Pharmazeutische Zeitung online
OTC-Präparate

Selbstmedikation ist kein Selbstläufer

22.10.2013  16:45 Uhr

Von Daniel Rücker, Düsseldorf / Im Bereich der Selbstmedikation kommt Apothekern eine besondere Rolle zu. Durch ihre Beratung fördern sie den sinnvollen Einsatz von OTC-Präparaten und tragen somit wesentlich zum Behandlungserfolg bei. Mit dieser Verantwortung hat sich Mitte Oktober der OTC-Gipfel des Apothekerverbands Nordrhein in Düsseldorf befasst. Dabei standen auch die ökonomischen Auswirkungen von Selbstmedikation im Fokus.

OTC-Präparate nicht als Schnäppchen

Der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, wirft der Politik vor, mit ihren Entscheidungen der Selbstmedikation zu schaden. »Die vergangenen Regierungen haben wenig zur Stärkung der Selbstmedikation beigetragen«, sagte er. Mit der Ausgrenzung der OTC-Präparate aus der Erstattungsfähigkeit und der Freigabe der Preise hätten die Produkte einen deutlichen Imageschaden erfahren. Preis: »Das war eine schlechte Entscheidung.«

Dumpingpreise im Internet und Rabattschlachten einiger Apotheker hätten OTC-Präparate aus Sicht der Verbraucher zu Schnäppchen gemacht. Das Vertrauen in deren Wertigkeit und Qualität sei so infrage gestellt worden. Dies könne auch einen negativen Einfluss auf die Therapie haben. »Das Vertrauen in eine Therapie ist mitentscheidend für deren therapeutischen Erfolg«, so Preis. Der Verbandsvorsitzende misst aber auch den Apothekern eine entscheidende Rolle in der Selbstmedikation bei. Diese seien Kontrollinstanz und Unterstützer in einem. Sie steigerten mit ihrer Beratung die therapeutische Effizienz.

 

Neben dem therapeutischen Nutzen habe die Selbstmedikation auch positive ökonomische Effekte für die Gesellschaft, sagte Preis. Der Patient bezahle die Arzneimittel selbst. Damit vermeide er Ausgaben zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung, auch weil die Selbstmedikation bei leichten Gesundheitsstörungen eine Alternative zum Arztbesuch sein könne. Ganz klar müssten aber auch die Grenzen gesehen werden. Preis: »Selbstmedikation kann den Arzt bei der Behandlung entlasten oder unterstützen. Sie kann ihn aber nicht ersetzen.«

 

Jeder Apotheke ihre AMK

Der Frankfurter Pharmazieprofessor Theo Dingermann empfiehlt den Apotheken, eine eigene Arzneimittelkommission (AMK) aufzubauen. Alle Mitglieder des pharmazeutischen Personals einer Apotheke sollten dieser Kommission angehören, sagte Dingermann. Wichtigste Aufgabe der internen AMK sei es, nachvollziehbar unter Berücksichtigung von Leitlinien die Arzneimittel zusammenzustellen, die in der Apotheke verwendet werden sollen.

Dabei denkt Dingermann vor allem an Arzneimittel der Selbstmedikation, die nach dem Evidenzgrad abgestuft bewertet werden. Ganz oben stehen Arzneimittel mit eigenen klinischen Studien, es folgen monografiekonforme Medikamente. Auf der untersten Stufe stehen für den Wissenschaftler Nahrungsergänzungsmittel und Arzneitees.

 

Dingermann sieht zwar erhebliche Unterschiede zwischen diesen drei Stufen, grundsätzlich könne es aber sinnvoll sein, Präparate aller Evidenzgrade anzuwenden. Dingermann: »Es gibt Klassenunterschiede zwischen OTC-Arzneimitteln, deshalb muss man sie anlassbezogen einsetzen.« In der Regel seien Präparate mit eigenen klinischen Studien oder solche, die zumindest einer Monografie entsprechen, Mittel der Wahl. Bei Krankheiten mit hohem Selbstheilungspotenzial oder zur Vorsorge hätten aber auch Arzneimittel der unteren Evidenzstufe ihre Berechtigung. Die AMK der Apotheke müsse definieren, wann diese Medikamente eingesetzt werden können. »Die Apotheker müssen entscheiden, welches Arzneimittel für den jeweiligen Anlass das Beste ist und ihre Kunden darüber beraten«, so Dingermann.

 

Apotheker sparen mehr als sie selbst kosten

Arzneimittel zur Selbstmedikation sind nicht nur günstig, sie helfen auch, die Gesundheitsausgaben zu senken. Die zentrale Rolle spielen dabei die Apotheker. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Gesundheits­ökonomen Cosima Bauer und Professor Uwe May. »Selbstmedikation entlastet die Gesetzliche Krankenversicherung, die Patienten und die Ärzte«, sagte May.

 

Entlastet wird die Krankenversicherung an verschiedenen Stellen. Die Patienten bezahlen ihre Arzneimittel selbst und können deshalb auf Verordnung und Arztbesuch verzichten. Bei der Untersuchung in Österreich haben May und Bauer ausgerechnet, welche Kosten bei einem Arztbesuch inklusive Verordnung anfallen. Dabei wurden unter anderem Wartezeiten, Arbeitsausfall beim Patienten, Arzthonorar und die Kosten für ein verordnetes Medikament berücksichtigt. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Nach der Berechnung von May und Bauer spart jeder für ein OTC-Arzneimittel ausgegebene Euro der Krankenversicherung 5,20 Euro, zumindest in Österreich. In Deutschland könne der Betrag mit 4,50 Euro geringfügig darunter liegen, sagte May. Dies sei noch eine sehr konservative Schätzung.

Wie May sagte, beeinflussen Apotheker diese Einsparungen erheblich. Apotheken förderten und induzierten Selbstmedikation, indem sie einen niedrigschwelligen Zugang zu OTC-Arzneimitteln darstellten. Sie erhöhten damit die Bereitschaft der Patienten, sich bei Befindlichkeitsstörungen selbst zu behandeln. Außerdem würden Apotheken zum Produktimage der Arzneimittel beitragen, das deutlich höher ist als das von Drogerieware. Durch die Beratung optimieren die Apotheken May zufolge den therapeutischen Nutzen der Selbstbehandlung, sie machen den Behandlungserfolg wahrscheinlicher und helfen, Risiken und Nebenwirkungen zu vermeiden. Damit erhöhten sie die Effizienz und die Wirtschaftlichkeit der Therapie, so der Gesundheitsökonom.

 

Den wirtschaftlichen Nutzen der apothekengestützten Selbstmedikation beziffert May auf rund 4,5 Milliarden Euro. Das wäre mehr als die Inanspruchnahme der Apotheken in Deutschland im vergangenen Jahr gekostet hat. May kann diese Summe plausibel begründen: »Der OTC-Markt in Deutschland hat ein Volumen von 5 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn wir davon ausgehen, dass Apotheken 20 Prozent dieses Umsatzes induziert haben, dann wären dies 1 Milliarde Euro.« Stimmt die Erkenntnis, dass jeder für Selbstmedikation ausgegebene Euro 4,50 Euro spart, dann kommt man auf die Summe von 4,5 Milliarden Euro. Dies sei ein erheblicher gesundheitsökonomischer Nutzen, sagte May. Sein Fazit: »Die Apotheke ist allemal das wert, was sie im System kostet.« /

Mehr von Avoxa