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Antistress-System

Die eigenen Ressourcen mobilisieren

05.04.2011
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Von Annette van Gessel, Hamburg / Manche Menschen reagieren gestresst, wenn sie einen Vortrag halten sollen, andere hingegen gelassen. Doch unabhängig von der individuellen Stresstoleranz sind die Reaktionen des Körpers bei jedem Menschen gleich. Daher kann auch jeder Methoden erlernen, dem Ansturm der verschiedenen Hormone entgegenzuwirken.

»Wir müssen den Schutz vor Stress nicht neu erfinden, sondern uns damit beschäftigen, welche Möglichkeiten unser Gehirn in diesem Fall bereithält«, sagte Professor Dr. Joachim Bauer, Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik, Freiburg, auf dem Interpharm-Kongress in Hamburg.

Da sich Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen seit Langem mit dem Phänomen Stress beschäftigten, sind die einzelnen Prozesse gut bekannt. Jede Stresserfahrung wandelt das Gehirn innerhalb von Sekunden in biologische Signale um. Die wichtigste Rolle spielt hier zunächst das limbische System. In den Mandelkernen (Corpora Amygdalae) beziehungsweise den Mandelkernneuronen wird der Neurotransmitter Glutamat freigesetzt, so Bauer. Das Glutamat wiederum wirkt auf den Hypothalamus und den Hirnstamm. Im Hypothalamus aktiviert es das Stressgen CRH (Corticotropin Releasing Hormon). In der Folge schüttet die Nebennierenrinde das Stresshormon Cortisol aus. Im Hirnstamm aktiviert Glutamat unter anderem den Locus coeruleus, sodass dieser Noradrenalin sezerniert.

 

Neben den akuten Reaktionen gibt es vermutlich auch lang anhaltende Folgen von Stress. »Wir wissen heute, dass starke Stressoren epigenetische Veränderungen bewirken«, berichtete Bauer. Die Ziele für die Signale sind sogenannte Genschalter, das heißt die regulatorische Sequenz der Gene. So wird auf Dauer die Sensibilität für Stressoren verändert. Beispielsweise sind Wissenschaftler davon überzeugt, dass die Neigung zu Depressionen direkt mit epigenetischen Veränderungen zusammenhängt. Menschen mit Depressionsneigung hätten als Kinder in labilen Bindungsverhältnissen gelebt, so Bauer. Diese Tatsache habe in den Genen Spuren hinterlassen. Aufgrund dieser epigenetischen Veränderungen reagierten diese Menschen äußerst sensibel auf Stress. »Unser Gehirn macht aus jeder zwischenmenschlichen Erfahrung ein biologisches Phänomen«, sagte der Referent.

 

Die Effekte des Stresses lassen sich mithilfe eines international anerkannten Tests aus dem Jahr 1993 messen. Eine Arbeitsgruppe unter Professor Dr. Dirk H. Hellhammer von der Abteilung für klinische und physiologische Psychologie der Universität Trier entwickelte einen Versuchsaufbau, der als Trierer Stresstest (TSST = Trier Social Stress Test) bekannt ist. Dieser besteht aus zwei Teilen: Zum einen müssen die Männer und Frauen vor Fremden eine 10-minütige Rede halten, zum anderen Kopfrechenaufgaben lösen. Anschließend bestimmten die Wissenschaftler die Konzentrationen an Cortisol und Noradrenalin im Blut der Probanden. Ihr Ergebnis: Die Cortisol-Spiegel lagen bei den Männern höher als bei den Frauen. »Männer sind stressbiologisch das schwächere Geschlecht«, kommentierte Bauer. Das habe vermutlich evolutionäre Gründe. »Wer für die Kinder sorgen muss, muss stressresistenter sein.«

 

Professor Dr. Clemens Kirschbaum vom Lehrstuhl Biopsychologie der Technischen Universität Dresden variierte den Trierer Stresstest. Er wollte herausfinden, ob sich die Stressreaktion der Probanden verändert, wenn sie während der Vorbereitungszeit auf die Rede menschliche Unterstützung erfahren. So erhielt eine Gruppe Zuwendung vom Partner, die zweite von einem Fremden und die dritte wurde allein gelassen. Das Ergebnis bestätigte Kirschbaums Vermutung: Unterstützung baut Stress ab. Allerdings wirkte auf Männer die Partnerin stressreduzierend, auf Frauen hatten hingegen Fremde den größeren Einfluss. Zahlreiche Wissenschaftler zweifelten Kirschbaums Studienergebnis an, kamen jedoch zu dem gleichen Ergebnis.

 

Wie sollte man reagieren, wenn der Stress zu viel wird? Der häufigste Rat ist, die Stressoren zu reduzieren. Ein anderer, lohnenswerter Ansatz beruht darauf, die körpereigenen Motivationssysteme zu stärken (siehe Grafik). Doch wie das neurobiologische System der Stressprotektion genau funktioniert, wird erst seit 20 Jahren erforscht. Die Wissenschaftler interessieren sich vor allem für die Fragen: Wie wird dieses Motivationssystem aktiviert? Wie können wir selbst auf das System Einfluss nehmen?

Das persönliche Stressmanagement steht auf vier Säulen: der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen, körperlicher Aktivität, Entspannungsphasen und Ernährung. »Als soziale Wesen brauchen wir das Eingebundensein in eine Gemeinschaft«, sagte Bauer. Auch wenn den Alleinlebenden die Tatsache oft nicht bewusst sei, fehle ihnen die Unterstützung durch Partner und Familie. »Hirnscans zeigen: Die Schmerzregionen werden aktiviert, wenn Menschen sozial ausgegrenzt werden.« Die Zuwendung anderer Menschen aktiviert körpereigene Opioide. So werden im Nucleus acumbens von Krankenhauspatienten mit Schmerzen körpereigene Opioide freigesetzt, wenn der Arzt ihnen Aufmerksamkeit schenkt und sich Zeit für sie nimmt. »Auch dieses Phänomen verdeutlicht wieder die enge Beziehung zwischen Psychologie und Biologie«, so Bauer. Insgesamt gilt: Je besser die zwischenmenschlichen Beziehungen sind, und je mehr Wertschätzung man von seinen Mitmenschen erhält, desto stressresistenter ist man. Entscheidend seien daher folgende Fragen: Gibt es in meinem Leben Bindungen, die mich tragen? Wie häufig sehe ich meine Freunde? Nehme ich mir ausreichend Zeit für sie?

 

Eine weitere wichtige Frage sei in diesem Zusammenhang: Gibt es in meinem Leben ungeklärte Konfliktfelder? Habe ich die Fähigkeit, notwendige Meinungsverschiedenheiten anzusprechen? Oder staut sich der Ärger immer mehr an und bereitet dadurch Stress? Es sei wichtig zu lernen, Streit auszuhalten und klären zu können, sagte Bauer. Dies stärke die Persönlichkeit und vermeide Stress.

 

Als ideale Gelegenheit, Stress abzubauen, empfahl Bauer, mit anderen zu musizieren oder im Chor zu singen. Eine sehr effektive Möglichkeit zum Stressabbau sei auch moderate sportliche Aktivität. Unter anderem stimuliere sie die Neurogenese, die Neubildung von Nervenzellen, sowie die Freisetzung von Dopamin und körpereigenen Opioiden.

 

Auch der positive Einfluss verschiedener Entspannungsmethoden ist lange bekannt. Es sei dabei egal, ob sich Gestresste für Tai-Chi, Autogenes Training oder Meditation entschieden. Die Methode müsse ihnen Spaß machen, und sie sollten regelmäßig üben, so Bauer. In Meditation Geübte könnten beispielsweise ihre Herzfrequenz senken. Welchen Einfluss die Ernährung spiele, sei schwieriger zu untersuchen. Gute Forschungsergebnisse lägen für eine zu fettreiche Ernährung vor, die zu neurodegenerativen Veränderungen bei Menschen führt, informierte Bauer. Hier seien vor allem die gesättigten Fettsäuren von Bedeutung. /

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