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Assistenztechnik

Großes Potenzial, leere Portemonnaies

01.02.2011
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Von Martina Janning, Berlin / Die Alten sind die Zukunft – das glauben Ökonomen, wenn es um altergerechte Assistenzsysteme geht. Die sollen Umsatz bringen, die Sozialkassen entlasten und den Export ankurbeln. Unklar ist aber, wie die elektronischen Helfer finanziert werden sollen.

Ein Fußboden, der das Licht einschaltet, wenn jemand nachts ins Bad geht und im Falle eines Sturzes automatisch den Notruf auslöst. Kleider, die über eingewebte Sensoren Atemfrequenz, Blutdruck und Herztöne messen und so eine chronische Herzschwäche überwachen. Ein Einnahmeassistent für Medikamente, der eigenständig überprüft, ob verschiedene Präparate kombinierbar und verträglich sind. Inzwischen gibt es eine Reihe von technischen Lösungen, die es älteren und hilfsbedürftigen Menschen gestatten, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Experten sehen in diesem Ambient Assisted Living (AAL) einen riesigen Zukunftsmarkt.

»Die Nachfrage nimmt zu«, sagt Professor Dr. Uwe Fachinger von der Hochschule Vechta. Wegen des demografischen Wandels beurteilt er das ökonomische Potenzial von altersgerechten Assistenzsystemen als »sehr positiv«. Denn 2030 leben allein in Deutschland voraussichtlich rund 26 Millionen Menschen im Alter von 60 Jahren und älter. Der europäische E-Health-Markt wird im Jahr 2012 geschätzte 15,6 Milliarden Euro umsetzen, hat Fachinger mit Kollegen in einer Studie ermittelt. Das ist ein Plus von 9 Prozent gegenüber 2008. Mit technischen Hilfen für Demente ließen sich demnach im Jahr 2030 weltweit 1,6 Milliarden Euro jährlich Umsatz erzielen.

 

Für Wachstum im deutschen AAL-Markt sorgt aber nicht nur die zunehmende Zahl alter Menschen im eigenen Land. »Altersgerechte Assistenztechnologien haben ein hohes Exportpotenzial. Denn Deutschland ist hier Vorreiter«, erklärte Fachinger auf dem deutschen AAL-Kongress, der vorige Woche in Berlin stattfand.

 

Spareffekt für die Volkswirtschaft

 

Zu den potenziellen Umsätzen kommen volkswirtschaftliche Einsparungen. Das gesamtwirtschaftliche Sparpotenzial von elektronischen Medikamentenboxen schätzt Fachinger auf 353 Millionen Euro. Techniken, um die Wohnung sicher zu machen, könnten nach seiner Einschätzung 1,9 Milliarden Euro einsparen. »Volkswirtschaftlich gesehen ist ein längeres Leben zu Hause eindeutig von Vorteil«, urteilte auch Dr. Klaus-Dirk Henke, Professor für Finanzwissenschaft und Gesundheitsökonomie an der Technischen Universität Berlin. Gute Assistenzsysteme könnten die Sozialkassen stark entlasten.

 

Heute funktioniert das allerdings noch nicht. Der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Professor Dr. Norbert Klusen, berichtete, dass die TK mit ihren telemedizinischen Angeboten bei Herzerkrankungen und Asthma keine Einsparungen erziele. »Die Modelle tragen sich lediglich.« Er räumte aber ein, dass Telemedizin in Deutschland noch nicht so gebraucht werde wie in anderen Flächenländern mit einem extremen Ärztemangel. Außerdem mangele es an Akzeptanz. Viele Patienten hätten Berührungsängste.

 

»Die Frage der Finanzierung ist schwierig«, erklärte der TK-Chef. Die Krankenkassen beteiligten sich gerne im gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen an der Finanzierung vom Assistenzsystemen. »Doch jeder Einzelne muss Vorsorge treffen. Wobei Wenigverdienende kaum vorsorgen können.«

 

Dieses Problem sieht Fachinger ebenfalls. Das Geld, das Menschen bereit sind, monatlich für elektronische Hilfen zu zahlen, müssten viele anderswo einsparen, gab er zu bedenken. Daneben macht der Professor für Ökonomie und demografischen Wandel noch weitere Hemmnisse für Hilfstechniken aus: Viele ältere Menschen wüssten zu wenig über AAL-Systeme und es mangele an Geschäftsmodellen. Alles in allem seien Assistenzsysteme »keine Selbstläufer«, sagte er.

 

Die Geschichte des Hausnotrufs untermauert diese Einschätzung. Obwohl er schon vor 30 Jahren erfunden wurde, besitzen bloß 2,3 Prozent der rund 16 Millionen Deutschen über 65 Jahre ein Hausnotrufsystem. In Ländern wie Großbritannien und Skandinavien beträgt die Quote bis zu 12 Prozent. Bei einer Forsa-Umfrage im Mai 2007 waren nur 37 Prozent der Befragten in der Lage, einen Hausnotrufanbieter zu nennen. 38 Prozent der Befragten ab 40 Jahre konnten mit dem Begriff »Hausnotruf« nur wenig anfangen. Als Gründe sehen Experten neben fehlenden Informationen auch eine Haltung, die das Alter und Hilfsbedürftigkeit verleugnet.  /

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