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Demografie

Die Hundertjährigen kommen

14.01.2014
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Von Ulrike Abel-Wanek / In Deutschland lebten 2010 über 13 000 Menschen im Alter von hundert Jahren oder mehr, zehn Jahre zuvor waren es noch weniger als 6000. In einigen Regionen hat sich die Anzahl der Hochbetagten in diesem Zeitraum nicht nur mehr als verdoppelt, sondern verdreifacht. Forschungsergebnisse der Universität Heidelberg zur Lebenssituation sehr alter Menschen sind jetzt in einer Publikation veröffentlicht worden.

Nicht erst seit dem Verkaufserfolg des Buches »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« ist klar, dass sich in unserer Gesellschaft etwas verändert. Der Roman eroberte 2012 die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste und erzählt die Geschichte des hundertjährigen Allan Karlsson, der genug hat vom Altenwohnheim und das Abenteuer sucht. »Er hat noch alle Fünf beisammen und sein Körper weigert sich, das Zeitliche zu segnen« – dieses Phänomen der immer fitteren Alten ist nicht nur Romanstoff, sondern auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. 

 

Die zweite Heidelberger Hundertjährigen-Studie, die mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung und der Dietmar-Hopp-Stiftung zwischen 2011 und 2013 durchgeführt wurde und deren Befunde jetzt in einer Publikation vorliegen, hatte zum Ziel, ein umfassendes Bild der Hundertjährigen und ihrer Lebenssituation in Deutschland zu ermitteln – speziell unter sozialwissenschaftlichen und psychologischen Aspekten. Frühere und auch gegenwärtige Forschungen konzentrieren sich vor allem auf genetische, medizinische und physiologische Aspekte und nicht so sehr darauf, wie die Lebensqualität sehr alter Menschen tatsächlich aussieht. So bestehen zum Beispiel auch keine klaren Vorstellungen darüber, welche Aufgaben auf den Einzelnen und die Gesellschaft zukommen werden. Die kontinuierliche Zunahme der Hundertjährigen gilt aber nicht nur als Indikator für die weitere gesellschaftliche Entwicklung, ein wenig differenzierter öffentlicher Diskurs zur Lebenssituation der Hochbetagten führt auch dazu, dass Alter ausschließlich mit Gebrechlichkeit, kognitiven Defiziten und Einsamkeit assoziiert wird, was die Angst vorm Älterwerden schürt und der Altersdiskriminierung Vorschub leistet.

 

Heutige Hundertjährige sind gesünder und geistig fitter als die Hundertjährigen, die in einer bereits 2001/2002 durchgeführten ersten Heidelberger Hundertjährigen-Studie befragt wurden. Beide Untersuchungen waren populationsbasiert und repräsentativ für Deutschland. Die heute Hochbetagten konnten nicht nur besser ihre Geldangelegenheiten regeln, Mahlzeiten zubereiten oder telefonieren. Auch ihre kognitive Leistungsfähigkeit hatte sich verbessert. Erreichte um 1900 fast niemand seinen hundertsten Geburtstag, hat heute statistisch jedes zweite nach 2000 in Deutschland geborene Kind gute Chancen, hundert zu werden. Dass immer mehr Menschen dieses Alter erreichen, heißt aber nicht, dass sie deshalb automatisch stärker eingeschränkt sind. Dennoch darf man dabei nicht, übersehen, dass auch viele Hundertjährige gesundheitlich belastet sind. Jeder Dritte der Befragten erhielt Pflegestufe II, jeder zehnte Pflegestufe III. Und mehr als ein Drittel war kognitiv deutlich eingeschränkt oder von Demenz betroffen. Bei den Gesundheitsbeschwerden waren Seh- und Höreinbußen, gefolgt von Stürzen, besonders ausgeprägt. Im Durchschnitt hatte jeder Hundertjährige vier Erkrankungen.

 

Trotz Einschränkungen äußerten sich 80 Prozent der Befragten jedoch zufrieden über ihr Leben. Kontrolle über ihren Alltag und ihre Entscheidungen zu behalten, Optimismus und Lebenswille waren den Senioren dabei deutlich wichtiger für ihre Lebensqualität als Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit. Entgegen der oft anzutreffenden Erwartung, dass sehr alte Menschen zumeist auf umfassende Hilfe in Pflegeeinrichtungen angewiesen sind, lebten 59 Prozent der in der Heidelberger Studie Befragten in Privathaushalten, ein Drittel von ihnen ganz allein. Häufig betreuen die eigenen Kinder die Senioren, für die meisten der Befragten waren Sohn oder Tochter die Hauptbezugspersonen. Deutlich zeigt die Studie ein neues und weiter um sich greifendes Phänomen: Nicht nur die Zahl der Hochaltrigen nimmt zu. Auch die pflegenden Kinder kommen in die Jahre. 54 Prozent der Hundertjährigen hatten ein Kind im Alter von über 70 Jahren.

 

Lebensqualität trotz Einschränkungen

 

Wie geht es weiter mit dem Wandel? Wurden früher nur besonders widerstandsfähige Menschen hundert Jahre alt, so erlaubt der medizinische Fortschritt heute auch weniger robusten Menschen ein sehr langes Leben – mit der Folge von mehr Krankheiten und Einschränkungen. Wissenschaftler diskutieren aber auch ein anderes Szenario: Obwohl immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter erreichen, könnte es sein, dass diese aufgrund besserer Lebensbedingungen, eines gesünderen Lebensstils und einer verbesserten medizinischen Versorgung in besserer körperlicher und geistiger Verfassung sind als frühere Geburtsjahrgänge.

 

Die Ergebnisse der zweiten Heidelberger Studie zeigen, dass neue He-rausforderungen im Leben mit sehr alten Menschen auf die Gesellschaft zukommen werden. Gefragt sind neue Pflege-, Betreuungs- und Wohnmodelle ebenso wie Konzepte für den Umgang mit Sterben und Tod und die Beziehungen zwischen Hundertjährigen und ihren selbst alt gewordenen Kindern. Deutlich macht die Studie aber auch, dass sich gesundheitliche Einschränkungen ebenso wie Verluste nur bedingt auf das Wohlbefinden sehr alter Menschen auswirken, und dass diese Lebensphase noch Stärken und Potenziale haben kann. Das bisher vorherrschende Bild vom hohen Alter als ausschließlichem Abbauprozess entpräche demnach einem Stereotyp, das auf den Prüfstand gehört. /

Studienergebnisse

Informationen zur Hundertjährigen-Studie:
http://www.gero.uni-heidelberg.de/forschung/hd100ii.html

 

Hier steht auch die Broschüre »Versorgung und Pflege hochaltriger Menschen: Hinweise aus der Heidelberger Hundertjährigenstudie« zum Download zur Verfügung, die die Studienergebnisse zusammenfasst und pflegenden Angehörigen Hilfestellungen bieten kann.

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