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Rezepturen

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05.02.2014
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Von Sven Siebenand / Die neue Apothekenbetriebsordnung hat den Apothekern durch den Plausi-Check und die Dokumentationspflicht bei Rezepturen ein höheres Konfliktpotenzial mit den Hautärzten beschert. Der Dermatologe Professor Dr. Johannes Wohlrab von der Universität Halle-Wittenberg plädierte im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft dafür, die Rezeptur zu modernisieren. Zudem sollten Ärzte und Apotheker gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Gespräch mit der PZ erklärt er, wie er sich das vorstellt.

PZ: Sie sprechen sich für ein Update der Individualrezeptur aus. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

 

Wohlrab: Die Individualrezeptur hat sich historisch sehr stark empirisch geprägt entwickelt. Dies gilt vor allem für die Vehikelsysteme, aber auch für die galenischen Konzepte, die dahinter­stehen. Daraus hat sich eine große Vielfalt ergeben, die sich zumindest aus dermatologischer Sicht heute nur begrenzt überblicken lässt. 

 

Innerhalb Deutschlands gab es zudem verschiedene dermatologische »Schulen«, die, durch charismatische Fachvertreter geprägt, sehr stark Eminenz-basiert als wertvoll erachtete therapeutische Erfahrungen in Form von Rezepturen weitergaben. Diese Erfahrungen sind nach wie vor von großer Bedeutung und bilden die Grundlage für die moderne topische Therapie. Ähnlich wie in anderen Bereichen der Wissenschaft haben wir aber heute detailliertere Kenntnisse von Physikochemie, Molekularbiologie, Pathogenese und Pharmakologie. Diese lassen viele Individualrezepturen heute in einem anderen Licht erscheinen und offenbaren Qualitätseinbußen, die früher nicht bekannt waren oder ignoriert wurden.

 

Im Zeitalter der Evidenz-basierten Medizin gerät die Individualrezeptur nun argumentativ zunehmend unter Druck, da die praktizierten Qualitätsstandards nach heutigen Maßstäben zu niedrig sind. Ändern muss sich deshalb zunächst die Bewertung der Individual­rezeptur in den Köpfen der Ärzte, aber auch der Apotheker. Dabei spielen zeitgerechte Anforderungen an die Qualität, das Bemühen um eine gezielte Weiterentwicklung galenischer Optionen sowie das Verständnis der Individualrezeptur als Ergänzung des Spek­trums der vorhandenen Spezialitäten eine zentrale Rolle.

 

PZ: Sie plädieren auch dafür, dass Ärzte und Apotheker die Köpfe zusammenstecken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wo liegen dabei die Kompetenzen der Ärzte, wo die der Apotheker?

 

Wohlrab: Es muss beiden Berufsgruppen klar sein, dass die Kompetenzen unterschiedlich verteilt sind. Dermatologen können Diagnosen stellen, sie kennen die Pathogenese der Erkrankungen, wählen geeignete Wirkstoffe aus und können die Eigenwirkung von Vehikelsystemen bei verschiedenen Hautzuständen einschätzen. Apotheker müssen geeignete und stabile galenische Systeme bereitstellen, die den Qualitätsanforderungen genügen. Beide Seiten sollten dabei ihre Erwartungen mit den Notwendigkeiten bilateral abgleichen und so notwendig sinnvolle Kompromisse suchen.

 

PZ: In der Fachzeitschrift für Dermatologen regen Sie an, häufiger NRF-Rezepturen zu verordnen anstelle von »freien«, nicht standardisierten Rezepturen. Warum fällt das Umsatteln manchen Ihrer Kollegen offenbar schwer?

 

Wohlrab: Soweit ich weiß, werden nicht standardisierte Rezepturen nach wie vor sehr häufig verordnet. Mit aktuellen Zahlen kann ich nicht dienen, weiß aber aus Gesprächen mit Ärzten und Apothekern, dass viele sehr stringent an den etablierten Rezeptur­gewohnheiten festhalten. Dies führe ich zum einen darauf zurück, dass bei einigen meiner Fachkollegen das Problem bisher gar nicht ausreichend ins Bewusstsein gerückt ist. Vielleicht wird es aber auch ignoriert, was sich mit der neuen Apothekenbetriebsordnung zwangsläufig nicht mehr lange praktizieren lässt. Zum anderen glaube ich aber, dass sich die Handhabung, gerade des NRF, für die praktische Anwendung im dermatologischen Alltag nur bedingt eignet.

 

PZ: Wie kann man das NRF anwenderfreundlicher für Hautärzte machen?

 

Wohlrab: Es fehlt eine Systematik, die sich an klinischen Behandlungssitua­tionen orientiert. Soweit ich weiß, ist dieses Problem aber erkannt und wird von den Verantwortlichen des NRF bereits bearbeitet.

 

PZ: Sie haben auch angekündigt, dass Hautärzte in Kooperation mit Apothekern durch ein strukturiertes Weiterbildungsangebot die Basis für eine Professionalisierung im Bereich Rezeptur neu erarbeiten wollen. Was wurde bereits umgesetzt und was ist in Planung, um sich diesem Ziel zu nähern?

 

Wohlrab: Die Deutsche Dermatolo­gische Gesellschaft unterstützt ein Konzept, welches die Grundlagen der topischen Therapie verstärkt in die Weiterbildung einbezieht. Dazu zählt zum Beispiel eine einwöchige Sommerschule, die die Universität Halle-Wittenberg jährlich anbietet. Hier wird der gesamte Themenkomplex der Dermato­pharmakologie von allen Seiten beleuchtet und mit praktischen Übungen sowie Falldiskussionen ergänzt. 

Die Inhalte vermitteln Dermatologen und Pharmazeuten aus der Universität und Industrie. Besonders froh bin ich, dass auch die Gesellschaft für Dermopharmazie und die Apothekerkammer Sachsen-Anhalt das Angebot unterstützen und ihre Kompetenzen durch Referenten einbringen. Die erste Veranstaltung fand 2013 mit großem Anklang und Zuspruch der Teilnehmer statt, was alle Beteiligten ermutigt hat. Für 2014 sind die Planungen bereits im vollen Gange.

 

In Halle haben wir zudem in die Ausbildung der Medizinstudenten einen Tool »Derma-Pharma« in die Lehre integriert, um Basiswissen zu den Grund­lagen der topischen Therapie zu vermitteln. Dieses Konzept wollen wir auch anderen Universitätshautkliniken in Deutschland anbieten. Es ist also schon einiges in Gang gekommen. Dennoch wird es aber anhaltender Anstrengungen mehrerer bedürfen, um langfristig Erfolg zu haben. Ob übrigens auch Pharmaziestudenten hier intensiver vorbereitet werden, entzieht sich meiner Kenntnis. Begrüßen würde ich dies aber sehr.

 

PZ: Sie sprechen sich auch für Fortbildungsangebote zum Thema Rezeptur für Ärzte in Fachzeitschriften aus. Hat man auch diesen Wunsch schon erhört?

 

Wohlrab: Ja. Alles in allem zeigt sich, dass sich die Dermatologen sehr bemühen, das Bewusstsein für die topische Therapie zu schärfen und die vorhandenen Defizite rasch und nachhaltig zu beheben. Zum Beispiel sind wir gezielt auf dermatologische Fachzeitschriften zugegangen und haben um Unterstützung des Anliegens gebeten. Daraufhin hat das Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (JDDG) eine Rubrik »topische Therapie« eingerichtet und die Zeitschrift »Der Hautarzt« wird im März ein Sonderheft zum Thema »topische Therapie« veröffentlichen. Auch »Der Deutsche Dermatologe« hat ein Editorial zum Thema veröffentlicht. Hier können wir uns über Unterstützung nicht beklagen.

 

PZ: Zurück zur Apothekenpraxis: Glauben Sie, dass Ihre Kollegen Verständnis dafür haben, wenn Apotheker durch die Anforderungen der neuen Apothekenbetriebsordnung beim Thema Rezeptur, also Plausibilitäts-Check und Dokumentationspflicht, nun häufiger einmal in der Praxis nachfragen, wenn sie Klärungs- oder Änderungs­bedarf sehen?

 

Wohlrab: Die meisten meiner Fachkollegen sind vordergründig bemüht, ihre Patienten optimal zu versorgen. Deshalb sind Grundzweifel an einer kolle­gialen Zuwendung nicht angebracht, wenn es um solche fachlichen Fragen geht, auch wenn es hier und da mal Turbulenzen geben mag. Wenn Apotheker auf Rezepturen stoßen, die laut neuer Apothekenbetriebsordnung schlicht nicht umsetzbar sind, sollte durch ein empathisches Gespräch eine geeignete Alternative angeboten werden. Den meisten meiner Fachkollegen traue ich hier eine konstruktive Grundhaltung zu. Sollten die Apotheker aber dennoch auf renitente Dermatologen treffen, wird eine Klarstellung und konsequente Umsetzung der gesetzlichen Verordnungen gegebenenfalls auch ohne Einsicht beim Verordner unausweichlich sein.

 

PZ: Oft wird gemunkelt, dass Hautärzte eine Lieblingsrezeptur haben. Welche wäre dies bei Ihnen?

 

Wohlrab: Wir haben Lieblingsrezepte, aber keine Lieblingsrezepturen – zumindest ich nicht. Da ich annehme, dass diese Frage mit einem Augenzwinkern gestellt wurde, darf ich zurückzwinkern: Im Kern sind Dermatologen echt nette Menschen, die den schönen Dingen des Lebens durchaus zugetan sind. Ob das grundsätzlich auch für Apotheker gilt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen, aber in meinem Umfeld habe ich Apotheker meistens als Gleichgesinnte erlebt. /

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