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Terrorismus

Die Schattenseite der Globalisierung

14.02.2012
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Von Annette Mende, Davos / Der Begriff Globalisierung hat spätestens seit Beginn der internationalen Bankenkrise einen negativen Beigeschmack. Denn die globale Vernetzung hat nicht nur vielen Menschen große Chancen eröffnet, sondern auch die Möglichkeiten Einzelner, Schaden anzurichten, nahezu unendlich erweitert. Das machen sich auch Terroristen zunutze.

»Die Eurokrise hat viele Banken in eine tiefe Krise gestürzt. Wir erleben einen immensen Vertrauensverlust, der die gesamte staatliche Ordnung gefährdet«, sagte Herbert Pfennig, Vorstandssprecher der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (Apobank), beim Pharmacon-Kongress in Davos. Ihr riesiges Ausmaß hat die gegenwärtige Krise nicht zuletzt aufgrund der globalen Verflechtungen des internationalen Finanzmarkts angenommen. »Ein Ausweg aus der Krise kann nur durch ein faires ökonomisches System gelingen. Das braucht feste Regeln«, sagte Pfennig.

 

Spekulanten an den internationalen Finanzplätzen sind nicht die einzigen, die sich der Möglichkeiten der Globalisierung bedienen. Auch Terroristen machen sich diese sehr erfolgreich zunutze. Ein Beispiel sind die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, die buchstäblich die Welt verändert haben. Über Terrorismus im Zuge der Globalisierung sprach in Davos auf Einladung der Apobank Elmar Theveßen, Terrorismus-Experte und stellvertretender Chefredakteur des ZDF.

 

Theveßen vertrat die These, dass die gegenwärtige Finanzkrise eine direkte Folge der Anschläge vom 11. September ist. »Nach 9/11 haben die Regierungen Geld billig gemacht, jeder konnte dadurch sehr leicht Kredite bekommen. Die deregulierten Finanzmärkte haben dann Systeme entwickelt, diese Kredite weiterzureichen – mit schlimmen Folgen, wie wir heute wissen », sagte Theveßen. Es sei einer der größten Fehler der damaligen US-Regierung gewesen, auf die neuartige Bedrohung durch islamistischen Terror mit alten Antworten zu reagieren.

 

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center hätten vor allem zwei Gefühle das Handeln des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und der anderen Verantwortlichen bestimmt: Scham darüber, die Anschläge nicht verhindert zu haben, und Angst, dass so etwas noch einmal geschehen könnte. Die Folge war die sogenannte Bush-Doktrin, die besagt, dass schon ein 1-prozentiges Risiko jede auch noch so drastische Reaktion vonseiten des Staats rechtfertigt. Unwillentlich erfüllte die Bush-Regierung damit genau die Wünsche der Terroristen.

 

»Es hängt immer von unserer Reaktion ab, wie erfolgreich Terroristen mit ihren Aktionen sind«, sagte Theveßen. Die damalige US-Regierung ging mit aller Härte gegen den Islamismus vor – und machte dabei eine Reihe von Fehlern, die den Terroristen in die Hände spielten. Dazu gehören der Beginn des Afghanistan-Kriegs und der Irak-Kriege ebenso wie die Einrichtung des Gefangenenlagers Guantanamo in Kuba. »Die Terroristen sind davon überzeugt, dass sie den Endkampf der Kulturen kämpfen. Die Bush-Regierung hat das durch ihre Handlungen bestätigt«, sagte Theveßen. In Wahrheit sei dieser Kampf der Religionen aber ein Propagandatrick der Islamisten.

 

Heiliger Krieg

 

Der Aufruf zum heiligen Krieg Jihad basiert Theveßen zufolge auf der Sure 2/190 des Korans, die jedoch eigentlich nur die Selbstverteidigung nach einem Angriff rechtfertigt. Hassprediger legten die fragliche Textpassage aber dahingehend aus, dass »Ungläubige« generell vernichtet werden müssen. Über das Internet lassen sich solche Botschaften leicht weltweit verbreiten, denn »das Internet ist die virtuelle Universität des Jihad«, so Theveßen. Gehör fänden sie vor allem bei jungen Menschen, die sich persönlich benachteiligt fühlten, in ihrem Leben keine Perspektive sähen und über die Doppelmoral westlicher Regierungen empört seien.

 

»Erstaunlicherweise spielt die Religion dabei zunächst keine große Rolle. Die jungen Frustrierten sind zunächst oft nicht religiös, sie wollen nur ihrer derzeitigen Situation entkommen. Hassprediger nutzen diesen fruchtbaren Boden, um sie zu radikalisieren und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren«, erklärte Theveßen. Verstöße gegen die Menschenrechte von Muslimen, wie sie etwa im irakischen Gefängnis Abu Ghraib geschahen, böten dazu eine willkommene Gelegenheit. All das entschuldige die Taten der späteren Terroristen selbstverständlich nicht, es erkläre sie aber, so Theveßen.

 

Entwicklungshilfe leisten

 

Um dem islamistischen Terrorismus den Nährboden zu entziehen, sei daher zuallererst eine erfolgreiche Entwicklungshilfe erforderlich. Ländern, die am Rande der Globalisierung stehen, müsse der Westen den Anschluss ermöglichen. Eine große Chance dazu sieht Theveßen im sogenannten arabischen Frühling. »Wir müssen den Menschen in diesen Ländern einen Vertrauensvorschuss geben und dürfen sie vor allem später nicht enttäuschen«, sagte Theveßen. /

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