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Tuberkulose

Der globale Notfall

27.03.2007
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Tuberkulose

Der globale Notfall

Von Christina Hohmann

 

Auch 125 Jahre nach Entdeckung des Tuberkulose-Erregers ist die Krankheit längst nicht besiegt. Jedes Jahr sterben zwei Millionen Menschen an der Infektion. Neue Probleme in der Bekämpfung der Erkrankung sind die häufigen Koinfektionen mit HIV und die Verbreitung extrem resistenter Tuberkulose-Stämme.

 

Jährlich erkranken nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa acht bis neun Millionen Menschen an Tuberkulose. Zwei Millionen von ihnen sterben, obwohl die Krankheit medikamentös gut zu behandeln ist. Doch 2005 kam der Anstieg der Krankheitsfälle zum ersten Mal zum Stillstand. »Wir sehen derzeit sowohl die Früchte unserer Anstrengungen, als auch die tödliche Natur der immer noch vorhandenen Krankheitslast«, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon anlässlich der Vorstellung des WHO-Welttuberkuloseberichts in Genf. Die Ziele der WHO, bis zum Jahr 2015 mindestens 70 Prozent aller Fälle zu entdecken und 85 Prozent aller Behandlungen erfolgreich abzuschließen, wurden weltweit knapp verfehlt: Fast 60 Prozent der Tuberkulose-Erkrankungen wurden 2005 erkannt und etwa 84 Prozent von ihnen geheilt.

 

Trotz der Fortschritte, die es vor allem in Nord- und Südamerika, Südostasien und im westpazifischen Raum bei der Bekämpfung der Krankheit gegeben hat, haben einige Regionen, wie Europa, der östliche Mittelmeerraum und Afrika, die internationalen Ziele verfehlt. Die europäische Region wies laut WHO-Bericht sogar die niedrigste Entdeckungsrate von infektiösen Tuberkulose-Erkrankungen und die höchste Rate von Behandlungsmisserfolgen weltweit auf. Insgesamt erkrankten in dieser Region 445.000 Menschen neu an Tuberkulose, 66.000 von ihnen starben. Fast drei Viertel der Fälle traten in nur sechs Ländern auf: Kasachstan, Rumänien, Russische Föderation, Türkei, Ukraine und Usbekistan.

 

Ziele verfehlt

 

Auch Deutschland konnte die Zielvorgaben der WHO nicht erfüllen: Nur bei 78,6 Prozent der Patienten wurde die Therapie erfolgreich abgeschlossen. In Deutschland sinkt aber die Inzidenz wie in den letzten Jahren weiter. 2005 registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt 6045 Tuberkulose-Erkrankungen, 188 Patienten starben. Fast die Hälfte der Infizierten (45,2 Prozent) stammte aus dem Ausland, vorwiegend aus osteuropäischen Staaten.

 

HIV und zunehmende Resistenzen

 

Die Haupthemmnisse, die den weltweiten Kampf gegen Tuberkulose erschweren, sind die Zunahme der Medikamentenresistenzen und die häufigen Koinfektionen mit HIV. Tuberkulose ist eng mit der Aidsepidemie verknüpft. Der Grund hierfür ist, dass der Erreger das schwache Immunsystem der HIV-Patienten ausnutzt. Rund ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung ist Schätzungen zufolge mit Tuberkulose-Bakterien infiziert, aber nur bei jedem Zehnten bricht die Krankheit irgendwann aus. HIV-Patienten haben wegen des geschwächten Immunsystems ein besonders hohes Risiko, eine aktive Tuberkulose zu entwickeln. Die Erkrankung ist mittlerweile Todesursache Nummer eins bei HIV-Infizierten im südlichen Afrika. Die Rate der Koinfektionen liegt in dieser Region bei 70 bis 75 Prozent. Diese Tatsache wird aber noch zu wenig berücksichtigt. Dem WHO-Bericht zufolge, werden zwar vermehrt Tuberkulose-Patienten auf HIV getestet, doch würden kaum HIV-Positive auf Tuberkulose untersucht. Die Bekämpfungsprogramme gegen die beiden Infektionskrankheiten müssten dringend koordiniert werden, schreibt die WHO.

 

Ein weiteres Problem in der Bekämpfung der Tuberkulose ist die Zunahme der Resistenzen. Aufgrund der unzureichenden Therapie seien in den baltischen Staaten, in Osteuropa und in Zentralasien inzwischen etwa 15 Prozent aller neuen Tuberkulose-Fälle und 39 Prozent der vorbehandelten Fälle durch multiresistente Erreger (MDR-TB) ausgelöst. Diese Rate sei drei Mal so hoch wie in irgendeiner anderen Region der Welt.

 

MDR-TB ist deutlich schwieriger zu behandeln als normale Tuberkulose. Da die Bakterien gegen mindestens zwei Erstrangwirkstoffe resistent sind, müssen weniger effiziente, teurere und meist auch toxischere Substanzen der zweiten Wahl eingesetzt werden. MDR-TB-Patienten erhalten eine Kombination aus fünf Wirkstoffen über 21 Monate und haben geringere Heilungschancen, als Patienten mit unkomplizierter Tuberkulose.

Welttuberkulosetag

Dass Tuberkulose kein isoliertes Problem einzelner Länder ist, sondern eine weltweite Gesundheitsgefahr darstellt, darauf machte das Motto des diesjährigen Welttuberkulosetages aufmerksam: »Tuberkulose irgendwo heißt Tuberkulose überall!«. Der Aktionstag wird jedes Jahr aus Anlass der Entdeckung des Erregers Mycobacterium tuberculosis durch Robert Koch am 24. März begangen.

Aber auch gegen diese Zweitrangmedikamente treten nun vermehrt Resistenzen auf. Die Folge sind sogenannte extrem resistente Tuberkulose-Stämme (XDR-TB). Diese sind sowohl gegen die Erstrangwirkstoffe Isoniazid und Rifampicin sowie gegen mindestens drei der Zweitrangwirkstoffe aus der Gruppe der Fluorquinolone und der injizierbaren Antibiotika Capreomycin, Kanamycin oder Amikacin unempfindlich. Diese hochresistenten Stämme lassen sich kaum noch mit bekannten Antibiotika behandeln.

 

Bislang war XDR-TB ein sehr seltenes Phänomen. Doch 2005 infizierten sich in der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal 53 HIV-positive Menschen mit XDR-TB. 52 von ihnen starben innerhalb weniger Wochen. Aufgrund dieses Vorfalls initiierte die WHO eine Studie, die anhand der weltweit verfügbaren Daten aus den Jahren 2000 bis 2004 die Verbreitung der hochresistenten Erreger detailliert untersuchen sollte. Fast 18.000 Tuberkulosekulturen aus 48 Ländern wurden ausgewertet. Etwa 19,9 Prozent der Proben waren MDR-TB-Stämme und 2 Prozent XDR-TB. Extrem resistente Erreger traten auf allen Kontinenten auf, doch ihr Anteil schwankte deutlich. In Afrika und im Mittleren Osten waren 0,6 Prozent der MDR-Stämme hochresistent, in Osteuropa und Südkorea 13,6 und in Südkorea 15,4 Prozent. Auch in Deutschland kommen XDR-TB-Stämme vor, die genaue Rate ist aber nicht bekannt. In einigen Länder, darunter Italien, sind schon erste Fälle einer XXDR aufgetreten, bei denen die Erreger auf keinen der verfügbaren Erst- und Zweitrangwirkstoffe mehr ansprachen.

 

Die Verbreitung der XDR-TB stellt eine große Bedrohung für die Bekämpfung der Tuberkulose dar und könnte die erzielten Erfolge wieder zunichte machen, befürchtet die WHO. Um die Ausbreitung der extrem resistenten Erreger zu verhindern, seien jetzt koordinierte Maßnahmen vor allem zur Aufklärung des medizinischen Personals nötig. Eine internationalen Standards gemäße Behandlung der Tuberkulose würde die Entstehung von resistenten Erregern verhindern und die korrekte Therapie von MDR-TB wiederum die Entstehung von XDR-TB, betont die WHO. Der Direktor des WHO-Programms »Stop TB«, Mario Raviglione, sagte: »Wegen der Bedrohung, die XDR darstellt, ist es wichtiger denn je, die Forschung an neuen Diagnosemethoden, Wirkstoffen und Impfstoffen voranzutreiben.«

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