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Ausstellung

Auf den Spuren der Seele

23.05.2016
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Von Lena Keil, Berlin / Bereits in der Antike diskutierten Ärzte und Philosophen über die menschliche Seele: War sie der Sitz des menschlichen Geistes oder der Psyche? Gab es sie überhaupt? Um die antiken Vorstellungen von Körper und Seele geht es jetzt in einer Ausstellung des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité.

Während der Seele heute eine vorwiegend emotionale Bedeutung zugesprochen wird, spielte sie in der antiken Medi­zin eine ganz praktische Rolle. Demnach versorgte sie den Körper mit Informationen und Energie, wodurch Leben, Wachstum und Entwicklung ermöglicht wurden. Zu ihren Aufgaben gehörten die Wahrnehmung und das Erkennen ebenso wie das Denken und Entscheiden. 

 

Der Begriff der »Seele« fand zu antiker Zeit vor allem in Bezug auf die Lebenskraft Verwendung. Angesichts ihrer vielen vermuteten Funktionen glaubte man, dass die Seele wesent­lich die menschliche Vernunft mitbestimmt und den Organismus koordiniert und kontrolliert. Auch die Belebung eines Körpers erfolgte erst durch die Aufnahme der Seele über die Atemluft.

 

Obwohl die damalige Auffassung über Körper und Seele vom heutigen Verständnis abweicht, sind die antiken Theorien aber der Ursprung der modernen Medizin. »In der Ausstellung ging es uns darum, zu zeigen, dass es sich lohnt, die antiken Gedankengänge nachzuverfolgen«, so die Kuratorin, Uta Kornmeier. Dabei fußen die frühen Vorstellungen vom menschlichen Organismus unter anderem auf den Ansätzen von Hippokrates, Platon oder Aristoteles.

 

Herz oder Kopf?

 

Doch wo war der Sitz der Seele? Vom Gehirn über den Magen bis hin zum Herzen kamen dafür eine Vielzahl von Organen infrage. Die spürbare Reak­tion des Herzens, beispielsweise bei Freude und Furcht, oder die »Schmetterlinge im Bauch« von Verliebten kannte man auch schon in der Antike. Die Lokalisierung der Seele im Herzen oder Gehirn fand jedoch den meisten Zuspruch. So argumentierten Aristoteles und Praxagoras für das Herz als Zentrum der Seele. Hier hatten Venen und Arterien ihren Ursprung, und die Blutgefäße fungierten als Vermittler kognitiver Informationen und Befehle. Vor allem die linke Herzkammer mit ihren starken und dichten Wänden und Membranen eignete sich hervorragend als seelisches Zentrum. Das Gehirn zum Sitz der Seele zu erklären, schloss Aristoteles aufgrund seiner medizinischen Untersuchungen aus. Bei der Öffnung eines Schädels bemerkte er, dass sich das Gehirn kühl anfühlte, wohingegen Wärme Ausdruck des Lebens war. An dieser Stelle konnte sich folglich nur das Kühlungssystem des Körpers befinden.

Ein anderer Ansatz, der das Gehirn als zentrales Organ der Seele identifizierte, hatte durch die Entdeckung des Nervensystems als Übermittler motorischer und sensorischer Impulse sowie der Verbindung zwischen Rückenmark und Gehirn ebenfalls viele Anhänger, darunter den bedeutenden Arzt und Anatom Galenos von Pergamon. Er sah in den Nerven eine Fortsetzung der Hirnsubstanz, da die gleichen Hüllen, die das Gehirn umgaben, auch die Nerven umfassten. Zudem betrachtete er die in Hirn und Nerven enthaltene Substanz als identisch. Doch auch diejenigen, die das Gehirn als Zentrum der Seele favorisierten, sahen das Herz als Sitz der Emotionen an. Platon vermutete, dass die Seele in drei Teile gegliedert sei, wobei die »vernünftige Seele« im Hirn, die »muthafte Seele« im Herzen und die »ernährende« oder »begehrende Seele« in der Leber oder im Bauch angesiedelt sei.

 

Die Argumente, die Seele einem bestimmten Organ oder Körperteil zuzuweisen, basierten hauptsächlich auf anatomischen Beobachtungen durch Sektionen zumeist an Tieren. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. führten Ärzte und Philosophen unterschiedliche Versuche an toten und lebendigen Tieren durch, um daran die einzelnen Körperfunktionen abzulesen. Dafür schnitten sie beispielsweise in das Gehirn oder durchtrennten Nerven und Gefäße. Vor allem Affen und Bären dienten aufgrund ihrer Menschenähnlichkeit häufig als Versuchsobjekte. Das Sezieren von menschlichen Körpern galt als religiöse und moralische Entwürdigung und war verboten. Einigkeit über die Verortung und Funktion der Seele herrschte aber trotz anatomischer Untersuchungen auch unter den damaligen Experten nicht. Und bis heute ranken sich um die menschliche Seele noch viele Mythen und Vermutungen. Dass jedoch eine starke Abhängigkeit zwischen seelischer und körperlicher Gesundheit besteht, wussten auch schon die Ärzte der Antike. /

Quellen und Informationen

Ausstellung: Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper

 

Ausstellungsdauer vom 11. Mai bis 11. September 2016

 

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité Charitéplatz 1, 10117 Berlin

 

www.bmm-charite.de

 

Uta Kornmeier (Hg.): The Soul is an Octopus. Ancient Ideas of Life and the Body,

Berlin, Berliner Medizinhistorisches Museum 2016,

ISBN 978-3-9817965-0-6, 136 Seiten, EUR 9,–

 

Gerhard Roth, Nicole Stüber: Wie das Gehirn die Seele macht,

6. Auflage, Klett-Cotta 2016, 425 Seiten,

ISBN 978-3-608-94805-9, 425 S., EUR 22,95

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