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OTC-Gipfel

Kein Versand bei Kinderarzneimitteln

09.11.2016
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Von Daniel Rücker, Düsseldorf / Zum vierten Mal lud der Apothekerverband Nordrhein die Branche zum OTC-Gipfel nach Düsseldorf ein. Ärzte, Apotheker und Ökonomen diskutierten über aktuelle Trends in der Selbstmedikation. Verbandsvorsitzender Thomas Preis sieht für OTC-Arzneimittel noch viel Potenzial.

Bei Arzneimitteln für Kinder und Jugendliche sollten andere Regeln gelten als bei Arzneimitteln, die Erwachsene einnehmen, sagte Thomas Fischbach beim OTC-Gipfel des Apothekerverbands Nordrhein vergangene Woche in Düsseldorf. Ein Beispiel dafür sei der Versandhandel, so der Kinderarzt. Medikamente für Säuglinge und Kleinkinder sollten grundsätzlich in öffent­lichen Apotheken gekauft werden.

 

Sachverstand wichtig

 

Der Sachverstand des Apothekers sei hier wichtig. Gerade bei Kleinkindern könnten die Eltern »richtig viel falsch machen«. Das gelte auch für OTC-Arzneimittel. Diese seien zwar in den meisten Fällen harmlos, aber eben nicht immer. Medikamente wie Antihistaminika, ASS, Paracetamol oder Loperamid könnten für Kleinstkinder gefährlich sein. Vollkommen indiskutabel sei dabei jede Art von Schlafmitteln.

 

Fischbach setzt sich dafür ein, dass Arzneimittel für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren grundsätzlich von der Gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden sollten. Es sei nicht nachvollziehbar, dass dies in einem wohlhabenden Land wie Deutschland keine Selbstverständlichkeit sei, sagte Fischbach. Der Ausschluss von Arzneimitteln für Kinder über zwölf Jahren könne für den Nachwuchs finanziell schwacher Familien erhebliche gesundheitliche Konsequenzen haben, so der Kinderarzt.

 

Das gelte zum Beispiel für Kinder mit Heuschnupfen oder Allergien. Es gebe nicht wenige Familien, die die Kosten für Antiallergika nicht selbst tragen könnten. Für Fischbach ist dies nicht hinnehmbar. Kinder armer Eltern würden in Deutschland schlechter versorgt als Kinder aus wohlhabenden Familien. Dies werde offenbar billigend in Kauf genommen. Fischbach hat daher den Eindruck: »Kindergesundheit spielt für Politiker keine Rolle.«

 

Selbstmedikation senkt GKV-Kosten

 

Gesundheitsökonom Professor Uwe May ist der Ansicht, dass die besondere Bedeutung der Selbstbehandlung generell noch nicht bei den Politikern angekommen ist. Nach einer Untersuchung Mays senken OTC-Arzneimittel die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung ganz erheblich. Dabei sei der positive ökonomische Effekt der Selbstmedikation nicht allein da­rin begründet, dass der Patient die Arzneimittel aus eigener Tasche bezahle. Noch wichtiger sei die Entlastung der Ärzte. Kauft ein Patient seine Medizin selbst, entfällt in den meisten Fällen der Arztbesuch.

 

Dabei geht es um eine enorme Größenordnung. Das Ausmaß der Selbstmedikation bei leichten Gesundheitsstörungen sei gigantisch. Die Zahl leichter Erkrankungen liege in Deutschland bei rund einer Milliarde. Jeder Patient, der sich in diesem Fall selbst behandelt, spart der GKV durchschnittlich rund 75 Euro. Dies sind die Kosten eines Arztbesuchs inklusive einer Arzneimittelverordnung, wobei der zeitliche Aufwand des Arztes für den überwiegenden Teil der Kosten verantwortlich ist.

 

Nach Mays Untersuchung ließ sich die Zahl der Arztbesuche ganz erheblich senken, ohne dass die Versorgung Schaden nehme. »Grund für etwa die Hälfte aller Arztbesuche sind Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Rezepte für Arzneimittel, die der Patient seit Langem kennt.« Diese Quote ließe sich einfach reduzieren, wenn Apotheker – wie in einigen anderen europä­ischen Staaten – Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen dürften. In Großbritannien hätten die Apotheker bereits deutlich größere Befugnisse als in Deutschland. Es wäre für das deutsche Gesundheitswesen gut, wenn es hierzulande eine ähnliche Entwicklung gäbe. /

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