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Pro Generika

Industrie im Schraubstock

08.04.2008
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Pro Generika

Industrie im Schraubstock

Von Uta Grossmann

 

Ob DAK-Chef, Wissenschaftler, Industrie- oder Verbandsvertreter - die Diskutanten auf dem Podium von Pro Generika waren sich einig: Das Gestrüpp staatlicher Regulierungen in der Arzneimittelversorgung müsste dringend gelichtet werden.

 

»Deregulieren. Jetzt!« hieß der Titel des dritten Dialoges am Mittag, den Pro Generika vorige Woche in Berlin veranstaltete. Die deutschen Generika-Hersteller haben großes Interesse an einem Abbau des staatlichen Regelwerks im Gesundheitssystem. Sie fühlen sich in einen »Schraubstock aus zentralen staatlichen Regulierungsinstrumenten und dezentralen vertraglichen Wettbewerbslösungen« eingespannt, wie es Pro-Generika-Geschäftsführer Hermann Hofmann im Editorial eines Newsletters zum Thema formulierte. Diese Zwangslage, so Hofmann, fordere erste Opfer, denn der Personalabbau in der deutschen Generika-Industrie habe begonnen.

 

Es war die letzte Pro-Generika-Veranstaltung, die Hermann Hofmann in seiner Funktion als Erster Geschäftsführer am vergangenen Mittwoch eröffnete. Er wechselte zu Sandoz, einem Mitgliedsunternehmen im Branchenverband der Generika-Hersteller. Hofmann verantwortet bei Sandoz seit Anfang Februar die weltweite Kommunikation.

 

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vertraten die Krankenkassen (Professor Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Angestellten Krankenkasse DAK), Verbände (Peter Schmidt, Geschäftsführer von Pro Generika, und Professor Dr. Volker Amelung, Geschäftsführer des Bundesverbandes Managed Care), den wissenschaftlichen Sachverstand (Professor Dr. Eberhard Wille, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen) und die Generika-Industrie (Michael Ewers, Geschäftsführer der Teva Deutschland, und Wolfgang Späth, Vorstandsmitglied bei Hexal und zugleich Vorstandsvorsitzender von Pro Generika). Die Moderation übernahm Elmar Esser.

 

Von 21 auf fünf Instrumente

 

Alle Diskutanten waren sich einig, dass der Gesundheitsmarkt dringend dereguliert werden müsste. Einen konkreten Vorschlag hatte Wille parat, der an der Universität Mannheim Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaften lehrt. Der Vorschlag ist nicht brandneu, er beruht auf einem Gutachten von 2006, bleibt aber nach wie vor aktuell. Der Kern: Die staatlichen Regulierungsinstrumente, derzeit sind es nach Willes Zählung 21, sollen drastisch ausgedünnt werden auf fünf. Denn Wille glaubt, dass wettbewerbliche Instrumente wie die Vertragsverhandlungen zwischen Herstellern und Kassen und staatliche Regulierungen sich gegenseitig behindern. Wenn dezentrale Preisverhandlungen, Stichwort Rabattverträge, sich etablieren und funktionieren, wären nach Ansicht Willes viele Regulierungsinstrumente überflüssig.

 

Was übrig bliebe, wären die Arzneimittelrichtlinien, die Negativliste und die Kosten-Nutzen-Bewertung, die im Wettbewerbsstärkungsgesetz der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG) im April 2007 eingeführt wurde und für die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kürzlich einen Methodenvorschlag präsentierte (siehe dazu Kosten-Nutzen-Bewertung: Vorstoß für mehr Effizienz, PZ 05/08). Als neue Instrumente schlug Wille Arzneimittel-Vergleichsgruppen und kassenindividuelle Positivlisten vor.

 

Der Geschäftsführer von Pro Generika Schmidt kritisierte die »Konzeptionslosigkeit« des Gesetzgebers. Der habe in den vergangenen Jahren zahlreiche Regulierungsinstrumenten eingeführt, aber kein einziges wieder abgeschafft. Manche Instrumente seien aber miteinander unvereinbar. Das Gestrüpp an Regulierungen sei so dicht geworden, dass keiner mehr durchblicke. Daran schloss Hexal-Vorstand Späth an. Die Hersteller bräuchten Planungssicherheit. Daher verlangte er, »ich bin ja in meinen Wünschen schon bescheiden geworden«, ein »System, das in sich kongruent ist und mindestens mal ein paar Jahre hält«.

 

DAK-Chef Rebscher forderte einfache, klare Regulierungsinstrumente, mit denen Ärzte und Apotheker in der Versorgung arbeiten könnten. Es gehe nicht an, dass Apotheker wegen des Rabattvertragsdurcheinanders nun Angst vor Retaxationen haben müssten. »Man sollte denken, bevor man das Bundesgesetzblatt beschmiert«, formulierte Rebscher drastisch.

 

Teva-Deutschland-Geschäftsführer Ewers fand, es würde sich lohnen, sich bei den Themen Bezahlbarkeit und Erhaltung des Gutes Gesundheit in anderen Ländern etwas abzugucken. Als Beispiel nannte er die deutschen Apotheker, bei denen er sich mit seiner rhetorischen Frage: »Brauchen wir 21.500 Apotheken?« wenig Freunde gemacht haben dürfte.

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