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Wohnen im Alter

Quartier statt grüne Wiese

16.03.2010  15:12 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Jeder will alt werden. Aber kaum jemand hat eine Vorstellung davon, wie er im Alter einmal wohnen wird. Viele verbinden diesen Lebensabschnitt mit der Unterbringung in einem Heim. Dabei gibt es eine Vielzahl anderer Lebensmöglichkeiten für Ältere. Auch der »Stamm-Apotheke im Quartier« kommt dabei eine wichtige Rolle zu.

Nur wenige der heute 50-Jährigen beschäftigen sich mit der Frage, wie ihr Leben im Alter einmal aussehen könnte. Wer denkt im geschäftigen Alltag schon daran, alt und womöglich krank oder gebrechlich zu sein?

Auch die Frage, ob man in der gegenwärtigen Wohnung bis zum Lebensende bleiben kann oder umziehen muss, ist für viele Menschen in mittleren Jahren noch kein Thema. Doch spätestens, wenn über die Zukunft der eigenen hochbetagten Eltern nachgedacht werden muss, rückt die Altersfrage plötzlich näher.

 

40 Jahre leben nach Renteneintritt

 

Der demografische Wandel ist in Deutschland eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in den kommenden Jahren. Der Bevölkerungsanteil der 65-Jährigen wird im Jahr 2050 bei fast 30 Prozent liegen, überproportional zunehmen wird auch die Gruppe der Hochbetagten. Bis zu 40 Jahre kann die Lebensphase, in der man keinen Beruf mehr ausübt, schon jetzt umfassen. Jahre, in denen die rüstigen Rentner auch nach dem Job weiterhin aktiv sein und eigene Lebensentwürfe verwirklichen wollen.

 

Auf der anderen Seite steigen mit wachsendem Alter die Aufwendungen für Behandlung und Pflege. Altenheime allein können den Mehrbedarf nicht übernehmen – weder finanziell noch personell. Neue Wohnformen müssen her, um den explodierenden Kosten im Gesundheitswesen, dem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal und den zunehmenden Erkrankungen einer alternden Gesellschaft zu begegnen. Wohnalternativen, die es darüber hinaus ermöglichen, so lange wie möglich aktiv zu leben sowie körperlich und geistig fit zu bleiben.

 

Die meisten Deutschen sind sich einig: Ins Heim wollen sie im Alter nicht. »Tatsächlich leben nur sieben Prozent der älteren Menschen in speziell für sie geschaffenen Wohnformen – also in Alten- und Pflegeheimen, im betreuten Wohnen und Pflegewohngemeinschaften«, sagt Ursula Kremer-Preiss vom Kuratorium Deutscher Altersforschung (KDA) in Köln. Am häufigsten wohnen Senioren nach wie vor in einer normalen Wohnung. Auch diejenigen, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind. »Von den circa 1,7 Millionen Pflegebedürftigen über 65 Jahre werden nach der neuen Pflegestatistik circa zwei Drittel zu Hause versorgt«, so Kremer-Preiss. Die Sozialwissenschaftlerin, die den Fachbereich »Wohnen im Quartier« beim KDA leitet und die Wohnsituation älterer Menschen in Deutschland im Rahmen von verschiedenen Forschungsprojekten wissenschaftlich untersucht, kommt zu dem Ergebnis: Um den Folgen des demografischen Wandels zu begegnen, muss vor Ort in den Kommunen und Wohnquartieren eine für alle Generationen bedarfsgerechte Wohn- und Lebenswelt geschaffen werden, wo Alt und Jung zusammenleben, sich ergänzen und gegenseitig unterstützen.

 

Rollatoren und Kinderwagen

 

Ob ältere Menschen in der eigenen Wohnung bleiben oder in eine Wohn- oder Hausgemeinschaft umziehen – wichtig ist, dies in einer kleinräumigen, sozial überschaubaren Umgebung zu ermöglichen, wo man die Nachbarn kennt, die Beziehungen über Jahre gewachsen sind. Kremer-Preiss spricht von »Verantwortungsgemeinschaften im Quartier« und bezieht hier die ortsansässigen Apotheke mit ein: »Ich könnte mir vorstellen, dass auch Apotheken hier eine Rolle spielen«, sagte sie im Gespräch mit der PZ. Schließlich seien die Bewohner eines Quartiers in ein Netz unterschiedlicher und aufeinander abgestimmter Infrastrukturen eingebunden. Dazu gehörten unbedingt Beratungs- und Informationszentren, die alle örtlichen Angebote bündeln, aber auch Pflegedienste sowie die medizinische und pharmazeutische Betreuung.

 

»Rückgewinnung von Normalität« nennt es Alexander Künzel von der Bremer Heimstiftung in Bremen. »Wenn wir in europäische Nachbarländer gehen, wo die Beibehaltung von Normalität auch im Alter zum Alltag gehört, vielleicht aus der Tradition heraus oder weil die Bevölkerungszahl kleiner ist, wird man uns bei Exkursionen eher befremdet anschauen, dass wir überhaupt auf die Idee kommen, Sonderformen bei Alter und Pflegebedürftigkeit zu dulden«, sagte Künzel auf einer Fachtagung zum Thema »Wie wollen wir künftig leben?« in Bonn 1). Das »Haus im Viertel« seiner Stiftung in der Bremer Altstadt ist ein Beispiel, dafür, dass es gut funktioniert, wenn Menschen jeden Alters zusammenleben. Auf dem Gelände des Gebäudekomplexes mit rund 80 Wohnungen für Ältere sieht man nicht nur Greise mit Gehwagen, sondern auch viele Kinder, die auf dem Spielplatz toben und Mütter mit Kinderwagen. Es gibt eine Volkshochschule, das Rote Kreuz hat sich hier ebenso angesiedelt wie ein Veranstaltungszentrum, das auf generationenübergreifende Zusammenarbeit setzt: eine Nutzervielfalt, die das Quartier belebt. »Werden in Zukunft nicht mehr Wohnungen auf den Bedarf von älteren Menschen zugeschnitten, müssen mehr stationäre Versorgungsangebote zur Verfügung gestellt werden, was ökonomisch kaum zu bewältigen wäre und außerdem an den Wünschen und Bedürfnissen der meisten Menschen vorbeiginge«, ist Kremer-Preiss überzeugt.

 

Auch Angehörige werden durch solche Wohnformen entlastet, außerdem kosten sie den Staat mittelfristig weniger Geld als der Betrieb von Heimen und vor allem: Sie kommen dem Wunsch von immer mehr älteren Menschen nach Selbstbestimmung entgegen. Die Nachfrage nach quartiersbezogenen Wohnangeboten wird in Zukunft rapide ansteigen. Dem Bedarf steht die Tatsache gegenüber, dass die meisten Wohnungen nicht altersgerecht ausgestattet sind. Das ergab eine jetzt abgeschlossene repräsentative Untersuchung des KDA. Nur fünf Prozent aller Altershaushalte leben in Wohnungen, die als barrierefrei beziehungsweise als barrierearm gelten 2). Das entspricht etwa 550 000 Wohnungen. »Hinzu kommt, dass auch das Wohnumfeld viele Mängel aufweist«, konstatiert Kremer-Preiss. »Rund zwei Drittel der älteren Menschen leben nicht im Zentrum, sondern in Randlagen. Damit ist die selbstständige Haushaltsführung vielfach gefährdet.« Das betrifft besonders Menschen mit Bewegungseinschränkungen. In fast einem Viertel der Seniorenhaushalte leben Menschen, die eine Gehhilfe, einen Rollator oder Rollstuhl nutzen.

 

Mehr Lebensqualität rechnet sich

 

Über zehn Millionen Wohnungen müssten barrierefrei beziehungsweise barrierearm umgebaut werden, um für alle Seniorenhaushalte ein bedarfsgerechtes Wohnungsangebot sicherzustellen – ein erheblicher Investitionsbedarf in Zeiten leerer Kassen. Viele ältere Menschen sind aber auch bereit, ihre Wohnungen selber umzugestalten und Kosten dafür zu übernehmen. Hauptsache, das vertraute Umfeld bleibt erhalten. Einmal liebgewonnene Muster, das Leben zu gestalten, wollen die meisten auch im Alter beibehalten. Dass sich mehr Lebensqualität auch rechnet, belegt eine Untersuchung des Netzwerks »Song« (Soziales neu gestalten). Die Studie belegt, dass sich bei alten Menschen, die in ihrem gewohnten Umfeld bleiben und nach Bedarf versorgt werden, die Pflegebedürftigkeit deutlich verzögert. Tritt sie dennoch ein, verläuft sie häufig milder als dies beispielsweise bei einer vergleichbaren Versorgung in einer Institution in Randlage »auf der grünen Wiese« der Fall wäre. In Euro und Cent konnte nachgewiesen werden, dass sich Prophylaxe, Verhinderung von Pflegebedürftigkeit, Stärkung von Selbstständigkeit und die Zusammenarbeit von Profis, Angehörigen, Betroffenen und Ehrenamtlichen auch ökonomisch lohnen. /

 

1) Wie wollen wir künftig leben? Lösungsansätze und Beispiele für Wohnformen älterer Menschen. Fachtagung, November 2008, Bonn

 

2) Die komplette Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erscheint voraussichtlich Anfang April 2010.

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