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Gemeinsamer Bundesausschuss

Pro Heroin, kontra Insulin

23.03.2010
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Von Bettina Sauer, Berlin / Der Gemeinsame Bundesausschuss hat die lang wirkenden Insulinanaloga grundsätzlich aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen. Zudem beschloss er, unter welchen Voraussetzungen die Kassen Schwerstabhängigen eine Substitutionstherapie mit Heroin finanzieren.

Lang wirkende Insulinanaloga stehen für gesetzlich versicherte Typ-2-Diabetiker grundsätzlich nicht mehr zur Verfügung – zumindest solange sie teurer sind als Humaninsulin. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) bei seiner Sitzung vergangene Woche in Berlin entschieden. Als oberstes Beschlussgremium der Selbstverwaltung von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen bestimmt er den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Die aktuelle Streichung betrifft die Insuline Glargin (Sanofi-Aventis) und Detemir (Novo-Nordisc). »Sie kosten deutlich mehr als Humaninsulin, ohne aber einen Zusatznutzen zu bringen«, erläuterte Dr. Rainer Hess, unparteiischer Vorsitzender des GBA, bei einem Pressegespräch. Das belegten Untersuchungen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG).

 

Von der Regelung ausgenommen sind Patienten, die gegen Humaninsulin allergisch sind, beziehungsweise trotz intensivierter Insulintherapie ein hohes Risiko für schwere Unterzuckerungen aufweisen. »Es ist nicht sinnvoll, mit einer Verordnung von Insulinanaloga zu warten, bis Patienten eine schwere Hypoglykämie, also einen großen gesundheitlichen Schaden erlitten haben«, erläuterte Hess. Die Ärzte müssten individuell und mit Bedacht entscheiden, wen sie als Risikopatienten einstufen. Hess appellierte an die pharmazeutischen Hersteller, die Preise auf das Niveau von Humaninsulin zu senken, zum Beispiel durch den Abschluss von Rabattverträgen. »Dann sind die Präparate ohne neuen GBA-Beschluss umgehend wieder auf Kassenkosten verordnungsfähig.«

 

Gelungen sei dies schon bei den schnell wirkenden Insulinanaloga, die der GBA 2006 aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen hatte und für die inzwischen viele Rabattverträge bestehen. Auch bezüglich der lang wirkenden Insulin gibt es schon einen ersten: Die DAK und Sanofi-Aventis trafen Ende 2009 eine bundesweit gültige Vereinbarung, die für insulinpflichtige Diabetiker eine Therapie mit Insulin Glargin auf dem Preisniveau von Humaninsulin sicherstellt.

 

Heroin auf Rezept

 

Daneben beschloss der GBA bei seiner jüngsten Sitzung, dass Ärzte fortan künstliches Heroin (Diamorphin) auf Kosten der Kassen verordnen können. Damit setzt er ein Gesetz um, das Bundestag und Bundesrat im Jahr 2009 beschlossen haben. »Unserer neuen Regelung zufolge kommt die Substitutionstherapie nur für Schwerstabhängige infrage«, erläuterte Hess. Sie müssten länger als fünf Jahre opiatabhängig sein, das 23. Lebensjahr vollendet und zwei erfolglose Suchtbehandlungen, zum Beispiel mit Methadon, hinter sich haben. »Begleitend zur Therapie erhalten alle Patienten eine psychosoziale Betreuung über mindestens sechs Monate. Zudem müssen Arztpraxen und andere Einrichtungen strenge räumliche und personelle Voraussetzungen erfüllen, um die Behandlung anbieten zu können.« Unter anderem müssen sie zwölf Stunden am Tag geöffnet sein und ihre Mitarbeiter zweimal jährlich an suchtmedizinischen Fortbildungen teilnehmen lassen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), begrüßte den Beschluss des Bundesausschusses per Pressemitteilung als »wesentlichen Schritt«. Allerdings äußerte sie die Befürchtung, dass nur einige wenige große Einrichtungen die aus ihrer Sicht sehr strengen Auflagen erfüllen können. Sie erwarte aber, dass die Therapie überall dort angeboten werde, wo Bedarf bestehe. Deshalb begrüßte sie die Übergangfrist von drei Jahren für bestehende Einrichtungen.

 

Seit 2002 erhalten Schwerstabhängige in mehreren deutschen Städten eine Diamorphin-Substitution. Im Rahmen dieses Modellprojekts fand eine Vergleichsstudie statt, die eine Überlegenheit der Diamorphin- gegenüber einer Methadon-Substitution zeigt, und zwar hinsichtlich des Gesundheitszustands der Anwender wie auch der Verringerung ihres illegalen Drogenkonsums. Diese Ergebnisse führten letztlich zum Beschluss des Bundestags und nachgeschaltet des GBA. Letzterer wird nun vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) überprüft. Dasselbe gilt für die Entscheidung zu den lang wirksamen Insulinen. Bei Nicht-Beanstandung treten die Beschlüsse demnächst mit Bekanntmachung im Bundesanzeiger in Kraft. /

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