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Arzneimittelfälschungen

Die Gefahr ist der illegale Versand

08.04.2008
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Arzneimittelfälschungen

Die Gefahr ist der illegale Versand

Von Christina Hohmann, Frankfurt am Main

 

Über den illegalen Versandhandel kommen immer mehr gefälschte Medikamente nach Deutschland. Das hat auch das BfArM erkannt und eine eigene Website eingerichtet, um Verbraucher zu warnen. Diesen ist die Gefahr kaum bewusst.

 

Der Handel mit Arzneimittelfälschungen ist äußerst lukrativ - lukrativer als der Drogenhandel. »Anders als Drogen wie Heroin haben Medikamente keinen stoffbezogenen Preis, sondern einen intellektuellen«, erklärte Professor Dr. Harald Schweim von der Universität Bonn auf einer Veranstaltung des Colloquium Pharmaceuticum in Frankfurt am Main. »Die Synthese ist preiswert, teuer ist die Entwicklung.« Daher haben gefälschte Arzneimittel eine deutlich höhere Gewinnspanne, zum Teil beträgt der Verkaufspreis das 200-Fache der Produktionskosten. Dementsprechend gut läuft das Geschäft mit Arzneimittelfälschungen: der weltweite Markt beläuft sich auf etwa 35 Milliarden Dollar, berichtete Schweim.

 

Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind etwa 10 Prozent der Medikamente weltweit Fälschungen. In manchen Entwicklungsländern beträgt der Anteil fast 90 Prozent. In Deutschland dagegen kommen Fälschungen in der legalen Vertriebskette, vom Hersteller über den Großhandel zur Apotheke inklusive des Parallelimports und den legalen Versandhändlern, so gut wie nicht vor. »Das Problem ist der illegale Versandhandel«, sagte Schweim. Hier sei jedes zweite Präparat gefälscht. Bei teuren Lifestyleprodukten liegt der Anteil sogar bei fast 90 Prozent. Im besten Fall sind die Medikamente wirkungslos, sie können aber die Gesundheit schädigen.

 

Versandhandel ist unkontrollierbar

 

Die Verbraucher können kaum seriöse Internetapotheken von illegalen Versendern unterscheiden. »Es war ein schwerer Fehler, den Versandhandel zu öffnen, weil er nicht kontrollierbar ist«, sagte Schweim.

 

Dem schloss sich auch Dr. Dietrich Schnädelbach vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) an. »Der Internethandel ist nicht sicher zu bekommen, man muss die Bevölkerung über die Gefahren aufklären.« Hierfür erstellt das BfArM derzeit die Website »Sicherer Erwerb von Arzneimitteln«, die die Bevölkerung vor dem illegalen Versandhandel warnen soll und Tipps zum Vermeiden von Fälschungen enthält. Das wohl am häufigsten gefälschte Produkt ist Viagra. »Auf dem Markt sind mindestens 19 nicht zugelassene Sildenafil-Analoga«, sagte Schnädelbach. »Diese sind zum Teil toxisch in einem Bereich, wo es problematisch wird.« Eine ähnliche Entwicklung sei auch bei Anabolika und bei Schlankheitsmitteln zu erkennen.

 

Von den Fälschungen seien sogenannte Klone zu unterscheiden. Dies sind keine hundertprozentigen Kopien des Originals, sondern deutlich als solche zu erkennende Nachahmungen. Ein Klon von Viagra sei zum Beispiel diamantförmig, rosa und heiße »Siagra«. Diese Produkte seien zum Teil sogar noch gefährlicher als Fälschungen, weil sie abgewandelte Wirkstoffe oder ungewöhnliche Substanzkombinationen enthalten können. So sei ein Klon aufgetaucht, der Sildenafil in Kombination mit Glibenclamid enthielt und schwere Zwischenfälle verursachte, so Schnädelbach.

 

Die Beobachtung des illegalen Marktes habe gezeigt, dass Fälscher zum Teil die Patentliteratur systematisch nach geeigneten Kandidaten durchsuchen und diese dann durch chemische Modifikation zu Designerwirkstoffen abwandeln. Ziel ist es, die Fälschung noch vor dem Original auf den Markt zu bringen, wie das zum Beispiel bei Rimonabant bereits geschehen ist. »Die Gefahr für den Verbraucher wächst rasch«, sagte Schnädelbach. Er forderte wirksamere Gesetze und Aktionen gegen Fälscher und illegale Importeure. Ein erster Anfang sei, dass das Bundeskriminalamt seit November die originäre Zuständigkeit für die Strafverfolgung von international organisierten Arzneimittelhändlern hat.

 

Dieter Temme von der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz in Hamburg sieht es als höheres Ziel, dass die Verbraucher ein echtes von einem gefälschten Produkt unterscheiden können müssten. Der Parallelimport habe die Situation verschlechtert, weil er den Verbraucher daran gewöhne, kleine Änderungen an der Umverpackung zu tolerieren und das zu akzeptieren, was der Apotheker ihnen gibt. Eine Möglichkeit, die Lage zu verbessern seien fälschungssichere Merkmale auf den Arzneimittelverpackungen. Temme appellierte an die pharmazeutische Industrie sich auf einen Standard zu einigen. Die Bundesregierung warte hier auf eine EU-weite Regelung.

 

Wie Dr. Thomas Zimmer von Boehringer Ingelheim berichtete, will die Industrie demnächst einen zweidimensionalen Barcode einführen. Dieser soll jede einzelne Packung identifizierbar machen. An verschiedenen Stellen der Lieferkette könnte der Code eingescannt und ausgelesen und die Packung so erkannt werden.

 

In den USA werden derzeit ähnliche Codes diskutiert, berichtete Zimmer. Eigentlich sollten im letzten Jahr Markierungen mit Funkchips (RFID, Radio Frequency Identification) eingeführt werden. Dies sei aber am fehlenden Standard und wegen der Fehlerhaftigkeit der Funkchips gescheitert. Denkbar wäre jetzt eine Lösung gemeinsam mit Europa, sagte Zimmer.

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