Pharmazeutische Zeitung online
Mäusedornwurzel

Phytopharmakon unter der Lupe

12.03.2007
Datenschutz bei der PZ

Mäusedornwurzel

Phytopharmakon unter der Lupe

Von Claudia Bürger und Gerrit Herre

 

Der Extrakt des Stechenden Mäusedorns, der Arzneipflanze des Jahres 2002, wird vielseitig verwendet. Das Spektrum reicht von chronisch venöser Insuffizienz über Ödeme bis hin zum Diabetes mellitus. Doch in welchen Indikationen gilt die Anwendung als gesichert, möglich und ungesichert?

 

Der Stechende Mäusedorn (Ruscus aculeatus, Liliaceae) ist ein immergrüner 80 cm bis 1 m hoher Halbstrauch. Er besitzt auf bräunliche Schuppen reduzierte Laubblätter und Zweige, die als ledrige, blattartige Flachtriebe ausgebildet sind. Diese spitz auslaufenden Flachtriebe (Phyllokadien) übernehmen die Photosynthese. Die kleinen weißen, fünfzähligen Blüten sitzen meist auf der Oberseite der Flachtriebe und bilden im Winter reifende rote Beerenfrüchte. Der Mäusedorn ist in Mittel- und Südeuropa, Nordafrika und in Vorderasien beheimatet.

 

Als Droge (Rusci rhizoma, Ph. Eur. 2005) wird der getrocknete Wurzelstock mit Wurzeln verwendet. Traditionell wurde Mäusedorn wegen seiner antiinflammatorischen Wirkung und als Venentherapeutikum angewendet. Ein Decoct der Wurzel in Wein wurde als Diuretikum, gegen Nierensteine, als Laxans und gegen Kopfschmerzen verwendet (6). Metzger flochten Mäusedornzweige in die Schnüre der aufgehängten Schinken, um Mäuse fernzuhalten. Die englische Bezeichnung »Butcher`s broom« (»Metzgerginster«) geht darauf zurück, dass in Metzgereien mit Mäusedornzweigen Hackblöcke gesäubert wurden.

 

Gesichert bei CVI

 

Die Kommission E hat die Arzneipflanze des Jahres 2002 zur unterstützenden Therapie von Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen, nächtlichen Wadenkrämpfen, Juckreiz und Schwellung bei einer chronisch venösen Insuffizienz sowie von Beschwerden bei Hämorrhoiden wie Juckreiz und Brennen positiv monographiert (7). Für die pharmakologischen Wirkungen sind die Steroidsaponine und Flavonoide verantwortlich. Sie wirken vasokonstriktorisch und führen zu einer Erhöhung des Venentonus. Dabei beruht die Vasokonstriktion auf einer Aktivierung adrenerger a-Rezeptoren und vermehrten Freisetzung von Noradrenalin (8, 9). Endothelin-Rezeptoren scheinen keine Rolle zu spielen (10).

 

Mehrere Studien belegen die Wirksamkeit von Ruscus aculeatus bei venöser Insuffizienz (11, 12, 13). Unter anderem wurde in einer multizentrischen randomisierten Doppelblindstudie mit 148 Patientinnen gezeigt, dass nach bis zu 12-wöchiger Behandlung mit oral appliziertem Mäusedorn das Beinvolumen gegenüber Placebo statistisch signifikant abnahm. Darüber hinaus besserten sich subjektive Parameter wie das Schweregefühl in den Beinen. Die Verbesserung der subjektiven Parameter korrelierte positiv mit der Abnahme des Beinvolumens (14).

 

In verschiedenen Untersuchungen zur Wirksamkeit bei Hämorrhoiden wurde Mäusedornextrakt mit Trimethylhesperidinchalkon und Ascorbinsäure oder Steinkleeextrakt kombiniert. Einige Studien weisen darauf hin, dass Mäusedornextrakt allein stärker wirkt (15), während andere Studien einen synergistischen Effekt der Kombination andeuten (16). In einer gemeinsamen Auswertung von 124 Fallberichten von Patienten mit Hämorrhoiden wurde die Wirksamkeit eines Fertigarzneimittels mit Mäusedornextrakt, Ascorbinsäure und Trimethylhesperidinchalkon untersucht. 67 Prozent der Patienten bezeichneten das Arzneimittel als gut oder sehr gut wirksam auf schmerzhafte Symptome, Begleitsymptome und die Schwere der Erkrankung (17).

 

Bei Schwellungen Placebo überlegen

 

Die Steroidsaponine eines alkoholischen Extrakts der Wurzel zeigten im Tierversuch antiinflammatorische Eigenschaften (18). Für Ruscogenindiglykosid und andere Saponine wurde in vitro eine zytostatische Aktivität gegen Leukämie-Zellen der Linie HL-60 gefunden (3).

 

Verschiedene Studien beschäftigten sich mit möglichen antiödematösen Wirkungen des Extrakts und seiner Anwendung nach Sportverletzungen. In einer kleinen Untersuchung wurden 48 Patienten mit Quetschungen oder Verstauchungen des Unterschenkels oder der Füße mit Phlebodril® Creme (100 g enthalten 1,6 g Mäusedornextrakt und 1,6 g Steinkleeextrakt) oder Placebo behandelt. Besonders in den ersten Tagen der Behandlung wurde mit dem Verumpräparat eine deutlich schnellere Schmerzreduktion im Vergleich zu Placebo beobachtet (19). Zurzeit ist keine topisch anzuwendende Arzneiform mit Mäusedornextrakt im Handel.

 

Eine Verbesserung der Symptome von Ödemen und Lymphödemen bei verschiedenen Erkrankungen durch die Gabe von Mäusedornextrakt in unterschiedlicher Dosierung wurde in mehreren Studien untersucht. Jedoch ist die Aussagekraft der meisten Studien wegen der kleinen Anzahl von Teilnehmern gering (15, 20, 21).

 

Noch nicht belegt bei Diabetes

 

In einer kleinen Studie mit 60 Typ-2-Diabetikern wurden die Wirkungen von Buchweizen, Mäusedornextrakt und Troxerutin auf verschiedene Symptome untersucht. Dabei zeigten Mäusedornextrakt (Tagesgesamtdosis: 75 mg) und Troxerutin (Tagesgesamtdosis: 500 mg) bei der Reduktion der diabetischen Retinopathie und Senkung der Blutglucose- und Serumcholesterolwerte vergleichbare Resultate (23). Da das Studienprotokoll weder eine Kontrollgruppe noch ein Crossover-Design vorsah und die Studienmedikation unverblindet ausgegeben wurde, beruhen die Wirkungen vermutlich auf einem Placebo-Effekt.

 

Nach den Ergebnissen einer randomisierten, doppelblinden Studie mit 40 Frauen mit prämenstruellem Syndrom verbesserte Mäusedornextrakt (Tagesgesamtdosis: zwei Kapseln Cyclo 3 fort®) Mastodynie im Vergleich zu Placebo statistisch signifikant. Bei den übrigen Parametern wie  Knöchelödemen wurde keine Überlegenheit beobachtet (22).

 

Zum postulierten Indikationsgebiet »orthostatische Dysregulation« gibt es bisher einen Fallbericht (24). Ergebnisse aussagekräftiger Studien liegen noch nicht vor. Das Gleiche gilt für die überlieferten Indikationen Diuretikum, Laxans und Analgetikum.

Literatur

<typolist type="1">

McGuffin, M., Hobbs, C., Upton, R. et al. (eds): American Herbal Products Association‘s Botanical Safety Handbook. CRC Press, Boca Raton, FL; 1997

Fetrow, C. W. & Avila, J. R., Professional‘s Handbook of Complementary and Alternative Medicines. Springhouse Corp, Springhouse, PA; 1999

Mimaki, Y., Kuroda. M., Kameyama. A. et al: Steroidal saponins from the underground parts of Ruscus aculeatus and their cytostatic activity on HL-60 cells. Phytochemistry 48 (1998) 485-493.

Dunouau, C., Belle, R., Oulad-Ali, A., et al., Triterpenes and sterols from Ruscus aculeatus. Planta Med 62 (1996) 189-190.

Rauwald, H. W. & Grunwidl, J.: Ruscus aculeatus extract: Unambiguous proof of the absorption of spirostanol glycosides in human plasma after oral administration. Planta Med 57 (1991) A75-A76.

Potterton, D., Culpepper‘s Color Herbal. Sterling Publishing Company, New York, NY; 1983:35

Monographie der Kommission E Monographie Rusci aculeati rhizoma (Mäusedornwurzelstock), Bundesanzeiger Nr. 127 vom 12.7.1991

Marcelon, G., Vanhoutte, P. M. Phlebology 3 (1988) 51-54.

Rubanyi, G., Marcelon, G., Vanhoutte, P. M., Gen Pharmacol 15 (1984) 431-434.

Miller, V. M., Rud, K. & Gloviczki, P., Interactions of Ruscus-extract with endothelin-receptors in human varicose veins. Clin Hemorheol 14 (1994) 37-45.

Jaeger, K., Eichlisberger, C. H., Lobs, J. et al: Pharmacodynamic effects of Ruscus extract (Cyclo 3 Fort(R)) on superficial and deep veins in patients with primary varicose veins: assessment by duplex sonography. Clin Drug Invest 17 (1999) 265-273.

Kiesewetter, H., Scheffler, P., Jung, F. et al: Effect of Ruscus extract in chronic venous insufficiency state I, II and III. In: Vanhoutte PM (ed): Return circulation and norepinephrine. John Libbey, Eurotext, Paris, France; (1991) 163-169.

LeDevehat, C., Kodabandehlou, T., Vimeux, M. et al., The effects of Cyclo 3 Fort treatment on hemorheological disturbances during a provoked venous stasis in patients with chronic venous insufficiency. Clin Hemorheol 14 (1994) 53-63.

Vanscheidt, W., Jost, V., Wolna, P. et al., Efficacy and safety of a Butcher‘s broom preparation (Ruscus aculeatus L. extract) compared to placebo in patients suffering from chronic venous insufficiency. Arzneimittelforsch 52 (2002) 243-250.

Rudofsky, G., Efficacy of Ruscus extract in venolymphatic edema using foot volumetry. In: Vanhoutte PM (ed): Return circulation and norepinephrine. John Libbey, Eurotext, Paris, France; 1991; 121-130

Baurain, R., Dom, G. & Trouet, A., Protecting effect of Cyclo 3 Fort and its constituents for human endothelial cells under hypoxia. Clin Hemorheol 14 (1994) 14-21.

Bennani, A., Biadillah, M. C., Cherkaoui, A. et al., Acute attack of hemorrhoids: efficacy of Cyclo 3 Forte(R) based on results in 124 cases reported by specialists. Phlebologie 52 (1999) 89-93.

Mimaki,Y., Kuroda, M., Kameyama, A. et al., Aculesoside B, a new bisdesmosidic spironstanol saponin from the underground parts of Ruscus aculeatus. J Nat Prod 61 (1998) 1279-1282.

Bohmer, D., Action of Ruscus extract cream in the treatment of sports injuries. In: Vanhoutte PM (ed): Return circulation and norepinephrine. John Libbey, Eurotext, Paris, France (1991) 171-179.

Cluzan, R. V., Alliot, l. F., Ghabboun, S. et al., Treatment of lymphedema of the upper arm after previous treatment for breast cancer. Lymphology 29 (1996) 29-35.

Lagrue, G., Behar, A., Chaabane, A. & Laurent, J., Edema induced by calcium antagonists: effects of Ruscus extract on clinical and biological parameters. In: Vanhoutte PM (ed): Return circulation and norepinephrine. John Libbey, Eurotext, Paris, France (1991) 105-109.

Monteil-Seurin, J. & Ladure, Ph., Efficacy of Ruscus extract in the treatment of the premenstrual syndrome. Vanhoutte PM (ed): Return circulation and norepinephrine. John Libbey, Eurotext, Paris, France (1991) 43-53.

Archimowicz-Cyrylowska, B., Adamek, B., Drozdzik, M. et al., Clinical effect of Buckwheat herb, Ruscus extract and Toxerutin on retinopathy and lipids in diabetic patients. Phytother Res 10 (1996) 659-662.

Redman, D. A., Ruscus aculeatus (butcher‘s broom) as a potential treatment for orthostatic hypotension, with a case report. J Alt Comp Med 6 (2000) 539-549.

 

Anschrift für die Verfasser:

Gerrit Herre

Fachapotheker für klinische Pharmazie

HELIOS Klinikum Berlin-Buch

Am Sandhaus 31

13125 Berlin

GeHerre(at)berlin.helios-kliniken.de

Mehr von Avoxa