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Kooperationen

Verbindlichkeit und Individualität

19.02.2014  09:49 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / Acht von zehn Apotheken in Deutschland gehören einer Kooperation an. Dabei sinkt die Zahl derer, die in mehreren Kooperationen engagiert sind.

Naturgemäß ist Stefan Hartmann, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK), von Kooperationen überzeugt. Diese seien »kein Auslaufmodell«, sagte er beim 6. Kooperationsgipfel in München. Etwa 78 Prozent der Apotheken gehörten einem Verbund an, 11 Prozent sogar mehreren, zitierte Klaus Hölzel, Geschäftsführer des Apotheken-Management-Instituts, aus einer aktuellen Umfrage. Und die Zufriedenheit der Mitglieder mit der Kooperation wachse. Andererseits nimmt die Zahl der Apotheker zu, die keiner Kooperation angehören. Als Gründe nennen sie häufig zu hohe Kosten und ihre ausgeprägte Individualität.

 

Kooperationen haben laut Hölzel dann eine Chance, wenn sie Verbindlichkeit und Individualität richtig austarieren. Apothekenleiter, Kooperationsbeauftragter und Apothekenteam müssten gemeinsam die Kooperation »leben« und die Vorteile auch für den Kunden erlebbar machen.

 

Wachsende Unterschiede

 

Die wirtschaftliche Stärke einer Apotheke ist für Hartmann eine der wichtigsten Voraussetzungen, um gute pharmazeutische Leistungen erbringen zu können. »Lage, Kostenstruktur und die Einstellung des Apothekenleiters« seien entscheidend. Die neue Apothekenbetriebsordnung habe die Spreizung im Apothekenmarkt weiter angetrieben, so der BVDAK-Chef. Hoch spezialisierte Apotheken stünden Betrieben gegenüber, die keine Spezialisierung oder Präqualifizierung haben.

 

Hartmann kritisierte, dass Apotheker für neue Dienstleistungen nicht honoriert würden. Dies sei auf Dauer nicht zu verkraften. Zudem werde die Nachwuchsgewinnung immer schwieriger. Die Berufsfelder für Apotheker und PTA sollten dringend überarbeitet werden. Dennoch ist Hartmann optimistisch: »Die inhabergeführte Apotheke in Deutschland hat eine Chance, wenn sie den Systemwandel als Chance begreift und begleitet.« Doch auch die Politik müsse den Apotheken eine Chance geben.

 

Klar positionierte er sich zur aktuellen Leitbilddebatte. Diese sei ein »Drama ohne Ende«. Ob die Diskussion dem Berufsstand nutze, sei offen. Die ABDA solle auch mit jüngeren Verbänden zusammenarbeiten, um moderne Lösungen zu finden, forderte Hartmann.

 

Eine weitere Deregulierung des Apothekenmarkts in Deutschland und den Nachbarländern ist nach Ansicht von Professor Joachim Zentes von der Universität des Saarlandes in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Der Wirtschaftswissenschaftler sieht jedoch »fundamentale Veränderungen« beim Pharmagroßhandel. Diese Branche sei »internationalisiert, geradezu globalisiert« wie kein anderer Großhandelsbereich. Zudem bestehe ein »extrem hoher Vertikalisierungsgrad«: Viele Pharmagroßhändler unterhalten Apotheken in Eigenregie oder als Franchise-Unternehmen.

 

Blick ins Ausland

 

In Frankreich, Österreich, Spanien und der Schweiz gibt es laut Zentes ähnliche Kooperationstypen wie in Deutschland: großhandelsgeführte, großhandelsnahe oder -affine sowie unabhängige, horizontale Verbünde. Der Kooperationsgrad korreliere mit dem Grad der Liberalisierung des Apothekenmarkts in den jeweiligen Ländern. Zwei Beispiele: In der Schweiz, in der Fremd- und Mehrbesitz erlaubt sind, gibt es etwa 1740 Apotheken. Davon gehören nur 300 weder einer Kooperation noch einer Kette an. In Österreich dürfen Apotheken maximal eine Filiale haben. Es gibt circa 1300 Apotheken, davon sind nur 26 Filialen.

 

Zentes sieht eine klare Entwicklung hin zu großhandelsnahen oder -geführten Kooperationen, weil diese »tendenziell eine höhere System­power und Effizienz« hätten als horizontale. Sie könnten meist eine höhere Professionalität in Marketing, Logistik, Technologie und pharmazeutischen Leistungen bieten. Doch der Betriebswirt schränkte sogleich ein: »Das können auch horizontale Kooperationen aufbauen. Doch es erfordert einen immensen Aufwand und hohen Ressourceneinsatz.« /

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