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Infektionen

Frauen bekommen häufiger Antibiotika

09.02.2016
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Von Dirk Keiner / Bei der Behandlung von Infektionen bestehen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So erhalten Frauen deutlich häufiger Antibiotika als Männer. Sie haben aber auch ein höheres Nebenwirkungsrisiko. Hier gilt es, wachsam zu sein.

Der Verbrauch von Antibiotika wurde in den Jahren 2008 bis 2011 in der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) erfasst. In diesem Zeitraum erhielten Frauen mit 2,1 Prozent deutlich und signifikant häufiger systemische Antibiotika als Männer mit 1,2 Prozent. Ist dieser Mehrgebrauch durch häufigere Infektionen gerechtfertigt?

 

Hier spielen neben der unterschiedlichen Morphologie auch immunologische und hormonelle Unterschiede zwischen Mann und Frau eine wesentliche Rolle. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist der bakterielle Harnwegsinfekt, an dem Frauen deutlich häufiger erkranken als Männer. Dafür treten bei älteren Männern aufgrund der Prostatahyperplasie häufiger komplizierte Harnwegsinfekte auf. 

Ganz allgemein haben die weiblichen Geschlechtshormone einen gewissen schützenden Effekt durch eine immunstimmulierende Wirkung. Postmenopausal scheint sich daher das Infek­tionsrisiko zwischen den Geschlechtern auszugleichen.

 

Bei Sepsis unterschiedliche Auslöser

 

Bei der Sepsis zeigen sich Unterschiede in der Inzidenz, dem Erregerspektrum und der Infektionsquelle. Die Inzidenz ist bei Männern wesentlich höher als bei Frauen – es finden sich 20 bis 25 Prozent mehr Männer unter den Sepsispatienten. Auslöser einer Sepsis sind bei Männern meist Infektionen der oberen Atemwege, bei Frauen Infektionen des Urogenitaltrakts. Bei Sepsis durch gram­positive Erreger überwiegen männliche Patienten, bei gramnegativen Erregern weibliche.

 

Was die Sterblichkeit angeht, ist die Datenlage unklar. In einer deutschen Untersuchung aus dem Jahr 2013 starben Frauen mit 23,1 Prozent signifikant häufiger an einer Sepsis als Männer (13,7 Prozent). In einer italienischen Studie aus demselben Jahr konnte dieser Gendereffekt auf die Mortalität allerdings nur bei schwerer Sepsis ermittelt werden (Männer: 46,4 Prozent, Frauen: 63,5 Prozent). Andererseits gibt es mehrere Beobachtungsstudien, die bei Frauen ein geringeres Sepsis-Sterblichkeitsrisiko ermittelten.

 

Postoperative Wundinfektionen gehören zu den häufigsten nosokomialen Infektionen. Eine Datenanalyse des deutschen Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) dazu aus dem Zeitraum 2005 bis 2010 belegt geschlechtsspezifische Unterschiede. So kommt es nach kardiochirurgischen Eingriffen häufiger bei weiblichen Patienten zu einer Infektion, nach viszeralchirurgischen bei männlichen und nach orthopädischen Operationen ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichen.

Clostridium difficile (CD) verursacht circa 25 bis 30 Prozent aller antibiotika­assoziierten Diarrhöen. In den vergangenen Jahren wurden verschiedenen Risikofaktoren für eine CD-Infektion genauer klassifiziert. Dazu gehört neben dem Alter über 65 Jahre und einer antibiotischen Therapie auch das männliche Geschlecht. Ebenfalls häufiger bei Männern als bei Frauen findet sich der Problemkeim Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA).

 

Bei der Antibiotika-Therapie gibt es pharmakokinetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So sind das geringere hydrophile Verteilungsvolumen als auch die niedrigere renale Eliminationsleistung bei der Frau zu beachten. Das betrifft Aminoglykoside, Chephalosporine, Fluorochino­lone und Vancomycin. Das höchste Risiko für arzneimittelbezogene Probleme haben die Aminoglykoside gefolgt von Penicillinen mit β-Lactamase-Inhibitoren und Makroliden sowie Fluoro­chinolonen. Beide letztgenannten Antibiotikagruppen führen bei Frauen häufiger zu einer malignen Herzrhythmusstörung (QT-Zeitverlängerung, Torsade de pointes). Eine weitere Nebenwirkung, unter der Frauen häufiger leiden als Männer, ist die antibiotikaassoziierten Diarrhö.

 

Risiken im Blick behalten

 

Eine stärkere Risikowahrnehmung und ein verbessertes Monitoring durch Arzt und Apotheker führen ambulant wie stationär zu einer höheren Therapie­sicherheit bei beiden Geschlechtern. Arzneimittelbezogene Probleme beim Einsatz von Antibiotika fanden sich in einer Studie mit 44 Patienten bei 27 Prozent, dabei vor allem Interaktionen und problematische Dosisregimes. Einen Gendereffekt gab es nicht.

 

Eine Analyse zur zweckmäßigen Anti­biotikaverschreibung zum Zeitpunkt der Klinikentlassung aus dem Jahr 2015 legt nahe, dass Frauen häufiger unzweck­mäßige Verordnungen erhalten. Auf der Intensivstation ist das einer Untersuchung aus dem Jahr 2013 zufolge aber nicht so: Frauen und Männer erhielten in Bezug auf Qualität und Quantität die gleiche Versorgung im Rahmen der antibiotischen Therapie.

 

Um die Geschlechtsunterschiede bei Infektionen und deren Behandlung genauer zu untersuchen, sind epidemio­logische Studien mit größeren Kohorten und längeren Betrachtungszeiten notwendig. Mit deren Ergebnissen ließen sich unter Umständen spezifische Präventionsstrategien entwickeln und das individualisierte Therapiemanagement optimieren. /

 

Literatur beim Verfasser

Korrektur

In PZ 05/2016 auf Seite 32, »SSRI und SNRI: Doppelt so viele Suizide bei Kindern« ist uns leider ein Fehler unterlaufen. In diesem Text berichteten wir über eine Studie im »British Medical Journal«. Tatsächlich zeigte diese jedoch nicht eine Verdopplung der Suizide in dieser Altersgruppe, sondern der Suizidalität. Dazu gehören neben tatsächlich ausgeführten Suiziden unter anderem deren Vorbereitung oder das Äußern einer Selbsttötungsabsicht.

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