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Großbritannien

Schlechte Versorgung

24.01.2012
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Von Arndt Striegler, London / Die schlechte wirtschaftliche Lage Großbritanniens belastet das Sozialsystem des Landes. Innovative Arzneimittel werden deshalb seltener verordnet als therapeutisch wünschenswert. Auch nicht-medikamentöse Therapien fallen dem Rotstift zum Opfer.

Großbritannien erleidet gegenwärtig die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Das belastet auch den staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS). Ärzteverbände und Patientenorganisationen klagen seit Monaten über die immer neuen Sparmaßnahmen in Arztpraxen und Kliniken. Auch bei Apothekern steigt die Sorge. Nach einer PZ-Umfrage bei Londoner Apothekern erwartet die Mehrzahl für 2012 Umsatzverluste als Folge der Sparmaßnahmen.

Jetzt meldete sich der Chef der britischen Pharma-Evaluierungsbehörde (National Institute of Clinical Excelence, NICE), Professor Sir Michael Rawlins, zu Wort. Er forderte die Patienten auf, vor Gericht zu ziehen, sollte der behandelnde Arzt nicht die richtigen Arzneimittel verschreiben. Er wünsche sich, dass »Patienten den Mut aufbringen, ihre Klinik zu verklagen«, sollte ihnen ein Arzneimittel aus Kostengründen versagt werden, sagte der NICE-Chef. NICE evaluiert regelmäßig neue Arzneimittel und Therapien, wobei die Kosteneffizienz ein wichtiges Kriterium ist.

 

Rawlins Äußerungen sorgen in Großbritannien für Schlagzeilen. Britische Medien berichten, dass zahlreiche Gesundheitsverwaltungen und NHS-Kliniken aus Kostengründen immer mehr innovative Medikamente auf sogenannte Schwarze Listen stellen. Auf diesen finden sich Präparate wieder, die nicht verordnet werden dürfen. Oftmals stehen diese Listen in direktem Widerspruch zu den NICE-Empfehlungen. Aus Kostengründen verweigern Gesundheitsbehörden den Patienten vom NICE empfohlene Arzneimittel.

 

NICE ist in den vergangenen Jahren mehrfach sowohl von der Pharmaindustrie als auch von britischen Apotheker- und Patientenverbänden kritisiert worden, weil bestimmte neue Arzneimittel von NHS-Ärzten nicht zur Verordnung empfohlen wurden. Industrievertreter sprechen in diesem Zusammenhang immer wieder von einer »zusätzlichen Zulassungsschranke«. »NICE gilt eher als Feind der Patienten«, so eine Sprecherin der »Patients Association« (PA). Umso erstaunlicher sind die jüngsten Äußerungen des NICE-Chefs. Allerdings haben NICE-Richtlinien lediglich Empfehlungscharakter, sind also nicht bindend für die Ärzteschaft.

 

Wie unterschiedlich NHS-Kliniken und Gesundheitsverwaltungen an Therapien sparen, zeigt sich in der Onkologie. Während manche Einrichtungen jährlich durchschnittlich bis zu 174 Euro pro Patient für onkologische Versorgungsangebote ausgeben, bezahlen andere Einrichtungen lediglich 123 Euro. In anderen Indikationen gibt es ähnlich große Diskrepanzen.

 

Experten in Großbritannien rechnen damit, dass die Wirtschaftsflaute und Eurokrise auch 2012 für Budgetkürzungen im NHS sorgen wird. »2012 dürfte für den NHS und für die Gesundheitsberufe ebenso schwierig werden wie 2011«, sagte ein Sprecher des britischen Apothekerverbandes (Royal Pharmaceutical Society, RPS) in London. /

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