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Tuberkulose-Therapie

Komplex und zeitaufwendig

24.01.2017  14:30 Uhr

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will die Tuberkulose bis spätestens 2030 weltweit ausrotten. Dass dieses Ziel erreicht wird, muss allerdings bezweifelt werden. Aktuelle Zahlen und die Prinzipien der Tuberkulose-Therapie stellte Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt am Main vor.

Laut WHO-Schätzungen liegt die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen an Tuberkulose bei 10,4 Millionen. An Tuberkulose sterben jährlich 1,8 Millionen Menschen. 60 Prozent aller Tuberku­lose-Fälle treten in sechs Ländern auf: China, Indien, Indonesien, Nigeria, Pakistan und Südafrika, informierte Schubert-Zsilavecz. Deutschland zähle dagegen zu den Niedriginzidenz-Ländern. Allerdings ist auch hierzulande ein Anstieg der Tuberkulose-Fälle zu verzeichnen – von 4210 Diagnosen im Jahr 2012 auf 5835 im Jahr 2015.

 

Resistenzrate steigt

 

Laut dem Referenten ist auch die Entwicklung von Resistenzen bei Mycobacterium tuberculosis besorgniserregend. So erkrankten nach WHO- Schätzung jährlich 440 000 Patienten durch multiresistente Stämme, 150 000 Menschen sterben daran. Das heißt, die Letalität bei komplexen Resistenzen ist deutlich erhöht. Schubert-Zsilavecz betonte, dass nur 20 Prozent aller Patienten, die eine Behandlung gegen multiresistente Stämme benötigen, diese auch erhalten.

 

Eine Tuberkulose-Infektion wird immer mit einer Arzneistoffkombination behandelt. Der Pharmazeutische Chemiker nannte die Gründe dafür: Zum einen unterscheidet sich die Wirksamkeit der Arzneistoffe abhängig vom pH-Wert und der Sauerstoffsättigung des Gewebes in der tuberkulösen Läsion; zum anderen ist es sinnvoll, Wirkstoffe mit verschiedenen Angriffspunkten im Vermehrungszyklus der Erreger zu kombinieren. Zudem werde dadurch der Resistenzentwicklung durch Spontanmutation in der Bakterienpopu­lation entgegengewirkt.

 

Es sei davon auszugehen, dass die Kombinationstherapie zu einer synergistischen und nicht nur zur additiven Wirkungsverstärkung führt, so Schubert-Zsilavecz. In der zweimonatigen Initialphase sei es wichtig, die Erregerzahl und somit auch die Ansteckungsfähigkeit des Erkrankten schnell zu senken. Daher wird über die ersten zwei Monate der Standardtherapie mit vier Arzneistoffen behandelt, den Erstrangsubstanzen Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol. Daran schließt sich eine viermonatige Kontinuitätsphase mit Isoniazid und Rifampicin an.

 

Zu allen genannten Wirkstoffen gibt es aus Apothekersicht wichtige Aspekte zu bedenken. Durch die Einnahme von Isoniazid kann es zum Beispiel zu einem Mangel an Vitamin B6 kommen, sodass unter Umständen Pyridoxin substituiert werden muss. Rif­ampicin ist ein starker Enzyminduktor, der zudem Körperflüssigkeiten rot färbt. Pyrazinamid kann eine Hyperurikämie und infolgedessen einen akuten Gichtanfall auslösen. Vor einer Therapie mit Ethambutol sollte wegen der Gefahr einer sogenannten retrobulbären Neuritis eine augenärztliche Untersuchung erfolgen, die im Abstand von zwei bis acht Wochen zu wiederholen ist. Schubert-Zsilavecz: »Wegen der Erblindungsgefahr muss Ethambutol bei Sehstörungen sofort abgesetzt werden.« Erstes Zeichen einer Neuritis sei in der Regel eine Rot-Grün-Farbsehschwäche.

 

Empfehlungen aktualisiert

 

Im Mai 2016 hat die WHO neue Empfehlungen zur Behandlung der multi­resistenten Tuberkulose veröffentlicht. Dazu zählt eine vier- bis sechsmona­tige Therapie mit Kanamycin, Moxifloxacin, Protionamid, Clofazimin, Pyrazin­amid, Isoniazid und Ethambutol, gefolgt von Moxifloxacin, Clofazimin, Pyrazinamid und Ethambutol über fünf Monate.

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