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Podiumsdiskussion

Apotheker wollen durchstarten

27.01.2016  09:23 Uhr

Von Daniel Rücker, Schladming / Die deutschsprachigen Apotheker gehen in die Offensive. In einer Diskussionsrunde während des Pharmacon Schladming kündigten die Präsidenten der Berufsorganisationen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol an, mit mehr patientenorientierten Dienstleistungen ihr Tätigkeitsfeld weiter auszubauen.

Die vier Präsidenten waren sich einig: Bei der Ausweitung des eigenen Tätigkeitsfeldes werden die Apotheker vor allem mehr patientennahe Dienstleistungen anbieten – auch wenn dies bei den Ärzten womöglich nicht gut ankommt. Der Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, Max Wellan, sieht einen klaren Auftrag für die Apotheker, die Patienten kompetent und umfassend zu beraten. Die Apotheker seien eine Berufsgruppe, zu der die Menschen starkes Vertrauen hätten, sagte der Kammerpräsident.

Die deutschen Apotheker wollen sich stärker in der Arzneimitteltherapie­sicherheit (AMTS) engagieren. »Die Verbesserung von AMTS ist eine unserer zentralen Aufgaben«, konstatierte der Präsident der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer. Die Basis für eine bessere Arzneimitteltherapiesicherheit sei das von Ärzten und Apothekern gemeinsam verantwortete Medikationsmanagement. Nach Kiefers Vorstellungen wird der mit dem E-Health-Gesetz eingeführte Medikationsplan auf Papier ab dem Jahr 2018 digital geführt und dann im Rahmen der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) eingesetzt werden.

 

Der Südtiroler Kammerpräsident Maximin Liebl will in der Region Dienstleistungen wie einen Medikations-Check oder Impfungen etablieren. Denkbar sei es auch, in den Apotheken Krankenschwestern einzustellen, die Patienten Injektionen verabreichen können, sagte er.

 

Die Apotheker in der Schweiz sind noch einen Schritt weiter. Wie der ehemalige Präsident des Schweizerischen Apothekerverbands Pharmasuisse, Dominique Jordan, ausführte, dürfen Apotheker dort schon seit einiger Zeit impfen. Darüber hinaus sind sie auch berechtigt, häufige Krankheiten zu behandeln und sich in der Gesundheitsförderung zu engagieren. Bei den Ärzten kommt dies schlecht an. Jordan: »Die Ärzte würden am liebsten sogar verhindern, dass wir Patienten den Blutdruck messen.«

 

Dispensierrecht

 

Allerdings zahlen die schweizerischen Apotheker dafür einen ziemlich hohen Preis. In vielen Regionen der Schweiz haben die Ärzte ein Dispensierrecht. Jordan bezeichnet dies als das größte Problem der Apotheker. Schwierigkeiten haben aber auch die Kollegen in Südtirol. Dort hat die Regierung begonnen, die von der Europäischen Union geforderte Deregulierung des Marktes voranzutreiben. Deshalb wird es in Zukunft Fremd- und Mehrbesitz in Italien geben. Etwas abgeschwächt wird diese Maßnahme allerdings durch die Vorgabe, dass jeder Apothekenleiter einen Anteil von mindestens 51 Prozent an seinem Betrieb behalten muss.

 

Bei Retaxationen sind die Apotheker in Deutschland eindeutig in der schlechtesten Situation. Seit Jahren überziehen Krankenkassen die Apotheker auch wegen kleinster formaler Fehler mit Nullretaxierungen. Für die Kos­tenträger ist dies eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle. In den anderen deutschsprachigen Ländern agieren Kassen weniger brachial. Retaxierungen auf null, auch wenn der Patient pharmazeutisch korrekt versorgt wurde, gibt es in den Nachbarländern nicht.

 

»Die aktuelle Situation schafft ein Klima des Misstrauens«, sagte Kiefer. Dabei wurde deutlich, dass die Krankenkassen in den Nachbarstaaten weitaus stärker an einer Zusammenarbeit mit den Apothekern interessiert sind als in Deutschland. Retax-Terror ist offenbar eine deutschlandexklusive Angelegenheit.

 

»Wir haben ein gutes Einvernehmen mit den Krankenkassen«, sagte Wellan. Fehlerhafte Rezepte könnten im Nachhinein als »behebbarer Mangel« korrigiert werden. Liebl und Jordan zeigten sich ebenfalls mit der Zusammenarbeit von Kassen und Apothekern in ihrem Land zufrieden. »Wir haben keine großen Probleme mit den Krankenkassen«, konstatierte Liebl. Laut seinem österreichischen Kollegen Wellan haben die heimischen Kassen überhaupt keine Möglichkeit, die Rezepte willkürlich auf null zu retaxieren. Die Apothekenleiter rechneten alle Rezepte direkt über die sogenannte Gehaltskasse ab, eine von den Apothekern eingerichtete Institution.

 

Unklare Lösung

 

Wann es in Deutschland eine akzeptable Lösung für Nullretaxierungen geben wird, ist laut Kiefer noch offen. Ein Schlichterspruch im aktuellen Schiedsverfahren sei für das Frühjahr zu erwarten. Was dabei herauskomme, sei aber noch unklar. Sicher ist, dass es nicht noch schlechter werden kann. Ob es aber ein Ergebnis geben wird, das sowohl Apotheker als auch Krankenkassen mitttragen, ist unklar. /

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