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Jeder vierte Arzneistoff beeinflusst das Mikrobiom

21.03.2018
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Von Annette Mende / Neben den Antibiotika beeinträchtigen auch viele andere Arzneistoffe das Wachstum der Bakterien im Darm. Forscher des Europä­ischen Molekularbiologischen Laboratoriums (EMBL) in Heidelberg, die das Phänomen im Fachjournal »Nature« jetzt umfassend beschreiben, waren selbst überrascht vom Ausmaß der anti­mikrobiellen Wirkung der nicht anti­biotischen Arzneistoffe (DOI: 10.1038/nature25979).

Dass unter anderem Anti­psychotika, Protonenpumpenhemmer und Calciumantagonisten bestimmte Bakterien im Darm abtöten, liefert eine mögliche Erklärung für gastrointesti­nale Nebenwirkungen der Arzneistoffe. Auch könnte dieser Mechanismus zum wachsenden Problem der Antibiotikaresistenzen beitragen, denn die Resistenzmechanismen sind teilweise identisch, so die Forscher.

Das Mikrobiom und sein Einfluss auf die menschliche Gesundheit werden seit einiger Zeit intensiv beforscht, auch im Zusammenhang mit der Pharmakotherapie. So wurde unter anderem beim oralen Antidiabetium Metformin eine Veränderung der Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota als Erklärung für die bekannten gastrointestinalen Nebenwirkungen vorgeschlagen. Die Autoren um Dr. Lisa Maier, Dr. Mihaela Pruteanu und Dr. Michael Kuhn wollten den Effekt nun umfassend katalogisieren und screenten dazu knapp 1200 Arzneistoffe aus verschiedenen Klassen hinsichtlich ihrer wachstumshemmenden Wirkung auf 40 repräsentative Darmbakterienstämme in vitro.

 

Es stellte sich heraus, dass fast ein Viertel der Arzneistoffe (24 Prozent), die an menschlichen Zielstrukturen angreifen, das Wachstum von mindestens einem Bakterienstamm hemmte. Die antibakterielle Wirkung war dabei nicht an bestimmte chemische Strukturen geknüpft, im Gegenteil: Die ­chemisch heterogenen Antipsychotika waren besonders häufig betroffen. Die Forscher halten dieses Teilergebnis für bemerkenswert, denn die Zielstrukturen der Antipsychotika – zentrale Dopamin- und Serotonin-Rezeptoren – kommen auf der Oberfläche von Bakterien gar nicht vor. Dennoch mutmaßen sie, dass die Beeinflussung der Darmmikrobiota womöglich gar keine Nebenwirkung der Medikamente sein könnte, sondern stattdessen Teil der Haupt­wirkung.

 

Dies könnte für viele weitere Arzneistoffe zutreffen, so EMBL-Arbeitsgruppenleiter Dr. Peer Bork in einer Pressemitteilung. Die Häufigkeit, mit der Nicht-Antibiotika das Mikrobiom verändern, sei überraschend, zumal sie in der Studie vermutlich sogar unterschätzt worden sei. In weiteren Studien müsse untersucht werden, wie diese Wirkung im Einzelnen zustande kommt, ob beziehungsweise wie sie die Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen fördert und ob man sich die gezielte Hemmung bestimmter Darmbakterien durch Arzneistoffe unter Umständen therapeutisch zunutze machen kann, schreiben die Autoren. /

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