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ABDA-Geschäftsführerin

»Apotheker und Kassen sind Partner«

11.02.2015
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Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Jahrelang hat Claudia Korf für verschiedene Krankenkassen gearbeitet. Seit Januar ist sie bei der ABDA und leitet dort die Bereiche Wirtschaft, Soziales und Verträge. In den kommenden Monaten möchte sie für eine faire Lösung im Streit um Nullretaxierungen kämpfen und bei der Politik um ein Vergütungsplus für Apotheker werben. Für diese Vorhaben stünden die Chancen nicht schlecht, sagte sie im Interview mit der PZ.

PZ: Sie haben viele Jahre für Krankenkassen gearbeitet und waren zuletzt Landesgeschäftsführerin der Barmer GEK in Berlin-Brandenburg. Jetzt vertreten Sie die Interessen der Apothekerschaft. Wie fühlt sich dieser Seitenwechsel an?

 

Korf: Es fühlt sich gut an und ist auch konsistent. Wenn man die eine Marktseite vollständig kennt, ist es naheliegend, auch mal die Seiten zu wechseln. Die Arbeit für die Apothekerschaft ist für mich sehr attraktiv.

 

PZ: Es war eine ganz bewusste Entscheidung, auf die Leistungserbringerseite zu wechseln?

 

Korf: Ja. Ich finde es reizvoll, die tatsächliche Versorgung mitzugestalten. Da ist man auf der Seite der Leistungserbringer näher dran als aufseiten der Krankenkassen. Hier kann man sich viel intensiver mit einem Bereich beschäftigen. Das hat unmittelbar Auswirkungen auf das praktische Leben, auf das, was Patienten in Apotheken erleben und die realen Herausforderungen der Apotheker.

 

PZ: Das Verhältnis zwischen Krankenkassen und Apothekern ist häufig angespannt. Das zeigt der Streit über Nullretaxierungen oder den Apothekenabschlag. Viele Apotheker fühlen sich von den Kassen mitunter schikaniert. Was läuft hier schief?

 

Korf: Da läuft im Moment wenig schief. Das Versorgungsstärkungsgesetz hat mit der Festsetzung des Abschlags auf 1,77 Euro klare Regelungen getroffen. Da herrscht ein Burgfrieden zwischen Kassen und Apothekern. Und was die Retaxierungen angeht, so gibt es jetzt einen Reset-Knopf, den der Gesetzgeber drücken wird. Wir werden dies neu verhandeln. Wäre der Gesetzgeber nicht so lange untätig geblieben, hätte sich weniger Frust aufgestaut.

 

PZ: Das heißt, das Verhältnis zwischen Kassen und Apothekern ist grundsätzlich gut?

 

Korf: Ja. Mit anderen Leistungserbringern sind die Auseinandersetzungen der Kassen deutlich heftiger. Krankenkassen und Apotheker sind Partner. Es liegt in der Natur der Sache, dass es immer mal wieder zu Reibereien kommt.

 

PZ: Beim Thema Nullretax setzt die Bundesregierung weiter auf eine Verhandlungslösung. Wie bewerten Sie die Chancen auf eine Einigung in diesem Punkt?

 

Korf: Grundsätzlich ist es gut, wenn so etwas Schiedsstellen-fähig gemacht wird. Dann ist der Druck da, eine Verhandlungslösung herbeizuführen. Da die Politik das noch einmal klar vorgegeben hat, gibt es meines Erachtens eine Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit, dass es diesmal klappt. Wir werden jedenfalls nicht locker lassen. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Motivlage der Krankenkassen häufig von der aktuellen Finanzlage dominiert wird.

 

PZ: Die Apotheker haben einen langen Wunschzettel mit Blick auf ihre Vergütung: Erhöhung des Fixzuschlags für rezeptpflichtige Arzneimittel, eine Aufwandsentschädigung für Inkasso­leistungen, mehr Geld für die Herstellung von Rezepturen und die Abgabe von Betäubungsmitteln. Welche Forderung hat aus Ihrer Sicht Priorität?

 

Korf: Ich sehe in beiden Bereichen – Fixzuschlag und Sondervergütungen – Handlungsbedarf. Beides ist berechtigt. Die Frage ist, wo wir die besseren Argumente haben, unsere Vorstellungen durchzusetzen. Den Switch vom aktuellen packungsbezogenen Vergütungskonzept auf eine Honorierung von Dienstleistungen wird man sich genau überlegen müssen. Wenn man kurzfristiger etwas erreichen will, wäre es besser, zunächst die Erhöhung des Fixums argumentativ vorzubereiten. Ich glaube, darüber wird man im Zuge der geplanten nächsten AMG-Novelle diskutieren können. Dann wird das ganze Thema Arzneimittel noch einmal aufgerollt. In dem Kontext werden wir dann auch über Geld reden.

 

PZ: Die ABDA möchte zudem bei der Notdienstpauschale nachbessern. Die Koalition hat sich von der Forderung bislang unbeeindruckt gezeigt. Bleibt es also bei den 16 Cent?

 

Korf: Zurzeit gibt es keine politische Ini­tiative, den Betrag zu erhöhen. Die Entwicklung des Betrags ist aber dynamisch, wir analysieren das fortlaufend. Wenn es dauerhaft Hinweise auf eine Unterfinanzierung gibt, dann werden wir unserer Forderung Nachdruck verleihen. Aber gegenwärtig ist die Notdienstpauschale keine vorrangige Baustelle der Politik.

 

PZ: In der Arzneimittelversorgung sollen Apotheker und Ärzte verstärkt miteinander kooperieren. Das fällt mitunter noch sehr schwer. Wie können Ärzte und Apotheker aufeinander zugehen?

Korf: Das ist eine der zentralen Zukunftsaufgaben. Kooperation setzt Vertrauen voraus, jeder muss die Kompetenz und Spezialisierung des anderen anerkennen. Meiner Meinung nach haben die Apotheker hier noch nicht genügend Selbstbewusstsein entwickelt.

 

Der Arzt hat die Diagnose- und Therapiehoheit. Er sieht sich daher nicht auf eine permanente Beratung durch die Apotheker angewiesen. Aber im Zuge des demografischen Wandels wird immer deutlicher, dass wir das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit von zwei Seiten aus betrachten und begleiten müssen. Wenn ein Arzt einen multimorbiden, chronisch kranken Patienten optimal versorgen möchte, muss er sich mit Blick auf Wechselwirkungen besser beraten lassen. Das ist für den Arzt wichtig und es ist in jedem Fall im Sinne des Patienten. Das ist eins der langfristigen Themen, die ich gern voranbringen will. Ich glaube, beide Seiten haben das für sich auch schon erkannt. Jetzt stellt sich die Frage, wie man die Zusammenarbeit institutionell organisiert.

 

 

PZ: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten politischen Themen für die Apotheker in diesem Jahr?

 

Korf: Das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit ist entscheidend. Da sehe ich den im E-Health-Gesetz vorgesehenen Medikationsplan ganz vorn. Wir müssen bei ARMIN Gas geben und Ressourcen nutzen. Dann gibt es noch das europäische Thema Securpharm zum Schutz der legalen Lieferkette vor Arzneimittelfälschungen. Und mit dem Präventionsgesetz gilt es zu klären, ob die Apotheker neue Leistungen anbieten dürfen, beispielsweise beim Diabetes-Screening oder zur Erhöhung der Durchimpfraten.

 

PZ: Wie sehen Sie die Chancen, dass die Apotheker bei der Prävention noch berücksichtigt werden?

 

Korf: Schwierig. Aber es ist schade, wenn man die Chance verpasst, Apotheker einzubinden. Die Politik vergibt sich damit etwas, wenn Prävention mehr in den Lebenswelten ankommen soll. Mit den Setting-Ansätzen Kita, Schule, Arbeitsplatz erreicht man nicht jeden. Was ist mit Rentnern, Arbeitslosen und Migranten? In Apotheken geht jeder. Sie sind Anlaufstationen im Alltag. Wenn man hier den Apotheker allein als Kaufmann deklariert, verkennt man die reale Situation.

 

PZ: Wo sehen Sie persönlich für 2015 die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

 

Korf: Das Thema legale Lieferketten ist mir sehr wichtig, weil wir da immer wieder im Zweifel skandalisiert werden. Das Thema Beratungsqualität in Apotheken liegt mir ebenfalls am Herzen. Da ich als Volkswirtin Quereinsteigerin bin, plane ich regelmäßige tageweise Hospitationen in unterschiedlichen Apotheken, um zu sehen, welche praktischen Probleme vor Ort auftauchen. Und auch die hausinterne Kommunikation in den ABDA-Gremien möchte ich beleben.

 

Außerdem geht es mir darum, die Zukunftsfähigkeit zu sichern: In den Bereichen IT, Datenschutz und Digitalisierung müssen die Apotheker am Ball bleiben. Wir brauchen technische Voraussetzungen, um Arzt und Apotheker besser vernetzen zu können. Das Berufsbild des Apothekers wandelt sich. Ohne IT geht eigentlich gar nichts mehr. Das gilt auch für Abrechnungen oder Verträge. Ein gutes Niveau der Anbindung und Vernetzung künftig sicherzustellen, ist ein langfristiges Thema, das wir hier begleiten. /

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