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Sexuell übertragbare Infektionskrankheiten

Täglich eine Million Neuinfektionen

12.02.2013
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Die Angst vor Aids in den 1980er-Jahren und der daraus resultierende Trend zu Safer Sex hatten zu einer deutlichen Abnahme der sexuell übertragbaren Infektionen (STI) geführt. Aids hat durch die in Europa verfügbaren Therapieoptionen aber an Schrecken verloren, und prompt steigen seit einigen Jahren wieder die Inzidenzraten. Professor Dr. Helmut Schöfer aus Frankfurt am Main stellte die Leitsymptome und die Therapieoptionen bei STI wie Syphilis und Gonorrhö vor.

Während man früher von sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) sprach, wird heute generell empfohlen, von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) zu reden. Der Grund: Es gibt Menschen, die zwar infiziert, aber nicht erkrankt sind. Schöfer sprach von weltweit einer Million STI-Neuinfektionen pro Tag.

Dabei umfasse das Spektrum der STI-Erreger mehr als 30 verschiedene Bakterien, Viren, Pilze, Einzeller oder Parasiten. Meldepflichtig in Deutschland seien die Erstdiagnose einer HIV-Infektion, eine aktive Syphilis-Erkrankung und alle Virushepatitiden. Geplant sei, auch Gonorrhö und Chlamydien-Infektionen meldepflichtig zu machen.

 

Die Syphilis hat viele Gesichter

 

Schöfer informierte, dass vor allem Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), von STI betroffen sind. Ein Paradebeispiel dafür ist die durch Treponema pallidum hervorgerufene Syphilis. Die Erkrankung ist gewaltig auf dem Vormarsch. »Syphilis hat HIV bei den Neuinfektionen in Deutschland wieder überholt«, so der Mediziner. Waren es 2010 gut 3000 neugemeldete Fälle, so lag diese Zahl 2011 schon bei 3700 – ein Plus von mehr als 20 Prozent innerhalb eines Jahres.

 

Schöfer erklärte, dass Syphilis in allen Krankheitsstadien eine außerordentlich variantenreiche klinische Symptomatik aufweise. Die primäre Syphilis beginnt etwa drei Wochen nach der Ansteckung und zeichnet sich insbesondere durch ein nicht schmerzhaftes Ulkus aus, das von alleine wieder verschwindet. Sieben bis zwölf Wochen nach der Infektion und mehrere Wochen nach Abheilen des Primäraffektes beginnt das Sekundärstadium. Typisch sind dann Fieber, Halsschmerzen, Müdigkeit und weitere eher unspezifische Krankheitssymptome, die vor allem nachts auftreten. Auch kann es zu einem »mottenfraßartigen« Haarausfall und einem rötlichen, nicht juckendem Ausschlag kommen.

 

Syphilis wird am besten mit einem Depot-Penicillin behandelt. Patienten erhalten insgesamt 2,4 Millionen Internationale Einheiten Benzylpenicillin-Benzathin (Pendysin®, Tardocillin®) – eine Hälfte in den linken, die andere Hälfte in den rechten Gesäßmuskel injiziert. In einem frühen Stadium der Syphilis reicht eine einmalige Injektion, im Spätstadium oder wenn der genaue Infektionszeitpunkt nicht bekannt ist, muss die Behandlung jeweils im Wochenabstand zweimal wiederholt werden. Bei Penicillin-Allergie werden alternativ Doxycyclin (zweimal 100 mg pro Tag peroral über zwei Wochen im Frühstadium beziehungsweise vier Wochen im Spätstadium), Erythromycin (viermal 500 mg pro Tag peroral über zwei Wochen im Frühstadium beziehungsweise vier Wochen im Spätstadium) oder Cef­triaxon (2 g pro Tag als intravenöse Kurzinfusion an zehn Tagen im Frühstadium und an 14 Tagen bei Spätsyphilis) gegeben. Schöfer zufolge sind diese Alternativen aber alle bei Weitem nicht so effektiv wie das Depot-Penicillin.

 

Schöfer betonte, dass die Syphilis-Therapie bei einer gleichzeitig vorliegenden HIV-Infektion nicht anders zu erfolgen hat. Da die Blut-Liquor-Schranke bei HIV-Patienten für den Erreger durchlässiger ist, erkranken diese Patienten aber häufiger an einer sogenannten Neurosyphilis als Patienten ohne HIV-Infektion. Das sollten Ärzte immer bedenken. Der Mediziner kritisierte, dass der Therapieerfolg in vielen Fällen nicht überprüft werde. Die nicht stattfindende Nachsorge sei ein großes Manko.

 

Resistente Gonokokken

 

Im weiteren Verlauf seines Vortrags ging Schöfer auch auf den durch Neisseria gonorrhoeae hervorgerufenen Tripper (Gonorrhö) ein. Anders als zum Beispiel die Syphilis handelt es sich nicht um eine ulzerierende STI. Vielmehr ist der Tripper in die Gruppe der STI einzuordnen, die zu Ausfluss führen. Der Referent erläuterte die Resistenzproblematik in der Behandlung dieser Erkrankung: »Wir stehen mit den therapeutischen Möglichkeiten mittlerweile an der Wand.« Zur Behandlung der Gonokokken-Urethritis ständen bestimmte Kombinationen für die Einmaltherapie zur Verfügung. Aber auch gegen diese nehme die Resistenz zu.

 

Eingesetzt werden derzeit zum Beispiel die Kombination Ceftriaxon (i. m. oder i. v.) und Azithromycin (p. o.). Falls intra­muskuläre oder intravenöse Injek­tionen nicht möglich sind, kann peroral Cefixim mit Azithromycin kombiniert werden. Wichtig ist auch bei dieser STI die Therapiekontrolle. Abschließend informierte der Referent, dass sich die Therapieleitlinie der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der sexuellen Gesundheit derzeit in der Überarbeitung befinde.

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