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Insomnie

Schlafdruck erhöhen

24.01.2018
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Viele Menschen klagen über Schlaflosigkeit, aber echte Insomnien sind extrem selten – und tödlich. In der Regel handele es sich um ­Hyposomnien, die unter Umständen auf überhöhten Erwartungen und einer Schlafneurose beruhen, informierte Professor Dr. Hans Förstl von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München.

Sechs bis acht Stunden Schlaf reichen den meisten jüngeren Menschen, bei ­Älteren lässt das Schlafbedürfnis nach. Dies müsse man den Patienten ebenso erklären wie einfache Möglichkeiten, den Schlafdruck zu erhöhen, sagte Förstl. Ausführliche Beratung (Psychoedukation) und kognitive Verhaltenstherapie seien wichtige Maßnahmen bei Schlafstörungen. Bei Atemstörungen wie dem Schlaf-Apnoe-­Syndrom gibt es spezielle Therapieformen wie die Überdruckbeatmung mittels Maske (CPAP).

 

Ursache abklären

Abzuklären sind sekundäre Insomnien, denn zahlreiche Grundkrankheiten und Medikamente stören den Schlaf. Mög­liche Ursachen sind zum Beispiel Schmerzen, Epilepsie, Schlaganfall, chronische Nieren- und Magen-Darm-Erkrankungen oder Tumoren. Bei den Medikamenten ist unter anderem an Stimulanzien, Opioide, antriebssteigernde Antidepressiva und Anti­dementiva, Antihypertensiva, Diuretika und Asthma-Medikamente zu denken.

 

Benzodiazepine und Z-Substanzen sind wirksam bei Schlafstörungen, aber Ärzte sollten mit der Verordnung ­»extrem zurückhaltend« sein, mahnte Förstl. »Diese Wirkstoffe stören die Schlafarchitektur und verhindern die Reinigung des Gehirns von Ablage­rungen.«

 

Dabei bezog er sich auf das erst 2013 entdeckte glymphatische System, ein lymphähnliches System im Gehirn, das der nächtlichen Elimination von Schadstoffen dient. Die Glymph-Kanäle schmiegten sich eng an venöse und ­arterielle Gefäße im Gehirn an und würden durch deren pulsierende Bewegungen quasi ausgewrungen. Letztlich erfolge ein Abtransport von Stoffen über die Blutbahn. Benzodiazepine unter­drückten das nächtliche »Aufräumen im Gehirn«.

 

Der Psychiater wies auch auf die ­Gefahr der Abhängigkeitsentwicklung hin. Gemäß der S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen sei eine kurzzeitige Gabe – maximal vier Wochen – von Benzodiazepinen und Z-Substanzen möglich; bei längeren Zeiträumen lasse die Wirkung nach und das Risiko einer Abhängigkeit steige. Da Benzodiazepine den REM-Schlaf unterdrücken, können sie hilfreich sein bei REM-assoziierten Störungen, die zu den Parasomnien zählen. Mitunter treten diese als Vorboten eines Morbus Parkinson oder einer Demenz auf.

 

Empfehlenswerte Mittel

 

Welche pharmakologischen Alternativen gibt es bei Insomnien? Förstl empfahl das Antipsychotikum Quetiapin. Auch das Antidepressivum Mirtazapin helfe in niedriger Dosierung und erzeuge keine Abhängigkeit, erklärte der Psych­iater. Anders Gabapentin und Pregaba­lin: Patienten mit neuropathischen Schmerzen können vielleicht besser schlafen, aber auch abhängig werden.

 

Kritisch äußerte sich Förstl zu ­Orexin-Rezeptor-Antagonisten wie ­Suvorexant. Sie können zwar Schlafzeit und -qualität verbessern, aber auch kog­nitive und Verhaltensstörungen auslösen, eine depressive Stimmungslage verschlechtern und hypnagoge und hypnopompe (in den Schlaf hineinleitende und ausleitende) Halluzinationen auslösen. Es könne zu Narkolepsie-ähnlichen Zuständen kommen.

 

Für andere Mittel wie Antihistamin­ika, Phytopharmaka und Homöopathika ist die Datenlage laut Leitlinie unzureichend. Förstl bezeichnete sie dennoch als gute Hilfen, wenn Apotheker die Abgabe mit Beratung und Psycho­edukation verbinden.

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