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Calcium

Zu viel schadet dem Herz

26.02.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler / All zu viel ist ungesund – das gilt auch für Calcium. Eine hohe Zufuhr belastet das Herz und kann die Sterblichkeit erhöhen. Dies belegen zwei große Studien aus Schweden und den USA.

 

Calcium gilt gemeinhin als »gesund«. Es ist an elementaren Körperfunktionen wie Nervenleitung, Blutgerinnung und Muskelkontraktion beteiligt, stärkt Zähne und Knochen und beugt Brüchen vor. Daher wird es vor allem älteren Menschen empfohlen. Der Dachverband Osteologie ist in seiner Leitlinie zur Osteoporose- und Frakturprophylaxe eher zurückhaltend (www.dv-osteo logie.org). Erwachsene sollten 1000 mg Calcium täglich über die Nahrung zu sich nehmen; nur bei einer geringeren Zufuhr sollten sie das Mineral supplementieren.

Die Gesamtzufuhr sollte nicht über 1500 mg liegen. Hinzu kommt eine gute Vitamin-D-Versorgung: entweder über Sonnenlicht­exposition und damit endogene Synthese oder – falls dies nicht gewährleistet ist – über die Supplementierung von 800 bis 2000 I.E. D3 täglich. Dass die Vorsicht beim Calcium angebracht ist, zeigen zwei aktuelle Studien. Schwedische Forscher fanden, dass Frauen, die regelmäßig sehr viel Calcium aufnehmen, ein höheres Sterberisiko, speziell an kardiovaskulären Erkrankungen haben. Die kritische Menge lag bei 1400 mg pro Tag. Zuvor hatte eine US-amerikanische Studie ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bei Männern mit hoher Calciumzufuhr (1500 mg/Tag) festgestellt.

 

Deutlich mehr Ischämien bei Frauen

 

Die Wissenschaftler um Professor Dr. Karl Michaëlsson von der Universität Uppsala analysierten die Daten von 61 443 Frauen aus der Schwedischen Mammografie-Kohorte, die zwischen 1987 und 1990 nach ihrer Ernährung und zu Supplementen befragt worden waren (1). Die mittlere Calcium-Aufnahme betrug in der niedrigsten Quartile 572 mg/Tag (entspricht etwa fünf Scheiben Käse) und in der höchsten 2137 mg/Tag. Dies setzten die Forscher in Bezug zu Sterbedaten.

 

In den folgenden 19 Jahren waren 17 Prozent der Frauen gestorben, ein Drittel davon an kardiovaskulären Erkrankungen, 16 Prozent an einer Herzkrankheit und 8 Prozent an Schlaganfall. Frauen, die täglich mehr als 1400 mg Calcium aufgenommen hatten, starben mehr als doppelt so häufig an einer ischämischen Herzkrankheit wie Frauen mit einer Zufuhr zwischen 600 und 1000 mg. Auch die Gesamtsterblichkeit und die Rate an kardiovaskulären Erkrankungen waren deutlich erhöht. Aber auch bei einer Aufnahme unter 600 mg/Tag war das Sterberisiko erhöht.

 

Die Einnahme von Supplementen, meist 500 mg Calcium pro Tag, war per se nicht riskant. Ausnahme: Frauen, die mit ihrer Nahrung mehr als 1400 mg Calcium aufnahmen und zusätzlich Tabletten schluckten. Hier war das Sterberisiko mehr als verdoppelt. Die Forscher vermuten, dass eine sehr hohe oder sehr niedrige Calciumzufuhr die körpereigene Homöostase überfordern und den Calciumblutspiegel verändern könnten. Daher sollten ältere Frauen nur zu Supplementen greifen, wenn sie wenig Calcium mit der Nahrung aufnehmen.

 

Auch Männerherzen leiden

 

Dass zu viel Calcium auch Männerherzen schadet, hat eine Anfang Februar publizierte prospektive Beobachtungsstudie gezeigt (2). Qian Xiao vom US-National Cancer Institute in Bethesda/Maryland wertete dazu Daten der »Diet and Health Study« aus. Bei 388 000 Männern und Frauen zwischen 55 und 71 Jahren wurde der Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit untersucht. 51 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen nahmen Calcium-Supplemente ein. In der Beobachtungszeit von zwölf Jahren starben 7904 Männer und 3874 Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

 

Die Einnahme von Supplementen erhöhte das Risiko für Männer, an einer Herzerkrankung zu sterben, um 20 Prozent. Das Risiko eines zerebrovaskulären Tods war nicht erhöht. Bei Frauen gab es keinen Zusammenhang. Die alimentäre Calciumzufuhr beeinflusste das Sterberisiko weder bei Männern noch bei Frauen.

 

Für das Herz-Kreislauf-Risiko der Männer ermittelte Xiao eine U-förmige-Kurve. Bei einer niedrigen täglichen Gesamtzufuhr unter 500 mg war das Risiko erhöht, ebenso bei mehr als 1500 mg. Am unteren Scheitelpunkt der Kurve (etwa 1000 mg) fand sie eine tendenziell protektive Wirkung. Beobachtungsstudien können aber nur Hinweise und keine Beweise für einen kausalen Zusammenhang liefern. Das ist einer Interventionsstudie vorbehalten. /

 

Literatur

  1. Michaëlsson, K., et al., Long term calcium intake and rates of all cause and cardiovascular mortality: community based prospective longitudinal cohort study. BMJ 346 (213) 1228. www.bmj.com/content/346/bmj.f228.pdf%2Bhtml
  2. Xiao, Q., Dietary and Supplemental Calcium Intake and Cardiovascular Disease Mortality.The National Institutes of Health-AARP Diet and Health Study. JAMA Intern Med. (2013).

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