Pharmazeutische Zeitung online
Zielpreisvereinbarungen

Vorfahrt für Bedürfnisse der Patienten

08.04.2008
Datenschutz bei der PZ

Zielpreisvereinbarungen

Vorfahrt für Bedürfnisse der Patienten

Von Daniel Rücker

 

Das Aus für die Rabattverträge könnte der Türöffner für Zielpreise sein. ABDA-Geschäftsführer Karl-Heinz Resch erklärt, warum die AOK auf das bislang verschmähte Angebot einsteigen sollte.

 

PZ: Nach der Entscheidung des Landessozialgerichts in Baden-Württemberg dürften zumindest die bundesweiten Rabattverträge der AOK vor dem Aus stehen. Was bedeutet das für die Apotheker?

Resch: Es bedeutet zweierlei. Erstens haben die Apotheker für die 22 von der AOK bundesweit zum Januar 2008 vergebenen Wirkstoffe die Rabattarzneimittel herauszugeben, für die Verträge vorliegen. Hier müssen sie der klassischen Logik von Rabattverträgen folgen, die den Spielraum von Apothekern und Versicherten auf maximal drei bis vier Produkte beschränken.

Zweitens gilt für die Wirkstoffe, die laut Richterspruch jetzt nicht durch Rabattverträge vergeben werden können, wie für alle übrigen Wirkstoffe, die klassische Aut-idem-Regelung der Abgabe eines der drei günstigsten Produkte. Auch dies ist eine Beschränkung, allerdings durch den Gesetzgeber vorgenommen. Sie hat zur Konsequenz, dass Versicherte vor dem Hintergrund des sich ständig ändernden Preismarktes im Extremfall gezwungen werden, nach jeder Verordnung das Arzneimittel zu wechseln. Das wird sich kaum jemand auf Dauer bieten lassen.

 

PZ: Der Deutsche Apothekerverband wirbt schon seit einiger Zeit für Zielpreisvereinbarungen als Alternative. Könnten Sie die Idee der Zielpreisvereinbarungen in wenigen Sätzen erklären?

Resch: Das Apotheker-Zielpreismodell ist ein Partnerschaftsmodell. Es verbindet auf intelligente Weise die Kompetenz von Apothekerinnen und Apothekern mit den Interessen von Versicherten, Krankenkassen und Ärzten. Zugleich gibt es den Arzneimittelherstellern eine faire Chance zur Teilnahme. Basis unseres Zielpreismodells ist das Sozialgesetzbuch. § 129 Abs. 5 SGB V ermöglicht Vereinbarungen auf rechtssicherem Boden, ohne den Aufwand von Ausschreibungen.

Das Zielpreismodell folgt einer einfachen Grundlogik: Der Apotheker wählt auf Basis einer Wirkstoffverordnung des Arztes aus dem kompletten Spektrum einer Aut-idem-Gruppe ein Arzneimittel aus. Die Krankenkasse erhält die Garantie eines festen Zielpreises als Abrechnungspreis. Die Ermittlung des Zielpreises erfolgt über das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI) und kann auf verschiedenen Wegen vorgenommen werden, etwa über Marktanteile von Präparaten, Stichwort: Lagerhaltung, Lieferfähigkeit. Die Kasse spart daran, weil Zielpreise immer unter dem Niveau der Festbeträge liegen.

Grundsätzlich stehen damit pro Wirkstoff jeweils mindestens fünf, bei vielen Wirkstoffen oft zehn oder mehr Präparate zur Auswahl. Die Versicherten erhalten so eine deutlich höhere Gewähr, ihr gewohntes Arzneimittel oder ein gleichwertig verträgliches zu erhalten. Bei Compliance-Problemen erlaubt unser Modell sogar die Herausgabe eines höherpreisigen Arzneimittels. Dies ermöglichen wir durch ein spezielles Bonus-Verrechnungs-Konto, mit dem Anreize gesetzt werden für Apotheker und Krankenkassen. Die Apothekensoftware ist hierbei eine wichtige Unterstützung. Sie gewährleistet zeitnahe Transparenz, damit verbundene Motivation und das Controlling unseres Modells.

 

PZ: Bislang war die Begeisterung der Krankenkassen für Zielpreise überschaubar. Warum waren die so zurückhaltend?

Resch: Ganz einfach! Wer von der Politik ein neues Instrument an die Hand bekommt, wird dieses zunächst selbst testen. Das würde jeder so machen, zumal damit eine hohe Erwartungshaltung und Beobachtung durch die Politik verbunden waren. Die Ortskrankenkassen haben bislang bundesweit auf die Ausschreibung von 83 Wirkstoffen als Modell ihrer Wahl gesetzt. 22 Wirkstoffe konnten sie zu Jahresbeginn vertraglich vergeben, bei den restlichen 61 haben sie Lehrgeld bezahlt, ohne Erfolg zu haben. Jetzt beginnt eine neue Phase, für die wir hoffen, dass die AOKen spurtreu bleiben. Denn Verträge über Wirkstoffe haben deutlich mehr Vorteile im Hinblick auf Vergleichbarkeit und Transparenz, sie sind besser geeignet, die Mechanismen des zum Glück noch breiten Angebotmarktes zu nutzen.

Andere Krankenkassen sind den zunächst einfacheren Weg über Vollsortimentverträge mit einzelnen Herstellern gegangen, zum Teil sogar ohne Ausschreibung. Dies wird sich so sicherlich nicht wiederholen lassen. Eine Reihe dieser Verträge läuft bis Ende 2008 oder länger. Viele Krankenkassen werden in nächster Zeit zu prüfen haben, ob sich ihre finanziellen Erwartungen erfüllt haben oder nicht. Es gibt bereits einige kritische Stimmen. Und sie werden im Hinblick auf Kundenzufriedenheit zu bedenken haben, ob die Versicherten mit der Beschränkung auf die Produkte ihres jeweiligen Vollsortimenters wirklich zufrieden sind. Die Antwort auf diese Frage dürfte um so spannender werden, je mehr Krankenkassen sich für den Weg entscheiden, ihren Versicherten Wahlfreiheit zwischen Arzneimitteln auf Basis von Zielpreisvereinbarungen zu geben.

 

PZ: Es gibt Anzeichen dafür, dass die AOK ihre Position überdenkt. Christopher Hermann hat dies gegenüber der PZ bestätigt. Rechnen Sie mit einer baldigen Einigung zwischen DAV und AOK?

Resch: Ich gehe davon aus und bin optimistisch, schließlich müssen die AOKen an einer Lösung Interesse haben, die ihnen schnell, rechtssicher und flächendeckend Einsparungen bringt. Wenn sie ihrer Linie treu bleiben und auf das marktwirtschaftliche Instrument von Verträgen über Wirkstoffe setzen, sind sie unserem Ansatz sehr nahe. Auch das Apotheker-Zielpreismodell setzt auf Wirkstoffverordnungen.

 

PZ: Welche Vorteile gegenüber Rabattverträgen haben Zielpreisvereinbarungen für Krankenkassen, Patienten und Apotheker?

Resch: Die Grundidee des Zielpreismodells lautet: Vorfahrt für die Bedürfnisse der Patienten und die Kompetenz der Apotheker. Und zwar Vorfahrt durch eine Vertragspartnerlösung des DAV und der Landesapothekerverbände mit Krankenkassen unter Einbeziehung und Stärkung der Kompetenz niedergelassener Ärzte. Das bedeutet konkret, dass die Krankenkassen ohne den Aufwand von Ausschreibungen zeitnah, rechtssicher, verwaltungsschlank und transparent Einsparungen erzielen. Die Mechanismen des zum Glück noch vorhandenen Preismarktes werden sinnvoll zugunsten derjenigen Krankenkassen mobilisiert, die auf Partnerschaft mit Apothekerinnen und Apothekern setzen. Ein vernünftiges Belohnungssystem über das geplante Bonus-Verrechnungskonto mit zeitnaher Transparenz für alle Beteiligten wird zudem eine hohe Umsetzungsquote unseres Modells bewirken.

Die Patienten erhalten mehr Souveränität durch Wahlfreiheit bei Arzneimitteln auf Basis einer Beratung in ihrer Apotheke. In Ausnahmefällen, etwa bei möglichen Compliance-Problemen, erhalten sie auch ein Präparat oberhalb des Zielpreises.

Apothekerinnen und Apotheker erfahren eine größere Anerkennung ihrer fachlichen Kompetenz zur Beratung. Und sie erhalten über das Bonus-Verrechnungskonto finanzielle Anreize zum engagierten Mitmachen. Davon haben alle etwas: Patienten, Krankenkassen und natürlich auch die Apotheker. Mit Belohnung und Motivation kommt man weiter als mit Bestrafung, wie bei der Importquote.

 

PZ: Krankenkassen geht es ja häufig auch ums Geld. Lässt sich mit den Zielpreisvereinbarungen genauso viel einsparen, wie mit Rabattverträgen?

Resch: Wir wissen nicht, wie viel Krankenkassen durch Rabattverträge mobilisieren. Das ist ein bislang gut gehütetes Geheimnis. Bekannt ist hingegen, dass der Arzneimittel-Preismarkt bei Generika als Folge der Gesetzgebung seit 2006 deutlich nach unten gegangen ist. Preisanpassungen finden nahezu monatlich statt. Das ist wichtig zu wissen, weil es auf die Methode ankommt, mit der ich Einsparungen berechne. Mein Eindruck: Manche rechnen sich reich, ohne es zu sein. Wer beispielsweise ein hohes Ausgangsniveau für Einsparberechnungen heranzieht, ohne Preisanpassungen im Markt zu berücksichtigen, legt falsche Prämissen zugrunde. Denn andere Krankenkassen profitieren davon gleichermaßen.

Auch der Weg über hohe Rabatte auf hohe Preise macht noch keinen Sieger im Kassenwettbewerb. Hinzu kommt, dass ein sinkendes Preisniveau im Gesamtmarkt für die Zukunft dazu führen wird, dass auch die Margen sinken. Insofern muss jeder, der für die Zukunft plant, die Gegenwart zugrunde legen. Dies tun wir, indem wir Einsparungen auf der jeweils aktuellen Preisbasis und damit realistisch berechnen. Konkret heißt das: Für die Krankenkassen würde unser Zielpreismodell auf aktuellem Preisstand rund 400 Millionen Euro zusätzlich heben. Hinzu kommen all seine weiteren Vorteile.

 

PZ: Wie steht die Industrie zu den Zielpreisen? Könnte sie diese, wie bei den Rabattverträge mit Erfolg geschehen, juristisch torpedieren?

Resch: Dazu besteht weder Anlass noch Grundlage. Doch wie jedes neue, braucht auch das Zielpreismodell Überzeugungsarbeit, auch bei den Herstellern. Der grundlegende Unterschied unseres Modells besteht in Marktöffnung und Marktbeteiligung für die Unternehmen.

Mit den Rabattverträgen wurden die Hersteller vor eine Alles-oder-nichts-Situation gestellt: Jene, die im Nichts gelandet sind, haben darauf mit Klagen reagiert. Das ist bei unserem Modell anders: Jeder kann mitspielen, wenn er Marktpreise unterhalb des Zielpreises anbietet und sich damit, bildlich gesprochen, in den Lichtkegel des Apothekers begibt.

Das bedeutet für die Hersteller zunächst einmal keine Garantie für ein Mehr an Absatz ­ ein Argument, mit dem für Rabattverträge durch den Ausschluss von Konkurrenten geworben wird. Es bedeutet aber, dabei zu sein - und zwar für Patienten, die ebenfalls bei den von ihnen geschätzten Arzneimitteln bleiben können. Das mag etwas nach olympischem Pathos klingen, ist es aber nicht: Dabei zu sein, wird für einige Hersteller in nächster Zeit überlebenswichtig werden.

Klar ist darüber hinaus, dass Unternehmen geschmeidiger durch Anpassungen reagieren, wenn sie verlässliche Rahmenbedingungen haben. Im Klartext: Viel wird davon abhängen, ob durch eine vernünftige Laufzeit von Zielpreisen und Zielpreisvereinbarungen verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

 

PZ: Mit diesem Konzept übernehmen die Apotheker mehr ökonomische Verantwortung; sind damit auch höhere Risiken verbunden?

Resch: Es gibt kein Leben ohne Risiko. Und es gibt kaum Chancen ohne Risiken. Doch wer nur die Risiken hätschelt, wird keinen Erfolg haben. Wer den Erfolg will, muss bereit sein, ein gewisses Maß an Risiko einzugehen. Das gehört im Übrigen ebenso zum Wesen der Freiberuflichkeit wie das Prinzip der Verantwortung. Verantwortung für Kostensenkungen im Gesundheitswesen zu übernehmen, ist eine wichtige Aufgabe.

Natürlich müssen wir beim ersten richtigen Stapellauf unseres neuen Modells mit den Krankenkassen Sicherheitslinien verabreden. Dies gilt im Übrigen für beide Seiten. Wir wollen, dass beide gewinnen.

 

PZ: Würden Sie einen spekulativen Blick nach vorne wagen? Werden die Zielpreisvereinbarungen in absehbarer Zeit eine ähnliche Bedeutung bekommen können wie die Rabattverträge oder könnten Sie diese sogar überholen?

Resch: Ich bin kein Prophet, allerdings ein Mensch mit Hoffnungen. Meine Hoffnung gründet auf der Einsicht, dass in einem Markt mit in Zukunft wahrscheinlich engeren Margen auch durch weitere Senkungen der Festbeträge Kassen gut beraten sind, nicht alles allein schultern zu wollen. Wer klug ist, denkt in Alternativen. Wer pragmatisch denkt, nutzt Hilfen und überträgt Problemlösungen denen, die im Markt Kompetenz haben und über Infrastruktur und Instrumente verfügen. Wir stehen mit unserer Alternative bereit.

Mehr von Avoxa