintod. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden«

Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité

 

www.bmm-charite.de/ausstellungen/sonderausstellung.html

 

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