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Impfen gegen Bluthochdruck

08.04.2008
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Impfen gegen Bluthochdruck

Von Brigitte M. Gensthaler

 

Gegen Bluthochdruck gibt es eine Reihe gut wirksamer und erprobter Arzneistoffe. Mäßig ist allerdings die Compliance vieler Patienten. Ein neuartiger Impfstoff gegen Hypertonie könnte Abhilfe schaffen. Erste Studiendaten sind vielversprechend.

 

Angiotensin-II ist die stärkste bekannte blutdrucksteigernde Substanz im menschlichen Körper. Das Oktapeptid vermittelt seine Wirkungen über den Angriff am Angiotensin-II-Rezeptor. Hier setzen Angiotensin-II-Inhibitoren an, während ACE-Hemmer schon die Bildung des Peptids aus seinem Vorläufermolekül Angiotensin-I bremsen. Seit vergangenem Herbst ist auch ein Renin-Inhibitor zugelassen, der das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS) bereits an ihrem Ausgangspunkt, der Aspartatprotease Renin angreift (siehe dazu Renin-Inhibitoren: Neue Hoffnung für Patienten mit Hypertonie, PZ 03/08). Alle Medikamente müssen täglich eingenommen werden, was viele Patienten aber nicht konsequent tun. 

 

Eine aktive Immunisierung zur Bildung von Antikörpern gegen Angiotensin könnte die Behandlung vereinfachen. Frühere Versuche zur antihypertensiven Immuntherapie waren gegen Angiotensin I gerichtet; eine Phase-II-Studie mit Hypertonie-Patienten zeigte jedoch keine Blutdrucksenkung. Daher haben die Wissenschaftler des Schweizer Unternehmens Cytos Biotechnology das Angiotensin-II als Zielmolekül gewählt. Sie entwickelten einen Konjugat-Impfstoff, bei dem Angiotensin-II chemisch gekoppelt wurde mit einem rekombinanten virus-ähnlichen Partikel aus dem RNA-Phagen Qb. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Phase-I-Studie zeigte, dass die Vakzine CYT006-AngQb hohe Titer von spezifischen Antikörpern hervorruft.

 

Die Ergebnisse einer Phase-II-Studie unter Leitung von Dr. Martin Bachmann, Forschungsleiter bei Cytos Biotechnology, wurde jetzt in »Lancet« veröffentlicht. 72 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Hypertonie erhielten entweder subkutane Injektionen von 100 oder 300 mg Impfstoff oder Placebo. Die Injektionen wurden in Woche 0, 4 und 12 verabreicht. Mit einem tragbaren Blutdruckmessgerät wurde der Blutdruck vor der Behandlung und in der 14. Woche bestimmt. Fünf Patienten schieden vorzeitig aus der Studie aus.

 

Alle Patienten entwickelten bereits nach der ersten Spritze hohe IgG-Titer gegen Angiotensin-II, die durch die folgenden Injektionen geboostert wurden. Die höher dosierte Vakzine löste eine deutliche Blutdrucksenkung aus. In der 300-mg-Gruppe ging der mittlere Blutdruck am Tag systolisch um 9 und diastolisch um 4 mmHg im Vergleich zu Placebo zurück. Besonders günstig war der Effekt in den Morgenstunden: minus 25 und minus 13 mmHg.

 

Praktisch alle Patienten klagten über Nebenwirkungen, vor allem leichte Reaktionen an der Injektionsstelle. Auch leichte grippeähnliche Symptome traten auf. Fünf schwere Nebeneffekte wurden berichtet, die die Autoren jedoch in keinem Fall als behandlungsbedingt einstuften. Sie geben die Halbwertszeit der Antikörper, die als Antwort auf den Impfstoff gebildet werden, nach der dritten Injektion mit etwa vier Monaten an. Der Impfstoff müsse daher nur einige Male pro Jahr, zum Beispiel im Rahmen der Kontrolluntersuchungen beim Arzt, verabreicht werden.

 

Auch wenn das Konzept interessant klingt, ist es für Begeisterung noch zu früh: Die Studie war klein und relativ kurz. Die langfristige Verträglichkeit des Impfstoffs ist damit nicht belegt. Da das RAAS eine zentrale Rolle bei der Regulation von Blutdruck und Wasserhaushalt hat, könnte eine zu starke Inhibition in Verbindung mit Salz- und Wassermangel eine lebensgefährliche Hyperkaliämie und ein Nierenversagen auslösen. Dies ist besonders kritisch, da die induzierten Antikörper das RAAS oder Teile davon längerfristig ausschalten.

 

Quelle: Tissot, A. C., et al., Effect of immunisation against angiotensin II with CYT006-AngQb on ambulatory blood pressure: a double-blind, randomised, placebo-controlled phase IIa study. Lancet 371 (2008) 821-827.

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