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Otitis media

Analgetika statt Antibiotika

24.01.2017
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Eine akute Entzündung des Mittelohrs ist im Kindesalter der häufigste Grund für Ohrenschmerzen. Die Erkrankung verläuft in der Regel komplikationslos, geht aber mit heftigen Schmerzen einher. Die Leitlinien empfehlen daher vorrangig Analgetika.

»Der Gehörgang ist das Schienbein des Kopfes« sagte Dr. Hans Michael Mühlenfeld. Bei beiden liegen die Schmerzrezeptoren offen und sind nicht geschützt von Muskeln, so der niedergelassene Hausarzt aus Bremen. Das erkläre, warum eine Entzündung des Ohres, wie eine Otitis media, häufig mit starken Schmerzen einhergehe. »Starke Schmerzen bedeuten aber nicht große Gefahr.«

 

Die Ursachen von Ohrenschmerzen sind vielfältig und unterscheiden sich bei Kindern erheblich von denen bei Erwachsenen. Während bei Erwachsenen in der Regel Funktionsstörungen oder Reizungen im Kiefergelenk im Vordergrund stehen, sind Ohrenschmerzen bei Kindern häufig das Leitsymptom einer akuten Mittelohrentzündung. Deren leitliniengerechte Behandlung stellte Mühlenfeld anhand eines Fallbeispiels aus seiner Praxis vor.

 

Antibiotikum erst nach 48 Stunden

 

Ein Fünfjähriger hat seit ein paar Tagen Husten und Schnupfen und nun tut ihm plötzlich das linke Ohr weh. Da der Kinder- oder Hausarzt in der Regel nicht differenzieren kann, ob die Entzündung viraler oder bakterieller Genese ist, empfiehlt die Leit­linie, symptomorientiert vorzugehen. So bekommt das Kind gegen die Schmerzen Paracet­amol oder Ibuprofen. »Beide Analgetika sind gleich gut wirksam und verträglich«, sagte Mühlenfeld. Zudem könne ein Versuch mit abschwellenden Nasentropfen unternommen werden, wobei hierfür nur eine geringe Evidenz vorliege. Wichtig sei auch, dass der Junge sich schont und ausreichend trinkt.

 

Die sofortige Antibio­tika-Gabe ist nicht empfohlen, da Studien zufolge etwa 80 Prozent der Patienten ohne Antibiotika wieder beschwerdefrei werden und sich auch keine Unterschiede im Krankheitsverlauf gezeigt haben. Laut Leit­linie sollten die nächsten 24 bis 48 Stunden abgewartet werden und den Eltern ein Rezept über ein Antibiotikum in Reserve ausgehändigt werden. Sie sollten darüber aufgeklärt werden, dieses erst nach 48 Stunden einzulösen oder falls das Kind sich erbricht oder hohes Fieber bekommt.

 

Klagt das Kind nach 48 Stunden noch immer über Schmerzen, ist ein Antibiotikum indiziert. Mittel der Wahl ist Amoxicillin in einer Dosierung von 50 mg pro kg Körpergewicht über sieben Tage. Als zweite Wahl kommen Cephalospo­rine der zweiten Genera­tion wie Cefuroxim-Axetil mit täglich 20 bis 30 mg pro kg Körpergewicht für fünf bis zehn Tage infrage. Makrolide wie Erythromycin sollten lediglich bei Vorliegen einer Peni­cillin-Allergie zum Einsatz kommen. Ein sofortiger Beginn der Antibiose ist laut Leitlinie angezeigt bei Kindern unter zwei Jahren mit beidseitigen Beschwerden oder rezidivierenden Infekten. »Auch bei Kindern mit hohem Fieber und Erbrechen kann eine sofortige Antibiose in Erwägung gezogen werden«, ergänzte Mühlenfeld. Husten sei übrigens kein Prädiktor.

 

Bei jüngeren Kindern zwischen 6 und 24 Monaten mit wenig ausgeprägten Krankheitssymptomen sieht die Leit­linie eine leicht modifizierte Vorgehensweise vor. Auch hier werden gegen die Schmerzen Paracetamol oder Ibuprofen empfohlen. Von einer sofortigen Antibiotika-Gabe wird abgesehen, wenn eine Wiedervorstellung am nächsten Tag gewährleistet ist. Ansonsten wird alternativ mit Amoxicillin für sieben Tage beziehungsweise Cefuroxim-Axetil für fünf bis zehn Tage begonnen. Säuglinge bis sechs Monate sollten in die Pädiatrie überwiesen werden.

 

Seltene Komplikation Mastoiditis

 

Zuletzt appellierte Mühlenfeld an seine Kollegen, ihre Entscheidung zur Antibiotika-Verordnung nicht vor dem Hintergrund der Gefahr einer Mastoiditis zu treffen. Dabei handelt es sich um eine eitrige Entzündung des Knochens hinter dem Ohr, eine gefürchtete, aber seltene Komplikation der akuten Mittelohrentzündung. Aktuell werde zwar über eine Zunahme der Inzidenz berichtet und in diesem Zusammenhang auch ursächlich der »Watch and wait«-Ansatz bei der Antibiose diskutiert. Laut Mühlenfeld sprechen die Fakten aber dagegen. Die Zahl der Mastoiditisfälle in Allgemeinarztpraxen habe in den Jahren von 1993 bis 2003 von 9,4 auf 7,6 pro 100 000 Kinder abgenommen.

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