Pharmazeutische Zeitung online
Psychiatrische Nebenwirkungen

Hormonspiralen unter Verdacht

20.06.2017
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Von Kerstin A. Gräfe / Frauen, die mit einer Levonorgestrel-haltigen Spirale verhüten, haben in Stresssituationen eine höhere Cortisol-Ausschüttung und Herzfrequenz als Frauen mit oraler beziehungsweise ohne Verhütung. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forscherteam um Dr. Jurate Aleknaviciute von der Erasmus Universität Rotterdam im Fachmagazin »Psychoneuroendocrinology« (DOI: 10.1016/j.psyneuen.2017.02.025).

Die Wissenschaftler sehen darin einen Hinweis, dass die Spiralen das Hormon nicht nur lokal in der Gebärmutter abgeben. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit einen ursächlichen Zusammenhang mit psych­iatrischen Nebenwirkungen. Cortisol wird als Hauptauslöser dafür verantwortlich gemacht.

Für ihre Untersuchungen führten die Forscher drei Tests an 15 bis 33 Frauen mit Levonorgestrel­haltigen Spiralen durch. Als Kontrollgruppen dienten Frauen, die entweder oral mit einer Kombination aus Ethinylestradiol und Levonorgestrel verhüteten oder gar nicht. In einem ersten Versuch wurden die Cortisol­-Spiegel und die Herzfrequenz nach dem sogenannten Trierer Stresstest ermittelt. Dieser besteht aus zwei Teilen: Zum einen müssen die Teilnehmer coram publico eine Rede halten, zum anderen Kopfrechenaufgaben lösen. Im zweiten Experiment wurde den Teilnehmerinnen adrenocorticotropes Hormon injiziert, das die Synthese und Ausschüttung des Stresshormons Cortisol aus der Nebennierenrinde stimuliert. Test Nummer 3 untersuchte den Cortisol-Gehalt in den Haaren der Studienteilnehmerinnen.

 

Höhere Cortisol-Spiegel

 

Alle drei Versuchsansätze zeigten eine erhöhte Stressantwort bei Trägerinnen einer Levonorgestrel-haltigen Spirale. Im Trierer Stresstest lagen die Cortisol-Spiegel der Frauen mit der Hormon­spirale bei 24,95 ± 13,45nmol/L, ­ver­glichen mit 3,27 ± 2.83 nmol/L unter oraler Kontrazeption und 10,85 ± ­11,03  nmol/L ohne Verhütung. Die Herz­frequenz war mit 38,56 ± 18.14 Schlägen/Minute bei den Hormonspirale-Trägerinnen am höchsten, gefolgt von 28,24 ± 15,07 Schlägen/Minute unter oraler Kontrazeption und 27,57 ± 12,41 ohne Verhütung. »Unsere Experimente zeigten klar, dass Levonorgestrel-­haltige ­Hormonspiralen nicht nur lokal in der Gebärmutter wirken«, sagte Senior­autor Professor Dr. Steven A. Kushner gegenüber dem Nachrichtenmagazin »Spiegel online«.

 

Die EMA überprüft derzeit die Sicherheit der Hormonspiralen. Der zuständige Pharmakovigilanz-Ausschuss PRAC hatte im Februar ein Signalüberprüfungsverfahren angestoßen. Laut Protokoll traten vermehrt Symptome wie Ängstlichkeit, Panikattacken, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen und Unruhe auf. Mit einer Entscheidung, ob die Packungsbeilagen Levonorgestrel-haltiger Spiralen wie Mirena® zukünftig korrigiert werden müssen, ist laut dem »Deutschen Ärzteblatt« ­frühestens im Juli zu rechnen. /

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