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Last-Minute-Reisen

Auch Schnäppchenjäger sollten vorsorgen

29.03.2011  14:06 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Schnell mal eben zum Sonnetanken auf die Malediven, zum Shoppen nach New York oder in die Oper nach Mailand: Last-Minute-Reisen liegen im Trend und werden immer beliebter. Nicht vergessen sollten aber auch Kurzentschlossene, sich auf mögliche Gesundheitsrisiken an ihrem Urlaubsort vorzubereiten.

Wer sich kurzfristig für eine Urlaubsreise entscheidet, hat in der verbleibenden Zeit bis zur Abreise meist alle Hände voll mit Packen und anderen Vorbereitungen zu tun. Für eine reisemedizinische Beratung bleibt da in der Regel keine Zeit. Zumal es dafür ja ohnehin schon zu spät ist, wie die meisten annehmen. »Das ist aber eine Fehleinschätzung«, sagte Privatdozent Dr. Tomas Jelinek vom Düsseldorfer Centrum für Reisemedizin (CRM) beim 12. Forum Reisen und Gesundheit Anfang März in Berlin. Eine Last-Minute-Reise werde zwar per definitionem innerhalb von 14 Tagen vor Reiseantritt gebucht, »die Suche der Interessenten nach einem passenden Angebot beginnt jedoch nicht selten vier bis sechs Wochen vor dem geplanten Antritt der Reise«, erklärte der Mediziner. In diese Planungsphase müsse die medizinische Beratung eingeschaltet werden, so Jelinek.

Doch auch für die wirklich Kurzentschlossenen ist vorsorgetechnisch der Zug noch nicht abgefahren. Eine Malaria-Chemoprophylaxe mit Malarone® (Atovaquon/Proguanil) kann spätestens 24 Stunden vor der Einreise in ein Malaria-Endemiegebiet begonnen werden. Und selbst für eine Impfprophylaxe muss es noch nicht zu spät sein. Einige Reise­impfungen entfalten ihre Schutzwirkung nämlich relativ schnell oder sogar unmittelbar nach der Injektion. »Bei Boosterimpfungen, etwa gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis und Masern, ist der Schutz sofort gegeben«, sagte Jelinek. Aber auch eine Impfung gegen Hepatitis A sei noch am Abreisetag sinnvoll, »denn die Inkubationszeit der Krankheit ist so lang, dass der Impfschutz sie unterlaufen kann.« Innerhalb von 10 bis 14 Tagen und damit fast immer auch noch im Zeitfenster vor Reiseantritt etabliere sich der Schutz nach Impfungen gegen Gelbfieber, Typhus, Cholera/enterotoxigene Escherichia coli (ETEC), Meningokokken, Influenza, Pneumokokken und Herpes Zoster. Zu spät sei es allerdings meist für Impfungen gegen Hepatitis B, FSME und Japanische Enzephalitis.

 

Soll die Reise in ein Land mit Tollwut-Gefahr gehen, ist eine Immunisierung laut Jelinek dringend angeraten. Tollwut-Kontakte bei Touristen seien nicht selten und würden sich häufig innerhalb der ersten 10 Tage des Aufenthaltes ereignen. Das Impfschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht Impfungen an den Tagen 0, 7 und 21 vor. Reicht die Zeit dafür bei einem Last-Minute-Urlauber nicht aus, kann laut Jelinek alternativ an den Tagen 0, 3 und 7 geimpft werden. »Wichtig ist, dass der Patient vor der Abreise drei Injektionen erhält«, betonte der Experte. Nach nur zwei Impfungen habe sich noch kein ausreichend hoher Antikörpertiter aufgebaut.

 

Sind bei einem Urlauber mehrere Impfungen indiziert, empfiehlt Jelinek, immer nur in einen Arm zu impfen. So werde nur die eine Seite des Patienten belastet, die andere aber geschont. »Wenn Sie in beide Arme impfen, wird Ihr Patient jedes Mal unangenehm an Sie erinnert, wenn er unterwegs seinen Koffer tragen muss«, erklärte der Arzt. Um die Immunogenität müsse man sich dabei keine Sorgen machen, im Gegenteil: Durch eine Kombination von Impfstoffen werde diese sogar erhöht.

 

Reiseapotheke nicht vergessen

 

Kurzzeitreisende sind laut Jelinek durch alltägliche Gesundheitsprobleme besonders bedroht. Sie sollten ihren Urlaub daher nie ohne eine gut gefüllte Reiseapotheke antreten. »Wenn jemand nur sieben Tage unterwegs ist, sind vier Tage Durchfall natürlich ein massives Ärgernis«, brachte der Referent es auf den Punkt. Neben den Medikamenten, die der Patient regelmäßig einnimmt, sollte die Reiseapotheke daher mindestens Arzneimittel gegen Durchfall (beispielsweise Kohle-Tabletten oder Loperamid), Schmerzen (beispielsweise Paracetamol oder Ibuprofen) und Erkältung (beispielsweise Acetylsalicylsäure (ASS) und ein Xylometazolin-haltiges Nasenspray) enthalten sowie ausreichend Sonnen- und Mückenschutz. Bei Flugreisen gehört die Reiseapotheke selbstverständlich ins Handgepäck, damit die Arzneimittel auch verfügbar sind, wenn der Koffer verloren gehen sollte.

Ein besonders hohes Risiko für gesundheitliche Komplikationen auf Reisen haben laut Jelinek Menschen ausländischer Abstammung, die in ihrem Heimatland Freunde und Verwandte besuchen (visiting friends and relatives, VFR). »Sie unterschätzen häufig die Risiken, weil sie sich dort zu Hause fühlen«, sagte Jelinek. Auch würden sie naturgemäß eher selten im Fünf- Sterne-Hotel übernachten, sondern bei ihren Verwandten wohnen, wo die hygienischen Verhältnisse nicht immer die besten wären. VFR-Reisende, die sich kurzfristig für einen Besuch ihrer Heimat entscheiden, seien daher eine der am meisten gefährdeten Risikogruppen.

 

Über die besonderen Gesundheitsrisiken bei Last-Minute-Reisen in der Schwangerschaft und mit Kindern sprach die Frauenärztin Dr. Bettina Flörchinger vom CRM. Viele Paare, die ihr erstes Kind erwarteten, wünschten sich noch einmal eine Urlaubsreise zu zweit, den sogenannten »Babymoon«, erklärte Flörchinger. Solche Reisen würden häufig kurzfristig gebucht, damit mögliche Komplikationen während der Schwangerschaft nicht einen Strich durch die lange im Voraus gebuchte Reise machen könnten. »Generell sollten dabei aber die besonderen Reise­risiken in der Schwangerschaft bedacht werden«, so Flörchinger.

 

Schwangere sind anfälliger

 

So hätten schwangere Frauen ein erhöhtes Thromboserisiko, seien empfindlicher gegenüber Umwelt- und Klimabelastungen und anfälliger für Infektionen. »Infektionskrankheiten nehmen bei Schwangeren häufig einen schwereren Verlauf als bei nicht schwangeren Frauen. Das hat man bei der Schweinegrippe gesehen«, sagte die Gynäkologin. Fieber und Diarrhöen könnten Wehen auslösen und auch bei anderen Schwangerschaftskomplikationen sei es wichtig, dass die medizinische Versorgung am Urlaubsort sichergestellt sei.

 

Bemerkenswert ist, dass die Malaria-übertragende Anopheles-Mücke offenbar eine Vorliebe für das Blut von Schwangeren hat. Flörchinger zitierte eine sudanesische Studie aus dem Jahr 2004, in der schwangere Frauen mehr als doppelt so oft von Anopheles-Mücken gestochen wurden als nicht schwangere Frauen, die in denselben Innenhöfen im Freien übernachteten (doi 10.1179/000349804225021307). Schwangere sollten daher nach Möglichkeit nicht in Malaria-Gebiete reisen, zumal die meisten Arzneimittel zur Chemoprophylaxe in der Schwangerschaft kontraindiziert sind. Einzig Mefloquin (Lariam®) kann ab dem zweiten Trimenon eingesetzt werden. Eine besonders sorgfältige Expositionsprophylaxe ist daher bei unvermeidlichen Reisen in Malaria-Gebiete für Schwangere unumgänglich.

 

»Beim Thema Impfen haben viele Schwangere Vorbehalte«, berichtete Flörchinger. Generell sollten schwangere Frauen möglichst erst ab dem zweiten Trimenon geimpft werden, so die Gynäkologin. Unbedenklich seien dann die Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Polio und Influenza, kontraindiziert die gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen. Bei allen anderen Impfungen müsse der Nutzen sorgfältig gegen das Risiko abgewogen werden.

 

Sind Kinder auf der Reise mit dabei, gilt es auch hier, einige Besonderheiten zu berücksichtigen. »Kleine Kinder haben ein ungünstigeres Verhältnis zwischen Körpergröße und -gewicht als Erwachsene. Sie sind dadurch besonders temperaturempfindlich und kühlen schnell aus«, sagte Flörchinger. Essenziell sei ein zuverlässiger Sonnenschutz der empfindlichen Kinderhaut. »Zwei schwere Sonnenbrände im Kindesalter verdoppeln das Risiko für Hautkrebs im Erwachsenenalter«, warnte die Ärztin. Da Kinder unbefangener mit Tieren umgingen als Erwachsene, seien sie besonders gefährdet, von Hunden oder anderen Tieren gebissen zu werden. Aufgrund ihrer geringen Körpergröße ist dann häufig das Gesicht betroffen. / 

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