Pharmazeutische Zeitung online
Sigma-Rezeptor

Das unbekannte Target

30.01.2017
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Von Frauke Weber und Bernhard Wünsch / Lange Zeit galten ­Sigma-Rezeptoren als Subtyp von Opioid-Rezeptoren. Doch weit gefehlt. Inzwischen ist bekannt, dass sie an der Modulation von Ionenkanälen und Neurotransmitter-Systemen beteiligt sind. Viele etablierte Arzneistoffe, darunter Antidepressiva und Antipsychotika, haben eine hohe Sigma-Affinität. Forscher arbeiten an neuen Liganden, zum Beispiel für die Schmerztherapie.

Ursprünglich wurde der Sigma (σ)-Rezeptor zu den Opioid-Rezeptoren gezählt. Die Forschung an diesen Rezeptoren begann in den 1950er-Jahren, als Beckett und Casy postulierten, dass Opioide eine Rezeptor-vermittelte Wirkung auslösen. Erst 1973 erbrachte eine amerikanische Forschergruppe den Beweis, dass verschiedene Opioid-Rezeptor-Subtypen existieren. 1976 führten Martin und Mitarbeiter Verhaltensstudien an Hunden mit chronischen Schmerzen aus und dif­ferenzierten drei Rezeptor-Subtypen nach dem pharmakologischen Profil ihrer Liganden: µ-Rezeptor (Morphin), κ-Rezeptor (Ketocyclazocin) und σ-Rezeptor (SKF-10047, N-Allylnor­metazocin) (1).

 

Der σ-Rezeptor wurde damals zu den Opioid-Rezeptoren gerechnet, da zahlreiche Opioide eine hohe Affinität zu diesem Rezeptor aufweisen. Aufgrund der psychomimetischen Wirkkomponente von N-Allylnormetazocin, die nicht durch Aktivierung von µ- oder κ-Rezeptoren vermittelt ist, wurde der σ-Rezeptor als dritter Opioid-Rezeptor-Subtyp postuliert.

 

Diese Zuordnung wurde in den 1980er-Jahren widerlegt, als gezeigt wurde, dass die durch »σ-Opioid-Rezeptor-Liganden« ausgelösten Effekte nicht durch klassische Opioid-Rezeptor-Antagonisten wie Naloxon oder Naltrexon aufgehoben werden können (2, 3). Heute sind σ-Rezeptoren als eigenständige Rezeptorklasse anerkannt.

 

Ein weiterer Beweis für die Nicht-Zugehörigkeit zu den Opioid-Rezeptoren findet sich im Aufbau sowie in der Signalkaskade nach erfolgter Aktivierung des Rezeptors. Die klassischen Opioid-Rezeptoren wie der µ- und κ-Rezeptor sowie der erst später entdeckte ORL-1-(Opioid receptor like-1)­Rezeptor – nicht aber der σ-Rezeptor – gehören zur Klasse der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (4, 5).

 

Aufgrund ihrer charakteristischen Verteilung, ihres Liganden-Bindungsprofils und der unterschiedlichen Ste­reoselektivität gegenüber Benzomorphan-Enantiomeren wie (+)- und (-)-Pentazocin lassen sich zwei Subtypen (σ1 und σ2) unterscheiden (6, 7). Über den σ1-Rezeptor ist weitaus mehr bekannt als über den σ2-Subtyp. Daher liegt der Fokus in diesem Beitrag vornehmlich auf dem σ1-Rezeptor (Kasten).

 

Der σ1-Rezeptor ist an der Modula­tion verschiedener Ionenkanäle und Neurotransmitter-Systeme beteiligt. Die genaue Signalkaskade nach Aktivierung des Rezeptors ist noch nicht im Detail bekannt; eine G-Protein-Kopplung ist aber ausgeschlossen (21, 22). Im Bereich der Ionenkanäle moduliert der σ1-Rezeptor spannungsabhängige Kalium-Kanäle, spannungsabhängige ­Calcium-Kanäle und auch spannungsabhängige Natrium-Kanäle in Herzmuskelzellen (23-26).

 

Bei der Modulation von Neurotransmitter-Systemen scheint vor allem die glutamaterge Signaltransduktion von Bedeutung zu sein. Im Vordergrund steht die Verstärkung der neuronalen NMDA-Rezeptor-Aktivität. Durch die Modulation von NMDA-Rezeptoren wird auch die cholinerge, dopaminerge und serotonerge Neurotransmission beeinflusst (27). Wissenschaftler vermuten eine Potenzierung der glutamatergen Antwort durch Blockade eines Calcium-aktivierten Kalium-Kanals, wodurch es zu einem gesteigerten Calcium-Influx über den NMDA-Rezeptor-assoziierten Ionenkanal kommt (28). Im Jahr 2007 wurde postuliert, dass es sich bei σ1-Rezeptoren um Calcium-sensitive Chaperone handelt (29). Chaperone sind »Faltungshelfer«, die anderen Proteinen helfen, sich in der korrekten Form zu falten. Im Fall des σ1-Rezeptors werden durch die Chaperon-Aktivität IP3-Rezeptoren stabilisiert, um so eine verlängerte Calcium-Freisetzung aus dem endoplasmatischen Retikulum und einen Calcium-Einstrom in die Mitochondrien zu fördern.

 

Im Tierversuch zeigte sich, dass σ1-Rezeptoren nicht essenziell für die Überlebens- und Fortpflanzungsfähigkeit sind; entsprechende Knock-out-Mäuse waren lebensfähig und konnten Nachkommen zeugen. Im direkten Vergleich mit Wildtyp-Mäusen hatten die Knock-out-Mäuse keine phänotypischen Auffälligkeiten, zeigten allerdings im Forced Swimming Test der Ratte – ein Tierversuchsmodell zur ­Untersuchung von antidepressiv wirksamen Substanzen – eine depressive Verhaltensweise (30).

Fokus auf σ1-Rezeptoren

Der σ1-Rezeptor ist ein 223 Aminosäuren umfassendes, membranständiges Protein mit einem Molekulargewicht von 25,3 kDa. Er wurde bereits aus verschiedenen menschlichen und tierischen Geweben wie Rattenhirn oder Meerschweinchenleber kloniert (8, 9). Die Aminosäuresequenz hat keine Ähnlichkeit zu irgendeiner Sequenz eines anderen Säugetierproteins, aber es wurde eine 30-prozentige Ähnlichkeit mit der Sterol-Δ8/Δ7-Isomerase von Pilzen nachgewiesen, wobei der σ1-Rezeptor keine eigene Sterol-Isomerase-Aktivität hat (8, 10).

 

Nachgewiesen wurde dieser Subtyp sowohl im Zentralnervensystem als auch in peripheren Organen wie Leber, Auge und Herz (11-13). Im Gehirn ist er besonders in den Arealen verbreitet, die mit Gedächtnis und Emotionen ­assoziiert werden (14, 15). Außerdem werden σ1-Rezeptoren von zahlreichen Tumorzellen überexprimiert (16).

 

Auf subzellulärer Ebene findet sich der σ1-Rezeptor in der Zytoplasma-Membran, in den Membranen des endoplasmatischen Retikulums und an Mitochondrien-assoziierten Membranen. Er besteht aus zwei transmembranären Domänen (TM 1 und 2), die mit einem Loop verbunden sind, wobei C- und N-Terminus extrazellulär oder im Lumen des endoplasmatischen Retikulums ­liegen (Abbildung 1) (17). Zusätzlich wurden zwei hydrophobe Regionen identifiziert, die als Steroid binding ­domain-like regions (SBDL I und II) bezeichnet werden. Die SBDL I überlappt mit einer der beiden transmembranären Domänen und bildet so zusammen mit der SBDL II die Ligandenbindungsstelle (18). Im April 2016 wurde erstmals eine Kristallstruktur des humanen σ1-Rezeptors veröffentlicht (19).

Keine endogenen Liganden bekannt

 

Bislang wurden keine endogenen Liganden des σ1-Rezeptors eindeutig identifiziert. Neurosteroide wie Progesteron, Pregnenolon und das Halluzinogen N,N-Dimethyltryptamin wurden immer wieder als endogene Liganden diskutiert, haben aber nur moderate Affinität zu diesem Rezeptor (31, 32).

Anhand verschiedener Pharmakophor-Modelle arbeiten zahlreiche Forschergruppen daran, spezifische Liganden zu entwerfen und weiterzuentwickeln. Das bekannteste ist das Pharmakophor-Modell nach Glennon (Abbildung 2). Danach bilden ein basisches Amin und zwei hydrophobe Reste, die das Amin in einem bestimmten Abstand flankieren, die pharmakophoren Elemente, die eine hohe σ1-Rezeptor-Affinität bedingen (33, 34). Da viele ­Arzneistoffe diese Kriterien erfüllen, wird ersichtlich, warum viele Stoffe, ­gerade auch antipsychotisch und antidepressiv wirksame Substanzen, an ­σ1-Rezeptoren binden.

 

Target für viele ­Antidepressiva

 

Offenbar sind σ1-Rezeptoren an verschiedenen pathophysiologischen Prozessen wie der Entstehung von Psychosen und Depressionen beteiligt. Dafür spricht, dass viele Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) wie Fluvoxamin oder Sertralin mit hoher Affinität an diese Rezeptoren binden (35).

 

Verschiedene σ1-Rezeptor-Ago­nis­ten wie Pentazocin wurden in Verhaltensstudien und Tiermodellen wie dem Forced Swimming Test oder dem Tail Suspension Test (Kasten) eingesetzt und zeigten dort antidepressive Effekte (36, 37). Venlafaxin, das selbst keine Affinität zum σ1-Rezeptor hat, hatte ­einen synergistischen Effekt in subeffektiven Dosen mit (+)-Pentazocin als Co-Medikation (38). In der Therapie könnte dies den Einsatz niedrigerer ­Dosen ermöglichen und dadurch das Nebenwirkungspotenzial verringern. Auch zahlreiche antipsychotisch wirksame σ1-Rezeptor-Antagonisten wie Panamesin, Rimcazol und Haloperidol bewiesen in Tiermodellen ihre Wirksamkeit (39, 40).

 

Außerdem fand man heraus, dass die σ1-Rezeptordichte im Gehirn von Patienten, die unter einer schizophrenen Störung litten, vermindert ist – ein vermeintlich widersprüchlicher Befund, da Antagonisten wie Haloperidol gerade bei solchen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden (41). Heute gelten σ1-Rezeptoren als interessantes Target in der antidepressiven und antipsychotischen Therapie. Cocain und andere als Rauschmittel missbräuchlich verwendete Substanzen binden mit nanomolarer Affinität an σ1-Rezeptoren, was diese ebenfalls interessant für eine Therapie der Cocain-Abhängigkeit macht (42).

Tierversuche in der Wirkstoffprüfung

Forced Swimming Test

 

Der Forced Swimming Test ist ein Versuch mit Ratten oder Mäusen, um die antidepressive Wirksamkeit von Arzneistoffen abzuschätzen. Als Messparameter gilt die Immobilitätszeit der Versuchstiere, die sich in einem mit Wasser gefüllten Gefäß befinden. ­Antidepressiv wirksame Substanzen verkürzen diese Zeit. Die Versuchs­tiere versuchen länger, der Gefahr des Ertrinkens durch Schwimm- oder Kletterbewegungen zu entkommen.

 

Tail Suspension Test

 

Auch der Tail Suspension Test dient der Beurteilung der antidepressiven Wirkstärke eines Arzneistoffs. Bei diesem Test wird das Versuchstier (Ratte) am Schwanz etwa 10 cm über dem Boden aufgehängt. Antidepressiva verlängern die Zeit, die die Ratte versuchen wird, den Boden zu erreichen, bevor die immobile Phase der Hilflosigkeit einsetzt.

 

Formalin-Test

 

Dies ist der bekannteste Tierversuch zur Messung antinozizeptiver Eigenschaften von Arzneistoffen. Hierbei wird Ratten oder Mäusen eine verdünnte Formalin-Lösung unter die Haut der Hinterpfote gespritzt und die Zeit bestimmt, in der sich die Maus die Pfote leckt. Schmerzlindernde Substanzen verkürzen diese Zeit.

 

Von-Frey-Test

 

Dieses Tiermodell dient der Bestimmung der analgetischen Potenz einer Substanz. Dabei wird ein Nylon-Faden gegen die Fußsohle einer Maus gedrückt und das Zeitintervall bestimmt, bis das Tier die Pfote wegzieht. Dieses Zeitintervall ist umso länger, je höher die antinozizeptive Potenz der Prüfsubstanz.

 

Schmerz- und ­Tumorforschung

 

Auch für die Schmerzbehandlung sind σ1-Rezeptoren interessant, da Agonisten die Morphin-induzierte Analgesie vermindern (43). Dagegen verstärken σ1-Antagonisten wie Haloperidol die Morphin-induzierte Analgesie (44). Zurzeit befindet sich der σ1-Rezeptor-Antagonist S1RA in Phase II der klinischen Prüfung zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen (45).

 

Auch in der Krebsforschung wird intensiv an σ1-Rezeptoren gearbeitet. Da diese Rezeptoren in hoher Dichte von verschiedenen Tumorzellen exprimiert werden, sind sie interessant für eine potenzielle Tumortherapie oder -dia­gnostik mittels radioaktiv markierter Liganden und PET-Technik (46, 47).

 

Kurzes Zwischenfazit: Nach aktueller Kenntnis sind σ1-Rezeptoren an der Entstehung von Psychosen und Depressionen beteiligt. Bei Patienten mit Schizophrenie ist die σ1-Rezeptordichte im Gehirn vermindert. Verschiedene Agonisten wirken in Tiermodellen antidepressiv, außerdem vermindern sie die Morphin-induzierte Analgesie. Der Antagonist S1RA wirkt analgetisch bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen. Auch für die Tumortherapie oder -diagnostik könnten σ1-Rezeptoren interessant sein, da sie in hoher Dichte von verschiedenen Tumorzellen exprimiert werden.

 

Trizyklische Antidepressiva

 

Inzwischen weiß man, dass auch etablierte Arzneistoffe an σ1-Rezeptoren binden oder deren Dichte im Gehirn verändern (Abbildung 3). Dies könnte zum jeweiligen Wirkprofil beitragen. Zu den Liganden zählen beispielsweise Antidepressiva aus verschiedenen Klassen, Antipsychotika und Analgetika. Wissenschaftler untersuchen die Rezeptoraffinitäten und -effekte, da sie sich davon Anregungen für die Entwicklung gezielter Liganden erwarten.

Opipramol wird als Anxiolytikum mit antidepressiven Eigenschaften besonders in der ambulanten Psychopharmakotherapie häufig verordnet. Aufgrund der chemischen Struktur wurde es lange zu den trizyklischen ­Antidepressiva (TZA) gezählt, hat aber nicht das für diese Klasse typische Wirkprofil der Wiederaufnahme-Hemmung biogener Amine. Aufgrund seines Liganden-Bindungsprofils ist die angstlösende Wirkkomponente von Opipramol nicht erklärbar. Anders als die anderen TZA hat es jedoch eine hohe Affinität zu σ-Rezeptoren (48).

 

Neuere Ergebnisse zeigen, dass Opipramol im Tierversuch in anxiolytisch wirksamen Dosen konzentrationsabhängig an σ-Rezeptoren bindet, ohne eine Präferenz für einen der beiden Subtypen aufzuweisen. Subtherapeutische Dosen regulieren die σ2-Re­zep­tor­dichte im Gehirn der Versuchstiere ­herunter. Daher wird diskutiert, ob die anxiolytische Wirkung auf eine ­Beeinflussung der intrazellulären Cal­cium-Homöostase zurückzuführen ist, wodurch die Erregbarkeit zentraler Neu­rone moduliert wird, oder ob der ­σ2-Rezeptor-Subtyp am angstlösenden Effekt beteiligt ist.

 

Eine Wirkung über eine Verringerung der Rezeptordichte wurde bislang jedoch eher für σ1-Rezeptoren beobachtet. Beispielsweise reduziert Imipramin die σ1-Dichte im Gehirn, obwohl es selbst nur eine geringe Affinität zu diesem Rezeptor hat.

 

Selektive Serotonin-­Wiederaufnahme Hemmer

Zahlreiche selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI, Abbildung 3) binden an den σ1-Rezeptor. Dabei ist Fluvoxamin der affinste Ligand, Par­oxetin hat fast gar keine messbare ­Affinität. Die Affinität der SSRI am ­σ1-Rezeptor tierischen Ursprungs steigt in der Reihenfolge Paroxetin – Citalo­pram – Fluoxetin – Sertralin – Fluvox­amin an (49, 50). Die unterschiedliche ­σ1-Affinität könnte auch ein Grund für die verschiedenen sekundären pharmakologischen Charakteristika der SSRI sein.

 

Fluvoxamin ist weniger potent als die anderen SSRI, dafür aber sehr selektiv wirksam am humanen Serotonin-Transporter. In den 1990er-Jahren haben Ishikawa und Mitarbeiter mittels Positronen-Emissions-Tomografie herausgefunden, dass Fluvoxamin nach einmaliger Gabe konzentrationsabhängig an σ1-Rezeptoren im menschlichen Gehirn bindet (49). Bei PET handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, bei dem neben dynamischen Stoffwechselvorgängen auch das Ausmaß der Rezeptor-Belegung mit einer Kleinstmenge einer radioaktiv markierten Substanz im Gehirn nachgewiesen werden kann.

 

Im Tierversuch an Mäusen konnten subtherapeutische Dosen von Fluvox­amin kognitive Defizite verbessern, die vorher medikamentös induziert worden waren. Dieser Effekt ließ sich durch einen σ1-Antagonisten aufheben, was auf ein σ1-agonistisches Wirkprofil von Fluvoxamin schließen lässt – was wiederum die antidepressive Wirkung ­unterstützen würde. Kognitive Ein­bußen sind oft ein Hauptsymptom schwerer Depressionen. Trotz erfolgreicher antidepressiver Therapie persistieren sie häufig, können aber auch als Nebenwirkung der Therapie auftreten. So kann zum Beispiel Paroxetin durch seine anticholinergen Effekte auch Konzentrationsschwierigkeiten und Vergesslichkeit auslösen (51).

 

Die Tatsache, dass Fluvoxamin im Tierversuch die kognitive Leistung verbesserte, macht den Wirkstoff interessant für Studien an depressiven oder schizophrenen Patienten, die an solchen ­Störungen leiden. In einer Studie mit 51 depressiven Patienten erreichten diese nach vierwöchiger Einnahme eine höhere Punktzahl im Intelligenztest und die Wahrscheinlichkeit für ­kognitive Störungen nahm ab (52). Da andere Studien dem Fluvoxamin jedoch keine Überlegenheit in der Steigerung kognitiver Prozesse verglichen mit Sertralin (σ1-Antagonist) und Paroxetin (keine Affinität zum σ1-Rezeptor) zusprechen, sind weitere randomisierte und placebokontrollierte Studien nötig, um eine Beteiligung der σ1-Rezeptoren an kognitiven Prozessen endgültig zu klären.

 

Bei einer Depression mit psychotischen Symptomen verordnen Ärzte oft eine Kombination aus einem SSRI und einem atypischen Antipsychotikum. Ein Fallbericht an einer 36-jährigen Japanerin zeigte die Überlegenheit einer Monotherapie mit dem σ1-Agonisten Fluvoxamin bei einer psychotisch eingefärbten Depression (54). Im Vergleich dazu verschlimmerte der σ1-Antagonist Sertralin die psychotischen Symptome. Weitere Studien müssen klären, inwieweit dieser Effekt dem σ1-Rezeptor ­zuzuschreiben ist.

Effekte auf neuronale Zellen

In einer Vergleichsstudie wurde herausgefunden, dass Fluvoxamin σ1-ago­nis­tisch das Nervenwachstumsfaktor-­induzierte Neuriten-Wachstum in PC12-Zellen verstärkt. Dieser Effekt war durch den hochaffinen σ1-Antagonisten NE-100 und durch Sertralin antagonisierbar (53). Daher geht man davon aus, dass Sertralin ein σ1-Antagonist ist – obwohl es antidepressiv wirkt. Offenbar überwiegen hier die serotonergen Effekte.

 

Bei den PC12-Zellen handelt es sich um Zellen einer Tumorzelllinie aus dem Nebennierenmark der Ratte, die als Modellsystem für neuronale Zellen genutzt werden. An diesem System kann man zum Beispiel das Neuriten-Wachstum und die Neurotransmitter-Freisetzung untersuchen. Normalerweise hat dieser Zelltyp keine Fortsätze, bildet aber unter Zugabe des Nervenwachstumsfaktors Neuriten-ähnliche Fortsätze nach neuronaler Differenzierung. Die differenzierten PC12-Zellen setzten unter anderem Noradrenalin als Neurotransmitter frei – ein Effekt, der durch Fluvoxamin verstärkt wurde.

Antitussiva und ­Antipsychotika

 

Der Hustenstiller Dextromethorphan wurde im Tierversuch (Forced Swimming Test) auf seine antidepressiven Eigenschaften hin untersucht und konnte die Immobilitätszeit der Mäuse verkürzen. Aufgrund der Strukturähnlichkeit mit Ketamin nimmt man eine NMDA-Rezeptor-vermittelte antidepressive Wirkung an. Diese scheint zu einem gewissen Anteil auch auf den σ1-Rezeptor zurückzugehen, da die positiven Effekte im Tiermodell durch den σ1-Antagonisten BD1063 abgeschwächt wurden (55).

 

Ähnliche Ergebnisse brachte das ­Antipsychotikum Quetiapin im Forced Swimming Test an Mäusen. Auch hier scheint der σ1-Rezeptor an der antidepressiven Wirkkomponente von Quetiapin beteiligt zu sein. Die Verkürzung der Immobilitätszeit der Versuchstiere konnte durch den σ1-Agonisten (+)-Pentazocin zusätzlich gesteigert werden. Sowohl der synergistische Effekt auf die Immobilitätszeit als auch der durch Quetiapin alleine erreichte Effekt konnte durch den σ1-Antagonisten BD1063 vermindert werden (56).

 

Gezielte Analgetika-­Entwicklung

Das Morpholino-ethoxypyrazol-Derivat S1RA (Abbildung 4) wurde als hochaffiner und selektiver σ1-Rezeptor-Antagonist entwickelt und bewies in verschiedenen Tiermodellen, zum Beispiel dem Formalin-Test, dosisabhängig seine antinozizeptive Eigenschaft. Im direkten Vergleich mit Pregabalin, das als Goldstandard in der Therapie des neuropathischen Schmerzes gilt, war S1RA überlegen hinsichtlich der ­analgetischen Potenz im von-Frey-Test.

 

S1RA hat ein vielversprechendes pharmakokinetisches und physikochemisches Profil. Die Substanz interagiert nicht mit dem hERG-Kanal am Herzen (IC50 > 10 µM), hat eine hohe metabolische Stabilität und ist oral bioverfügbar. In Phase-I-Studien war sie verträglich und sicher (57). Mittlerweile befindet S1RA in Phase II der klinischen ­Prüfung und könnte der erste σ1-Ligand für die klinische Anwendung bei neuropathischem Schmerz werden. /

Die Autoren

Frauke Weber studierte Pharmazie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und erhielt 2009 die Approbation als Apothekerin. Während der Promotion an der Universität Münster im Fach Pharmazeutische und Medizinische Chemie bei Professor Dr. Bernhard Wünsch beschäftigte sie sich mit der Entwicklung neuartiger σ-Rezeptor-Liganden mit überbrückter Piperazin-Struktur. Hierbei lag der Fokus auf den Beziehungen zwischen der Struktur, der sigma-Rezeptoraffinität und der zytotoxischen Aktivität der Liganden. Seit 2010 ist Dr. Weber als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der WWU Münster in Forschung und Lehre tätig. Als Koordinatorin der PharMSchool baut sie seit 2012 ein neuartiges Projekt für Studierende des Hauptstudiums auf, dessen Ziel die Vernetzung der pharmazeutischen Teildisziplinen ist.

 

Bernhard Wünsch studierte Pharmazie in München und erhielt 1984 die Approbation als Apotheker. Nach der Promotion 1987 habilitierte er sich 1993 für das Fach Pharmazeutische Chemie. 1996 folgte er einem Ruf auf die C3-Professur für Pharmazeutische Chemie an der Universität Freiburg. Seit Oktober 2002 ist Wünsch C4-Professor für Pharmazeutische Chemie an der Universität Münster. Von 2005 bis 2006 war er Dekan des Fachbereichs Chemie und Pharmazie der WWU Münster. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Entwicklung neuer Liganden für verschiedene Rezeptoren (Sigma-, Opioid- und Glutamat-Rezeptoren) im Zentralnervensystem. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Einfluss der Stereochemie der neuen Liganden auf die Rezeptoraffinität und -selektivität.

 

Dr. Frauke Weber

Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der WWU Münster

Corrensstraße 48

48149 Münster

E-Mail: fwebe_01@uni-muenster.de

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