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SSRI und SNRI

Verdoppelte Suizidalität bei Kindern

03.02.2016  09:26 Uhr
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Von Ulrike Viegener / Eine im Fachmagazin »British Medical Journal« veröffentlichte Metaanalyse weist bei Kindern und Jugendlichen unter gängigen Antidepressiva eine Verdopplung des Suizidrisikos nach. Auch fremdgerichtete Aggressionen treten vermehrt auf.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) und selektive Sero­tonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSNRI) stehen schon länger im Verdacht, bei Kindern und Jugendlichen die Suizidalität zu steigern. 

 

Da die Datenlage widersprüchlich ist, gab es jedoch noch kein abschließendes Urteil. Die Aussagen der dänischen Studiengruppe, die jetzt eine neue Metaanalyse vorgelegt hat, lesen sich allerdings anders. Hier ist von Versäumnissen bei der Erfassung, Dokumentation und Publikation gravierender Nebenwirkungen die Rede. Auch in Studien aufgetretene Todesfälle seien falsch dargestellt worden.

 

Die Wissenschaftler um Tarang Sharma vom nordischen Cochrane-Center in Kopenhagen führten eine Metaanalyse zu gravierenden Nebenwirkungen unter den fünf meistverordneten Antidepressiva Duloxetin, Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin und Venla­faxin durch, die alle zu den SSRI beziehungsweise SSNRI zählen (DOI: 10.1136/bmj.i65). Unter die Lupe genommen wurden Todesfälle, aggressives Verhalten, Suizidgedanken und Suizidversuche sowie Akathisie. Dabei handelt es sich um eine kaum zu kontrollierende motorische Unruhe, die mit Suizidalität und fremdgerichteter Aggression in Zusammenhang steht. In die Metaanalyse gingen 70 placebokontrollierte Doppelblind-Studien an 18 526 Patienten ein, davon elf Studien mit Kindern und Jugendlichen.

 

Analyse klinischer Studienberichte

 

Eine Besonderheit ist, dass die Autoren nicht – wie sonst üblich – publizierte Studien auswerteten, sondern klinische Studienberichte, die Pharmaunternehmen ihren Zulassungsanträgen beifügen müssen. Diese Berichte sind weit detaillierter als die entsprechenden Publikationen und stellen deshalb für die Analyse seltener, gravierender Ereignisse eine besser geeignete Datenbasis dar. Allerdings, so konstatierten die Autoren, waren Nebenwirkungen zum Teil auch in diesen Berichten nicht oder nicht adäquat dokumentiert, was speziell Suizide und Suizidversuche betraf.

 

Suizidalität verdoppelt

 

Deshalb sei davon auszugehen, dass die Ergebnisse der Metaanalyse die tatsächliche Problematik weit unterschätzen. Während sich bei Erwachsenen keine signifikanten Abweichungen gegenüber Placebo ergaben, war die Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen unter den überprüften Antidepressiva doppelt so hoch (Odds ratio 2,39). Dasselbe galt für aggressives Verhalten gegenüber anderen (Odds ratio 2,79). Dazu zählten Morddrohungen, tätliche Angriffe, sexuelle Übergriffe sowie Zerstörung fremden Eigentums.

 

Die Autoren erinnern daran, dass viele jugendliche Amokläufer zur Tatzeit unter Antidepressiva standen. Wiederholt sei ihre Verurteilung gescheitert, weil negative psychotrope Effekte dieser Pharmaka nicht auszuschließen waren. Offenbar sind die aggressivitätssteigernden Effekte von SSRI beziehungsweise SSNRI also schon vor der jetzt publizierten Metaanalyse mehr als ein Verdacht gewesen. /

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