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Schlafstörungen

Hygiene statt Tabletten

28.01.2015
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Patienten mit Schlafstörungen werden in Deutschland viel zu häufig mit Arzneimitteln behandelt. Besser wäre in den allermeisten Fällen eine Anleitung zur guten Schlafhygiene, mit der Betroffene lernen, wieder ohne medikamentöse Hilfsmittel zu schlafen.

Professor Dr. Hans Förstl von der TU München warnte eindringlich vor den negativen Folgen des Einsatzes von Schlafmitteln wie Benzodiazepine und -Analoga. Diese zerstörten die Schlafarchitektur, also die natürliche Abfolge von Tief- und REM-Schlafphasen, die während einer Nacht mehrfach durchlaufen werden. »Es findet eine Narkose statt, aber kein Schlaf«, so der Psych­iater. Zudem bestehe ein enormes Gewöhnungs- und Abhängigkeitspoten­zial. Wenn Patienten aber erst einmal von Benzodiazepinen abhängig sind – oder, weil sie sich selbst damit behandelt haben, von Alkohol – verringern sich die Chancen einer erfolgreichen Insomnie-Behandlung beträchtlich.

 

Krankheiten oder Arzneien als Auslöser

Von einer Insomnie spricht man bei Einschlafstörungen, Durchschlafstörungen oder einer schlechten Schlafqualität, die während mindestens eines Monats und mindestens drei Mal pro Woche bestehen. In zwei Drittel der Fälle beruht die Schlafstörung auf einer körperlichen oder psychischen Erkrankung, beispielsweise Demenz, beginnende Schizophrenie oder Depression, oder auf der Einnahme von Medikamenten, wie Betablocker, Diuretika, Theophyllin oder Steroiden. Scheiden solche Ursachen als Auslöser aus, handelt es sich um eine primäre Insomnie, zu deren Behandlung Förstl zufolge höchstens in Ausnahmefällen die Gabe des atypischen Neuroleptikums Que­tiapin oder des sedierenden Anti­depressivums Mirtazapin zur Nacht erwogen werden sollte.

 

Damit Patienten wieder zu einem erholsamen Schlaf finden, sollten sie folgende Regeln der Schlafhygiene beachten: Schlafdruck erhöhen durch spätes Zubettgehen und frühes Aufstehen, Verzicht auf Alkohol, Kaffee, Tee und andere Stimulanzien, abends keine großen Portionen mehr essen oder trinken, Störfaktoren wie tickende Leuchtziffer-Wecker, ungeeignete Matratze, Decke oder Kissen beseitigen und ein Zubettgeh-Ritual entwickeln. Am wichtigsten sei, dass das Bett ausschließlich zum Schlafen benutzt werde und nicht etwa zum Arbeiten, Lesen oder Fernsehen. »Insomniker legen sich ins Bett, um sich darüber zu ärgern, dass sie nicht schlafen können. Das ist aber falsch: Wer nicht schlafen kann, sollte aufstehen und so lange etwas anderes tun, bis er müde genug ist, um im Bett gleich einzuschlafen«, so Förstl.

 

Wie die Insomnie gehört die Narkolepsie zu den Dyssomnien, also den quantitativen Schlafstörungen. Sie ist mit 0,02 bis 0,05 Prozent Prävalenz sehr selten. Typisch ist neben einer starken Tagesmüdigkeit mit imperativem Schlafdrang unter anderem eine Kataplexie, also ein kurzer, meist partieller Tonusverlust der willkürlichen Muskulatur, der von Emotionen ausgelöst wird. Betroffene können mit einem hohen Konsum Coffein-haltiger Getränke und regelmäßigen Nickerchen etwa alle drei Stunden das Schlafbedürfnis etwas reduzieren. Medikamentös lässt sich die Wachheit mit Modafinil unterstützen, während Antidepressiva wie Clomipramin und Venlafaxin vorwiegend zur Behandlung der Kataplexie eingesetzt werden.

 

Ausleben von Träumen

 

Als ein Beispiel für eine Parasomnie, also eine qualitative Schlafstörung, stellte Förstl die REM-Schlafstörung vor, an der häufiger ältere Männer leiden. Dabei fehlt die Muskelatonie, die normalerweise während des REM-Schlafs dafür sorgt, dass der Schlafende trotz lebendiger Träume bewegungslos daliegt. Betroffene agieren ihre Träume aus, ohne dabei wach zu werden. »Es besteht erhebliche Verletzungsgefahr für den Betroffenen selbst und seinen Partner«, sagte Förstl.

 

Die Muskelatonie während des REM-Schlafs ist Dopamin-vermittelt. Da bei Morbus Parkinson dieser Neurotransmitter fehlt, kann eine REM-Schlafstörung ein Symptom für eine beginnende Parkinson-Erkrankung sein. Diese Schlafstörung ist laut Förstl eine der seltenen Indikationen für den längerfristigen Einsatz von Benzodiazepinen. Dabei macht man sich deren REM-Schlaf-unterdrückende Wirkung zunutze, die ansonsten unerwünscht ist.

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