Pharmazeutische Zeitung online

Spart Vorsorge tatsächlich Kosten?

08.04.2008
Datenschutz bei der PZ

Spart Vorsorge tatsächlich Kosten?

Von Uta Grossmann

 

Medizinisch lohnt sich Prävention, das ist unbestritten. Aber rechnet sie sich auch aus ökonomischer Sicht? Eine heikle Frage, auf die es je nach Untersuchungsansatz unterschiedliche Antworten gibt.

 

Wenn ein Mensch regelmäßig Sport treibt, viel Obst und Gemüse isst und Fast Food meidet, noch dazu nicht raucht und im Job wenig Stress hat, lebt er länger und wird seltener krank als jemand, der sich nicht an diese Grundregeln der gesunden Lebensführung hält. Der Mensch sorgt durch sein vernünftiges Verhalten vor. Doch kostet er das Gesundheitswesen wirklich weniger als einer, der säuft, qualmt, sich Chips und Drogen einfährt und schließlich in jungen Jahren in die Grube fährt?

 

Eine heikle Frage. Die bekannte Untersuchung der schweizerischen Ökonomen Robert Leu und Thomas Schaub von der Universität Basel kommt zu dem Ergebnis, dass Raucher während der gesamten Lebensspanne weniger Gesundheitskosten verursachen als Nichtraucher. Ein totales Rauchverbot würde das Gesundheitswesen durch die zusätzlichen Lebensjahre der Nichtraucher langfristig mehr kosten. Es scheint zynisch, doch die Verhütung des Rauchens, eines der verbreitetsten Ziele der Prävention, erweist sich für das Gesundheitssystem als Kostentreiber.

 

Wer länger lebt, kostet auch mehr

 

Mit Blick auf den demographischen Wandel, in dem wir stecken, verschärft sich das Problem. Wenn immer mehr Menschen immer länger leben, wird das für das Gesundheitssystem teuer. Selbst wer gesund lebt, wird im Alter selten von diversen Zipperlein verschont und braucht Arzneimittel und medizinische Versorgung, die sein Gegenpart mit dem Lebensmotto »live fast, die young« (lebe schnell, stirbt jung) nie benötigen wird, weil er längst tot ist. Rechnet sich vor diesem Hintergrund Prävention? Dass sie sich für den Einzelnen lohnt, schon weil er an Lebensqualität gewinnt, ist unbestreitbar. Aber lässt sich volkswirtschaftlich ermitteln, ob Prävention in der Gesamtrechnung Kosten vermeidet? Wissenschaftlich fundierte Antworten gibt es darauf kaum.

 

Dabei müsste vor allem die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ein Interesse an validen Zahlen haben. Immerhin gaben sie 2006 mehr als 232 Millionen Euro für Prävention aus und mit dem geplanten Präventionsgesetz wird es erheblich mehr werden. Einfacher ist ein Kosten-Nutzen-Verhältnis zu ermitteln, wenn die Fragestellung eingegrenzt wird. Etwa auf die betriebliche Gesundheitsförderung. Unternehmen, die Präventionsprogramme anbieten, sparen bares Geld, wenn die teilnehmenden Mitarbeiter seltener krank werden. Die Arbeitgeber vermeiden die in den ersten sechs Wochen einer Krankschreibung fällige Lohnfortzahlung und krankheitsbedingte Produktionsausfälle.

 

Die ökonomisch günstigen Auswirkungen von betrieblichen Gesundheitsförderprogrammen auf die Senkung der Fehlzeiten scheinen durch diverse Studien gut belegt. Zu diesem Ergebnis kommen Julia Kreis und Wolfgang Bödeker im Report der Initiative Gesundheit & Arbeit, die im Auftrag des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen und des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften Untersuchungen zum gesundheitlichen und ökonomischen Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung auf ihre wissenschaftliche Evidenz überprüft haben.

 

Betriebe und Kassen profitieren

 

Firmen sollten also versuchen, möglichst viele Beschäftigte zur Prävention zu bewegen ­ vor allem auch diejenigen, die nicht ohnehin schon sportlich sind und sich bewusst ernähren. Die Gmünder Ersatzkasse (GEK) hat vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung unter Vorsitz von Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz wissenschaftlich untersuchen lassen, ob Einsparungen durch Prävention in Euro beziffert werden können. Das eindrucksvolle Ergebnis: Wer sich für Präventionsmaßnahmen entscheidet, spart der Kasse netto bis zu einen Monatsbeitrag an Kosten.

 

Bei manchen Studien ist Vorsicht geboten. Das hat oft methodische Gründe. Die Frage, ob Prävention sich ökonomisch lohnt, führt je nach Ansatz und Perspektive der Untersuchung zu unterschiedlichen Antworten.

 

Ist vorbeugen billiger als heilen?

 

Studien zur Verhinderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit pharmakotherapeutischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen ergaben, dass beide Formen der Intervention überwiegend kosteneffektiv sind, vor allem im Vergleich zu akutmedizinischen Eingriffen. Darauf wies Privatdozent Dr. Christian Krauth von der Medizinischen Hochschule Hannover in einem Vortrag beim Präventionskongress der Grünen im vergangenen April im Deutschen Bundestag hin.

 

Doch solche Studien geben keine Auskunft darüber, ob die erfolgreiche Prävention das Gesundheitsbudget als Ganzes entlastet oder nicht. Denn der Patient, der glücklich einer Herz-Kreislauf-Erkrankung vorgebeugt hat, erkrankt vielleicht stattdessen an Krebs oder einer anderen Krankheit und verursacht so am Ende wesentlich höhere Kosten. Das merkte Professor Dr. Walter Krämer von der Universität Dortmund in derselben Veranstaltung an.

 

Er sagte, viele Heilerfolge seien inzwischen preiswerter durch Therapien als durch Prävention zu erzielen. Hinzu kommt die Wahllosigkeit mancher Vorsorgemaßnahmen. »Ungezählte Menschen werden nämlich geimpft, mit blutdrucksenkenden Medikamenten behandelt oder durch Vorsorgeprogramme aller Art geschleust, die ohnehin die Krankheit nie bekommen hätten« , so Krämer. »Für diese ist das Geld für die Prävention also gewissermaßen zum Fenster hinaus geworfen.«

 

Professor Dr. Jürgen Wasem vom Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg/Essen glaubt, dass es eine Illusion sei, dem Gesundheitswesen insgesamt durch Prävention Kosten zu sparen. Dennoch ist er für Vorsorge. Denn die nötige Investition ist oft nicht groß, und wer würde sich nicht dafür entscheiden, ein paar Jahre länger bei guter Gesundheit zu leben, noch dazu, wenn das relativ günstig zu haben ist?

Mehr von Avoxa