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Arbeitswelt

Hilfe im Betrieb bei Burnout-Gefahr

13.03.2012
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Von Uta Grossmann, Berlin / Burnout ist keine medizinische Diagnose, sondern ein Risikozustand, der durch Belastungen am Arbeitsplatz entsteht. Deshalb sollten die Probleme auch dort gelöst werden. Eine psychosomatische Sprechstunde im Betrieb kann helfen, Stress im Job frühzeitig zu bekämpfen.

Zahllose Artikel, Titelgeschichten, Radio- und Fernsehbeiträge stellen Burnout als Krankheit der Leistungsgesellschaft dar. Burnout bedeutet in der öffentlichen Wahrnehmung im Gegensatz etwa zur Depression kein Stigma. Im Gegenteil, denn zum Burnout bekennen sich erfolgreiche Prominente wie der Fußballtrainer Ralf Rangnick oder die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Die Lebensgefährtin von Anne Will hat ihren Zusammenbruch und den anschließenden Aufenthalt in einer Klinik in einem Buch beschrieben.

 

Keine medizinische Diagnose

 

Burnout ist keine medizinische Diagnose nach dem Klassifikationssystem Psychischer Erkrankungen (ICD-10, F-Gruppe) der Weltgesundheitsorganisation, sondern beschreibt einen Risikozustand von Menschen, die durch ihre Arbeitssituation überlastet und erschöpft sind. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat vorige Woche in Berlin ein Positionspapier zum Thema Burnout vorgestellt. Die Fachgesellschaft mit 6300 Mitgliedern warnt vor einem unkritischen Gebrauch des Begriffs für sämtliche psychischen Störungen, die im Zusammenhang mit einer Arbeitsbelastung stehen. Zwar falle es Betroffenen erkennbar leichter, ohne Scham über psychische Erkrankungen zu sprechen, seit sie diese unter dem Label Burnout subsumieren können. Doch werde Burnout nicht selten mit der potenziell lebensgefährlichen Krankheit Depression gleichgesetzt.

Eine Depression kann Folge eines Burnouts sein, genauso wie Alkoholmissbrauch, Angststörun­gen, Tinnitus oder Bluthochdruck. Burnout kann aber auch Frühsymptom oder Folge von Krank­hei­ten wie Multiple Sklerose, beginnender Demenz, Krebs oder Psychosen sein. Zahlen von Krankenkassen über die Häufigkeit von Burnout sind nach Meinung von Professor Dr. Mathias Berger nicht ernst zu nehmen, weil es gar keine klaren Kriterien für das Beschwerdebild gibt. Berger ist Sprecher der DGPPN-Taskforce Burnout und ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.

 

Er plädierte dafür, Probleme, die durch die Ar­beits­situation entstehen, auch dort zu lösen und sie nicht auf das Gesundheitssystem abzuwäl­zen. Solange keine Krankheit vorliege, müsse beim betrieblichen Gesundheitsmanagement angesetzt werden.

 

Bei Jobproblemen ist Zivilcourage gefragt

 

Zum einen könnten Betroffene ihren Lebensstil verändern, um so ihre Ressourcen zu stärken, zum Beispiel Hobbys pflegen, Sport treiben, Yoga praktizieren oder sich mehr der Familie widmen. Zum anderen gelte es, die Belastungen im Betrieb zu verändern, statt zum Arzt zu gehen. Berger sprach sich für Zivilcourage und Solidarität der Beschäftigten aus, um die Arbeitsbedingungen zu verändern.

 

In der Prävention sollten Betriebsärzte und Mobbing-Beratungsstellen eingebunden werden, um Konflikten am Arbeitsplatz entgegenzuwirken.

 

Betriebe und Verwaltungen sollen sich mehr als bisher um »psychisch gesunde« Arbeitsplätze bemühen, fordert die DGPPN. Sie sieht Sozialpartner und Politik in der Pflicht. Es müsse gesetzliche Regelungen zum Schutz vor gesundheitsgefährdendem Stress geben. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz sollten aus Sicht der Fachgesellschaft medizinischen Risiken von Lärm, Licht, Vibrationen oder Toxinen gleichgestellt sein. Als belastende Faktoren, die zunehmend Klagen über Burnout verursachen, führt das DGPPN-Positionspapier Veränderungen und neue Anforderungen in der Arbeitswelt auf. Dazu gehören »ein eingeschränkter Tätigkeits- und Handlungsspielraum, ein Übermaß an Verantwortlichkeit, Rollenambiguität, problembeladenes Klientel, mangelnde Transparenz am Arbeitsplatz, mangelndes Feedback, übermäßige Überwachung/Kontrolle und Leistungserwartungen, mangelnde Einflussmöglichkeiten und geringe Aufstiegschancen«.

Genannt werden außerdem eine verstärkte Arbeitsbelastung durch Stellenstreichungen und Rationalisierungen sowie die dauernde Erreichbarkeit durch Handys und Mailkontakte, die die Grenzen zwischen Arbeitswelt und Privatleben zunehmend aufhebt.

 

Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz erreichen

 

Da immer mehr eigentlich Gesunde durch die Belastungen des Arbeitslebens unter Anpassungsstörungen leiden, die – unbehandelt – chronisch werden und zu seelischen oder körperlichen Krankheiten führen können, plädiert die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) für Hilfsangebote in den Betrieben. Mit diesem niedrigschwelligen Angebot sollen Betroffene frühzeitig erreicht werden und ohne lange Wartezeiten Hilfe erhalten.

 

Die Fachgesellschaft mit 1500 Mitgliedern bietet in einem Modellversuch in zwei Betrieben eine psychosomatische Sprechstunde an, in den Wieland Werken in Ulm und Vöhringen und bei Cassidian in Unterschleißheim. In der Regel nehmen die Mitarbeiter ein bis zwei Termine mit psychotherapeutischer Beratung in Anspruch.

 

Bei Bedarf folgt beim Modellversuch der Wieland-Werke, der von der Wieland Betriebskrankenkasse mitgetragen wird, eine Kurzzeittherapie mit zehn Sitzungen außerhalb des Betriebs am Uniklinikum Ulm. Bei Cassidian übernimmt die Firma die Kosten der ersten zwei bis drei Sitzungen. Der Inhalt der Gespräche ist streng vertraulich. Der Arbeitgeber erfährt davon nichts.

 

Die Erfahrungen des ersten Jahres sind sehr positiv, berichtete Professor Dr. Harald Gündel von der DGPM vorige Woche in Berlin. Gündel ist ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Ulm. In dem neuen Versorgungsmodell arbeiten Fachärzte für psychosomatische Medizin, Betriebsärzte und die Wieland Betriebskrankenkasse zusammen.

 

Bisher besuchten 67 Mitarbeiter die Sprechstunden. Mit 75 Prozent kamen überdurchschnittlich viele Männer. In der ambulanten Versorgung sind es nach Angaben der DGPM nur 20 Prozent. Lediglich 7,5 Prozent der Hilfesuchenden erhielten keine Diagnose, »bei den übrigen entsprach das Diagnosespektrum dem einer psychosomatischen Ambulanz«, sagte Gündel. »Dazu gehören affektive Störungen, Angst- oder Anpassungsstörungen.« Die Hälfte der Ratsuchenden nannte arbeitsbezogene Gründe für die psychischen Belastungen.

Dr. Jutta Müller-Nübling ist seit 1989 Betriebsärztin der Wieland-Werke. Sie stellt seit vier Jahren fest, dass sich Mitarbeiterklagen über Arbeitsverdichtung, erhöhtes Arbeits­tempo, Konzen­trationsanforderungen, Computerisierung und wechselnde Arbeitsgruppen häufen. Sie hält die leicht zugängliche psychosomatische Sprechstunde im Betrieb für sehr effektiv, um Mitarbeiter zu erreichen, die von sich aus nicht den Weg zu einer psychotherapeutischen Praxis fänden. »Da geht auch der Mann an der Maschine und die Frau aus dem Botendienst mal hin«, sagte Müller-Nübling.

 

Führungskräfte sollen Anerkennung vermitteln

 

Parallel werden Führungskräfte geschult, wie sie psychi­sche Störungen erkennen und die Mitarbeiter darauf an­sprechen können. Es gehe darum, eine Anerkennungskul­tur zu etablieren, den Mitarbeiter als Person wahrzunehmen und ihm auch in Kritikgesprächen zu vermitteln, wie wichtig er für den Unternehmenserfolg ist, so die Betriebsärztin.

 

Die Wieland Betriebskrankenkasse unterstützt den Modellversuch. Vorstand Jürgen Schneider erwartet von der psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb »bessere Erfolge als mit herkömmlichen Versorgungsformen«. Er sei überzeugt, dass sie nicht nur den Mitarbeitern helfe. Langfristig sei es für den Betrieb und die Krankenkasse wirtschaftlich günstiger, sich in der Prävention psychischer Krankheiten zu engagieren, statt später für die Behandlung aufkommen zu müssen. /

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