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Angststörungen

Den Gefühlen wieder Herr werden

Ziel der aktualisierten S3-Leitlinie »Behandlung von Angststörungen« ist es, die Versorgung der Patienten zu verbessern. In diesem Zusammenhang wurden Online-Programme und eine virtuelle Expositionstherapie neu aufgenommen. Hinsichtlich der Pharmakotherapie gab es keine Neuerungen.
Nicole Schuster
29.07.2021  18:00 Uhr

In Deutschland leiden etwa 14 Prozent der Bevölkerung an einer behandlungsbedürftigen Form, jeder Vierte erkrankt mindestens einmal im Leben daran. Angststörungen stellen damit noch vor der Depression die häufigste psychische Erkrankung dar. Die neue Fassung der S3-Leitlinie »Behandlung von Angststörungen«  hat das Ziel, Behandlungsstandards festzuschreiben und die Versorgung der Patienten zu verbessern.

Viele Angststörungen — man geht von knapp der Hälfte aus — werden allerdings nicht erkannt und infolgedessen nicht fachgerecht behandelt. »Einige Symptome von Angststörungen wie Schweißausbrüche, Herzrasen oder Schwindel können auch auf eine körperliche Ursache hindeuten. Ärzte suchen häufig vor allem nach möglichen organischen Auslösern. Patienten wiederum ist die Vorstellung, psychisch erkrankt zu sein, oft unangenehm. Einige weigern sich, das zu akzeptieren«, sagt Professor Dr. Borwin Bandelow, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen und federführender Autor der Leitlinie, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

Die Leitlinie definiert die wichtigsten Formen von Angststörungen: Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie, generalisierte Angststörung sowie soziale Angststörung und spezifische Phobien wie Spinnenphobie oder Höhenphobie. Für Letztere liegen für eine medikamentöse Intervention kaum Wirksamkeitsbelege vor. Für die anderen Formen erklärt der Experte den grundsätzlichen Behandlungsansatz: »Pharmakotherapie und Psychotherapie betrachten wir als ebenbürtig. Die Pharmakotherapie hat den Vorteil, dass sie sofort verfügbar ist, während Patienten auf einen Therapieplatz oft Monate warten müssen.« Wenn Betroffene gut auf die Arzneimittel ansprechen, kann sich ihre Störung bereits gebessert haben, bevor die Psychotherapie überhaupt starten konnte. Einige Patienten wollen auch von vorneherein keine Psychotherapie. »Therapiesitzungen erfordern einen größeren Zeitaufwand seitens des Patienten. Zudem muss dieser aktiv an seiner Heilung mitarbeiten«, erklärt Bandelow

Unter den psychotherapeutischen Interventionen ist die kognitive Verhaltenstherapie Mittel der Wahl, die oft mit einer Expositionstherapie kombiniert wird. Letztere kann neuerdings auch virtuell erfolgen. Hinsichtlich der Pharmakotherapie haben sich keine Neuerungen ergeben. »Es gibt keine relevanten neuen Medikamente, die wir hätten aufnehmen können«, sagt Bandelow. Mittel der Wahl sind wie gehabt selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SNRI).

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