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Impfen in der Apotheke

Jahrhundertchance nicht verspielen

Mit dem Masernschutzgesetz hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Apothekern die Option zum Impfen gegeben. »Eine Jahrhundertchance und überlebenswichtig«, sagt Stefan Hartmann, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK). »Unser Ziel ist es, dass die ersten Apotheker in Bayern am Jahresende gegen Influenza impfen können.«
Brigitte M. Gensthaler
13.02.2020
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In zwölf europäischen Ländern würden Apotheker bereits sehr erfolgreich impfen, sagte Hartmann gestern beim Kooperationsgipfel des BVDAK in München. Minister Spahn habe den Apothekern mit dem Masernschutzgesetz eine riesige Chance eröffnet – gegen den Willen der Ärzte. »Wir Apotheker müssen dieses Modellvorhaben zum Laufen bringen und unsere Interessen umsetzen, auch gegen die Bedenken der Ärzte. Wenn wir dies nicht schaffen, sind wir tot.«

Fordert die Weltgesundheitsorganisation WHO eine 75-prozentige Durchimpfungsrate gegen Influenza bei Älteren, so liegt die tatsächliche Rate in Deutschland bei etwa 35 Prozent und in Bayern nur bei 23 Prozent. Um die Lücke zu schließen, sind neun Millionen Impfdosen nötig. Wenn jede Apotheke in Deutschland impfen würde, entstünden circa 470 zusätzliche persönliche Kontakte in jeder Apotheke, rechnete Hartmann vor. Wenn nur 3.000 Apotheken die Impfung anbieten, wären es 3.000 zusätzliche Kontakte pro Apotheke. Die Apotheker müssten diese Chance schon aus strategischen Gründen nutzen, denn diese Leistung könnten Versandapotheken und Amazon nicht erbringen.

Der BVDAK werde Impfen in der Apotheke zum Hauptthema 2020 machen. »Unser Ziel ist es, dass die ersten Apotheker in Bayern am Jahresende impfen können.« Hartmann hält es für denkbar, dass Apotheker nicht nur in der Apotheke, sondern zum Beispiel auch in Heimen impfen.

Mehr Geimpfte, weniger Erkrankte, weniger Kosten

Was passiert, wenn Apotheker impfen? Zu erwarten sei eine Zunahme der Impfwilligen aufgrund des direkten niederschwelligen Zugangs und eine Substitution der Impfungen beim Arzt durch die Apotheke, aber auch eine Zunahme der Impfungen beim Arzt selber, sagte Professor Uwe May, Inhaber des Beratungsunternehmens May und Bauer, der ein Umsetzungskonzept für die Grippeimpfung in der Apotheke vorstellte. Infolge der höheren Durchimpfungsrate werde es weniger Grippefälle geben . »Wenn die Impfrate um 12 Prozent ansteigt, vermeidet man etwa 900.000 Krankheitsfälle, 4.700 Krankenhausaufenthalte und 41 Todesfälle.« Die Senkung der gesamten Behandlungs- und volkswirtschaftlichen Kosten gehe in den Milliardenbereich.

Erfahrungen in Großbritannien zeigten, dass innerhalb kürzester Zeit mehr als 70 Prozent der Apotheken beim Impfen mitmachten, so May. Auf der Isle of Wright seien schon im ersten Jahr fast 10 Prozent mehr Personen geimpft worden.

Verschiedene Punkte sind vor dem Start eines Modellprojekts, das in jedem Fall wissenschaftlich evaluiert werden muss, zu klären. Um die Apotheker für die neue Aufgabe zu befähigen, hält May zwei 90-minütige E-Learning-Veranstaltungen zu theoretischen Inhalten und – bei erfolgreichem Abschlusstest – einen eintägigen Praxiskurs für ausreichend. Hier würden der gesamte praktische Ablauf des Impfens und Notfallmaßnahmen geübt. Auch der Praxistag schließt mit einer Prüfung. Die apothekenbetrieblichen Anforderungen für Impfprojekte seien ähnlich wie beim vertraulichen Beratungsbereich; zusätzlich sollte aber eine Notfallmedizin verfügbar sein.

Für die Abrechnung sei zum Beispiel ein Voucher denkbar, den die Krankenkasse ihren Versicherten zusendet. Die Impfung in der Apotheke müsste für alle Menschen erstattet werden, nicht nur für Risikogruppen. Eine Selbstzahlung wie etwa in der Schweiz sei in Deutschland nicht denkbar. Zielgruppe seien alle Personen ab 18 Jahren, die keine Kontraindikation haben. Versicherungs- und Haftungsfragen seien kein Problem, versicherte May.

Heilberuflich adäquates Honorar

Für seine Leistung – Beratung anhand eines Fragebogens, Dokumentation, Impfung, Nachbetreuung – müsse der Apotheker ein Honorar bekommen, das einen Anreiz zum Impfen gibt und »heilberuflich adäquat« ist, betonte May und rechnete vor: Angenommen, eine Impfung dauert 10 bis 15 Minuten, so resultieren je nach Minutenlohn (lautHonorargutachten des BMWi 1,06 Euro pro Minute) etwa 15 Euro plus Mehrwertsteuer pro Impfung. Wenn die Evaluation zeigt, dass eine Impfung länger dauert, müsse man das Honorar anpassen. »Aber 15 Euro erscheinen derzeit angemessen und politisch vertretbar.«

Rückenwind für Modellprojekte zum Impfen hatte es beim Kooperationsgipfel bereits von Apotheker Ralf König, Direktor Pharmacy des health innovation hub beim Bundesgesundheitsministerium, gegeben. Er rief die Kollegen nachdrücklich dazu auf, sich aktiv in die Berufspolitik einzumischen und Zukunftsthemen voranzutreiben. Apotheker sollten das Impfen bei ihren Apothekerkammern laut einfordern. Es sei »katastrophal«, wenn die Politik diese Option eröffnet und die Apotheker sie ablehnen. »Wir müssen Flagge zeigen und uns jetzt verändern, sondern schaffen wir uns rückstandslos ab.«

Die positive Stimmung gegenüber der neuen Dienstleistung spiegelte eine Abstimmung der Kongressteilnehmer wider: 96 Prozent sagten Ja und nur 3 Prozent Nein zur Grippeimpfung in der Apotheke.

 

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