Pharmazeutische Zeitung online

Diabetes verhindern statt behandeln

08.04.2008
Datenschutz bei der PZ

Diabetes verhindern statt behandeln

Von Gudrun Heyn, Potsdam

 

Überall in Deutschland ist derzeit eine einfache Formel in den Medien zu hören oder zu lesen: Wer nicht an Typ-2-Diabetes erkranken will, muss schlank bleiben oder möglichst schnell dafür sorgen, dass er es wieder wird. Doch nicht für alle Menschen geht diese Rechnung auf.

 

Typ-2-Diabetes  ist eine Wohlstandserkrankung. »Gäbe es kein Übergewicht, keinen Bewegungsmangel und keine Fehlernährung, wären nur Menschen betroffen, die älter als 70 Jahre sind«, sagte Professor Dr. Hans-Georg Joost, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) auf einem internationalen Diabetes-Symposium in Potsdam. Nichts liegt deshalb näher, als übergewichtigen und unsportlichen Menschen zu einer Änderung ihres Lebensstils zu raten. In wissenschaftlichen Studien hat sich inzwischen jedoch gezeigt, dass etwa acht Personen an einem Lebensstil-Interventionsprogramm teilnehmen müssen, damit ein einziger Mensch von der Umstellung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten profitieren kann.

 

Mehr Rolltreppen, mehr Diabetiker

 

Zahlreich sind die Belege dafür, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch von Typ-2-Diabetes und dem Lebensstil gibt. So hat sich der genetische Hintergrund in der deutschen Bevölkerung seit dem Ersten Weltkrieg praktisch nicht verändert. Dennoch war damals die Krankheit weitgehend unbekannt. Heute sind etwa 7 Prozent aller Deutschen von der Stoffwechselerkrankung betroffen, bis 2010 erwartet man sogar einen Anstieg auf 10 Prozent.

 

Wie groß der Einfluss von Ernährung und Bewegung ist, kann derzeit sehr gut in Asien beobachtet werden. In einigen Ländern hat man einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Zunahme der Autohäufigkeit und der Zahl der Diabetiker feststellen können. Je bequemer die Menschen werden, umso rapider steigen die Erkrankungszahlen. Auch die zunehmende Zahl der Rolltreppen und Fahrstühle beeinflusst nachweislich die Diabetesäufigkeit. Ebenso nachteilig wirkt sich ein Überfluss an kalorienreichen Nahrungsmitteln aus. In Chinas Großstädten wie Peking sind daher auch immer häufiger Kinder betroffen, während auf dem Land der Wohlstand noch auf sich warten lässt und damit die Erkrankung Typ-2-Diabetes. »Wenn Menschen weniger Kalorien verbrennen, als sie täglich aufnehmen, steigt die Gefahr von Diabetes erheblich«, sagte Joost. In der Potsdamer EPIC-Studie mit mehr als 26.000 Teilnehmern erwies sich Übergewicht als der wichtigste nicht-genetische Risikofaktor. Insbesondere bei einem großen Taillenumfang (ab 80 cm) und damit einer großen Masse an Bauchfett kann sich das Erkrankungsrisiko um das 4- bis 30-Fache erhöhen.

 

Daher ist es auch besonders fatal, dass die Menschen in Deutschland zunehmend dicker werden, wie die nationale Verzehrstudie zeigt. So sind immer jüngere Menschen von Typ-2-Diabetes betroffen und damit prädisponiert für weitere Komplikationen. Denn mit zunehmender Dauer der Erkrankung steigt die Gefahr erheblich, eine der gefürchteten Spätfolgen zu bekommen. Typ-2-Diabetiker leiden unter einer Insulinresistenz und einem fortschreitenden Versagen der insulinproduzierenden Zellen ihrer Bauchspeicheldrüse. Über Jahre können dabei durch zu hohe Blutzuckerspiegel schwere Schäden in allen Gefäßen entstehen. Während es mit einer konsequenten, konventionellen Arzneimittel-Behandlung gelingt, vor allem die kleinen Gefäße vor einer Mikroangiopathie zu schützen, ist es nach wie vor schwierig, eine Makroangiopathie auf Dauer zu verhindern. So gehören Herzinfarkt und Schlaganfall zu den häufigsten Todesursachen bei Diabetikern. Zudem müssen die Betroffenen mit Komplikationen wie Erblinden, Nierenversagen und diabetischem Fußsyndrom rechnen.

 

Sport hilft nicht jedem

 

Endokrinologen wie Professor Dr. Hans-Ulrich Häring von der Medizinischen Klinik und Poliklinik in Tübingen schätzen, dass in Deutschland derzeit etwa sechs Millionen Menschen aufgrund ihrer Familiengeschichte oder ihres Übergewichts stark gefährdet sind. Sie gehören zu den Prädiabetikern, bei denen sich die schleichende Entgleisung des Stoffwechsels durch eine Störung der Glucosetoleranz bereits ankündigt.

 

In Studien, wie der finnischen Diabetes Prevention Study und dem US-amerikanischen Diabetes-Präventionsprogramm, wurde untersucht, inwieweit eine Änderung des Lebensstils dazu beitragen kann, Typ-2-Diabetes bei Prädiabetikern zu verhindern. Zu den Maßnahmen gehört die regelmäßige Bewegung von mindestens einer halben Stunde pro Tag, eine mäßige Nahrungsreduktion und eine ausgewogene, fettarme Ernährung. Dabei zeigte sich, dass das Risiko, in den nächsten Jahren an Diabetes zu erkranken, bei diesen stark gefährdeten Personen um bis zu 50 Prozent verringert werden kann.

 

Doch nicht alle Menschen sprechen auf eine Änderung des Lebensstils an. »Bestimmte Personen können so viel trainieren wie sie wollen, sie werden keinen Benefit von ihren Anstrengungen davontragen«, sagte Häring. Rund 30 Prozent beträgt der Anteil der Non-Responder in der Risikobevölkerung. Warum die Bewegungsprogramme bei ihnen nicht anschlagen, ist noch völlig unklar. Dennoch setzt man jetzt alles daran, einfache Biomarker zu finden, um die Betroffenen leicht erkennen zu können. Nur so kann man sie vor großen Enttäuschungen bewahren und auch verhindern, dass die Lebensstil-Intervention in Verruf gerät. Zudem möchte man für diejenigen, die es schwerer haben als die Normalbevölkerung, Alternativprogramme entwickeln. Hierzu könnte zum Beispiel eine sehr viel frühere medikamentöse Behandlung der Non-Responder gehören.

 

Am DIfE versucht man nun für einzelne Personen und Gruppen herauszufinden, welche Faktoren das Diabetesrisiko steuern. Mehr als zehn verschiedene Gene sind inzwischen bekannt, die an der Entstehung der Insulinresistenz beteiligt sind. Zumeist ist ihr Beitrag am Gesamtrisiko gering und liegt durchschnittlich bei 20 bis 30 Prozent. Einige von ihnen erhöhen die Gefahr zu erkranken, andere verringern sie. Manche übergewichtige Menschen bekommen daher keinen Diabetes oder werden sehr viel später zuckerkrank als andere mit den gleichen Körpermaßen. So konnte etwa in der Potsdamer EPIC-Studie nachgewiesen werden, dass Menschen mit einer bestimmten Genvariante in der HHEX/IDE-Genregion ein um 48 Prozent geringeres Diabetesrisiko aufweisen. Bislang lässt sich jedoch das Diabetesrisiko einer Person über eine Genotypisierung noch nicht so gut vorhersagen, wie dies über den klassischen Risikofaktor Übergewicht möglich ist.

 

Allen, die sich vor Diabetes schützen wollen, kann man somit nur raten, schlank zu bleiben, sich viel zu bewegen, auf das Rauchen zu verzichten, viel Vollkornbrot (50 g/Tag) zu essen und Kaffee zu trinken (150 g/Tag), denn auch dies ergab die EPIC-Studie. Dagegen zeigte die vermehrte Aufnahme von Ballaststoffen aus Obst und Gemüse keinen nennenswerten Effekt bei der Prävention. Auch Vitamin-Supplemente, Zimt und Zimtextrakte sowie Curcumin hatten in kontrollierten Studien keine protektive Wirkung. In der amerikanischen NPC (Nutritional prevention of cancer)-Studie wurde im Gegenteil sogar beobachtet, dass eine Supplementierung von Selen über sieben Jahre mit 200 μg pro Tag anscheinend das Diabetesrisiko deutlich erhöht.

Mehr von Avoxa