Pharmazeutische Zeitung online
Grippe

Infektion verläuft häufig symptomlos

19.03.2014
Datenschutz bei der PZ

Von Daniela Biermann / Es trifft mehr als man denkt: Rund jeder Fünfte infiziert sich bei einer saisonalen Grippewelle mit einem Influenzavirus. Doch bei den meisten verläuft die Infektion asymptomatisch.

Von Kerstin A. Gräfe / Der Arzneistoffkandidat MLE4901 hat in einer Phase-II-Studie bei Frauen mit Wechseljahresbeschwerden die Gesamtzahl an vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen um knapp drei Viertel reduziert. Der Neurokinin-3 (NK3)-Antagonist greift in die hormonelle Thermoregulation des Hypothalamus ein und verhindert so eine gesteigerte Wärmeproduktion.

Knapp 20 Prozent der Bevölkerung stecken sich pro Saison mit Grippe an. Das ergab eine Hochrechnung von Wissenschaftlern, basierend auf den Erkrankungsdaten Hunderter Haushalte in England. Doch nur bei 23 Prozent der Infizierten zeigten sich Symptome wie Fieber oder Kopf- und Gliederschmerzen. Nur 17 Prozent fühlten sich krank genug, um zum Arzt zu gehen, schreibt ein Team um Dr. Andrew Hayward vom University College in London. Zudem würden Hausärzte häufig eine echte Grippe nicht erkennen. Damit würde derzeit die tatsächliche Infektionsrate in der Bevölkerung stark unterschätzt, während die Häufigkeit von Klinikeinweisungen pro Influenzafall überschätzt würde, kritisieren die Wissenschaftler im Fachmagazin »The Lancet Respiratory Medicine« (doi: 10.1016/S2213-2600(14)70034-7).

 

In der Flu-Watch-Studie sammelten die Forscher von 2006 bis 2011 Erkrankungsdaten von Hunderten englischer Haushalte. Ins­ge­samt kamen 5448 Datensätze (»Personen-Grippesaisons«) zusammen. Jedes Jahr rekrutierten die Forscher neue Personen, die vor und nach der Grippesaison Blutproben abgaben. Darin bestimmten die Wissen­schaft­ler Antikörper-Titer gegen die derzeit zirku­lie&shy,ren­den Influenzaviren. Wöchent­lich fragten sie die Teilnehmer nach grippe­ähn­li­chen Symptomen wie Husten und Halsschmerzen. Traten solche Beschwerden auf, reichten die Betroffenen einen Nasenab­strich ein, den die Forscher auf Influenza- und andere Erkältungsviren untersuchten.

 

Demnach infizierten sich jeden Winter 18 Prozent der ungeimpften Bevölkerung mit Influenzaviren. Doch bei 77 Prozent zeigten sich keine Symptome und nur 17 Prozent der nachweislich Infizierten gingen zum Arzt. Während der Schweinegrippe-Pandemie mit dem H1N1-Erreger im Jahr 2009 erwischte es ebenfalls 18 Prozent.

 

Mit ihrer Studie stellen die Autoren das derzeitige Influenza-Überwachungssystem infrage, bei der Hausärzte Grippefälle melden. Die tatsächliche Fallrate könnte um das 22-Fache höher liegen als bislang angenommen. Zum Beispiel stellt in einem begleitenden Kommentar ein Influenzaexperte die Frage, inwieweit die leicht Infizierten zur Übertragung der Grippeviren beitragen und die Isolation von Patienten sinnvoll sei. /

Neurokinine sind Neuropeptide, die im zentralen und peripheren Nervensystem als Neurotransmitter und Neuromodulatoren fungieren. Genauer charakterisiert sind bisher die drei Neurokinine Substanz P, Neurokinin-A und Neurokinin-B, die mit unterschiedlicher Präferenz an den jeweiligen Rezeptor binden. So bevorzugen Substanz P den NK1-, Neurokinin A den NK2- und Neurokinin B den NK3-Rezeptor. Letzterer wird unter anderem durch Estrogen reguliert.

 

Negative Rückkopplung

Hohe Hormonspiegel bewirken im Sinne einer negativen Rückkopplung eine verminderte Neurokinin-B-Ausschüttung und umgekehrt. Tritt nun bei einer Frau die Menopause ein, sinken die Estro­genspiegel, da die Ovarien das Hormon nur noch vermindert oder gar nicht mehr produzieren. In der Folge wird vermehrt Neuro­kinin B ausgeschüttet. Neuro­kinin-B-Neuronen haben zugleich auch eine Verbindung zu einer bestimmten Region im Gehirn: der Area prae­optica. Diese ist für die Thermoregulation verantwortlich. Liegt viel Neurokinin B vor, reguliert die Region die Temperatur hoch und die Folge sind Hitzewallungen und Nachtschweiß. NK3-Antagonisten wie MLE4901 verhindern das durch Blockade des Rezeptors.

 

An der jetzt im Fachmagazin »The Lancet« veröffentlichten, placebokontrollierten randomisierten Studie nahmen 28 menopausale Frauen teil, die täglich sieben oder mehr Hitzewallungen hatten (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30823-1). Sie bekamen in einem Crossover-Design über jeweils vier Wochen entweder zweimal täglich 40 mg MLE4901 oder Placebo. Der NK3-Ant­agonist senkte die Gesamtzahl der Hitzewallungen um 73 Prozent; in der Placebogruppe konnte ein Rückgang um 28 Prozent verzeichnet werden. Laut den Studienautoren um Professor Dr. Waljit Dhillo vom Imperial College London wurde die Behandlung gut vertragen. Daher eigne sich MLE4901 vor allem für Frauen, die sich aus Angst vor Estrogen-vermittelten Nebenwirkungen gegen eine Hormonersatz-Therapie (HRT) entschieden haben oder für solche, für die eine HRT kontraindiziert ist, so Dhillo in einer Pressemitteilung des College. Wirksamkeit und Sicherheit von MLE4901 müssten nun zunächst in größeren Studien überprüft werden.

 

MLE4901 wird von Astra-Zeneca entwickelt und ist oral verfügbar. Mit Fezolinetant von Astellas Pharma befindet sich ein weiterer NK3-Antagonist zur Behandlung von vasomotorischen Symptomen in den Wechseljahren in der klinischen Prüfung. Auch der NK1-Rezeptor wird bereits als pharmako­logisches Target genutzt: Ihn blockieren Wirkstoffe wie Aprepitant oder Fosaprepitant, die gegen verzögertes Erbrechen bei Chemo­therapie eingesetzt werden. /

Mehr von Avoxa