Pharmazeutische Zeitung online
Biotechnologie

Forschungsstarker Branche fehlt Geld

17.01.2012  15:27 Uhr

Von Werner Kurzlechner, Berlin / Die Zulassung des Keratose-Medikaments Ameluz von Biofrontera ist ein großer Erfolg für die reinen Biotechnologie-Firmen aus dem Mittelstand. Insgesamt startet die Branche aber nur verhalten optimistisch ins Jahr. Noch fehlen 200 Millionen Euro zum Weiterführen laufender Projekte.

Frei von Sorgen sind die deutschen Biotechnologie-Firmen derzeit keineswegs. Momentan nur spärlich fließendes Wagniskapital, die Risikoscheu der Kooperationspartner aus der pharmazeutischen Industrie und sich verschärfende Finanzierungssorgen bereiten vielen Unternehmen Kummer.

 

Der überschäumende Optimismus ist verflogen

 

So lautete der Tenor einer Veranstaltung von Bio Deutschland diese Woche in Berlin. Der Branchenverband vertritt 280 mittelständische Firmen und präsentierte gemeinsam mit dem Fachmagazin »Transkript« eine Umfrage zur aktuellen Lage. Obwohl der überschäumende Optimismus des Vorjahres verflogen ist, fallen weder der Rückblick auf 2011 noch der Ausblick auf 2012 gänzlich trübe aus.

Im Vergleich zum Vorjahr verschlechterten sich in der Umfrage unter 225 Unternehmen die Parameter, die Zukunftserwartungen beinhalten. Die zukünftige Geschäftslage schätzen die Befragten mit einem Index-Wert von 92 weniger günstig ein als im Vorjahr, als fast 98 Punkte ermittelt wurden. Normiert sind alle Ergebnisse auf den Vergleichswert der ersten Erhebung vor fünf Jahren, der mit 100 Punkten beziffert wird. Die Gründe für den Rückgang seien die unsichere Konjunkturlage und Refinanzie­rungszwänge in vielen Unternehmen, sagte Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender von Bio Deutschland.

 

Etwa 200 Millionen Euro fehlten aktuell, um sämtliche begonnenen Projekte aufrecht­zuerhalten. Mehr als acht Prozent der Firmen bezeichnen ihre Situation in der Umfrage als »ungünstig«. Um zwei Punkte gesunken ist gegenüber dem Vorjahr auch die Bereitschaft, in Forschung und Entwicklung zu investieren.

 

Weniger Firmen wollen mehr in Forschung stecken

 

»Die Firmen haben inzwischen gelernt, sich nicht zu schnell aufzublähen«, interpretierte Heinrich den Befund, der gleichwohl auf weiter steigende Investitionen in diesem Bereich hindeutet.

 

Während 56 Prozent ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung konstant halten wollen, planen zwei Fünftel eine Aufstockung. Im Vorjahr waren das noch 46 Prozent.

 

In der Einschätzung zur zukünftigen Beschäftigungslage hat sich kaum etwas verändert. 60 Prozent der Befragten wollen neuen Jobs schaffen, nur vier Prozent planen einen Abbau von Arbeitsplätzen. Im Jahr 2010 beschäftigten laut Branchenjahrbuch 538 dedizierte Biotech-Unternehmen deutschlandweit fast 15 500 Mitarbeiter, generierten zusammen 2,37 Milliarden Euro Umsatz und gaben 1,02 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus.

 

Biofrontera bringt Ameluz im Februar auf den Markt

 

Bei allen Zukunftssorgen: Die aktuelle Geschäftslage beurteilen die Firmen sogar leicht besser als vor einem Jahr. So fehlten in der Rückschau von Transkript-Herausgeber Andreas Mietzsch die Erfolgsmeldungen nicht. Viele Firmen schreiben schwarze Zahlen, Biofrontera erhielt im Dezember die Zulassung für das Medikament Ameluz zur Behandlung der aktinischen Keratose.

 

Es ist erst die neunte Zulassung für ein reines Biotech-Unternehmen hierzulande. Das Präparat soll im Februar auf den deutschen Markt kommen. »Die Quellen an Venture Capital sind allerdings weitgehend versiegt«, so Mietzsch. Flossen im Jahr 2010 noch 650 Millionen Euro an Wagniskapital in die Branche, seien es im vergangenen Jahr – auch wegen der Schuldenkrise – nur 141 Millionen Euro gewesen.

 

Zudem hätten die wenigen hiesigen Investoren wie SAP-Gründer Dietmar Hopp oder die Gebrüder Strüngmann (Hexal-Gründer) die Schatulle 2010 derart großzügig geöffnet, dass ähnliche Zahlen vorerst ohnehin nicht zu erwarten seien. Immerhin siedelten sich laut Heinrich unlängst mehrere Fonds aus dem Benelux-Raum im Großraum München an, was die Hoffnungen auf frisches Geld nährt.

 

Zudem mildern diverse neue Fonds und die zweite Auflage des Hightech-Gründerfonds mit 288, 5 Millionen Euro den Wegfall des Risikokapitals etwas. Mietzsch wähnt die Branche ohnehin auf dem Weg zu mehr Solidität auf Basis stabilerer Geschäftsmodelle. Im internationalen Vergleich seien die USA zwar kaum zu überholen, so Heinrich. Aber in Europa habe die Bundesrepu­blik mittlerweile Großbritannien als Nummer eins überflügelt. Wegen der Forschungsstärke der Biotechnologie-Firmen und der nur schlecht gefüllten Pipeline vieler Pharmakonzerne gehe er auch künftig von erfolgreichen Kooperationen aus.

 

»Pharmafirmen treten rasch den Rückzug an«

 

Die Biotech-Vertreter kritisierten, dass die Pharmaunternehmen bei ausbleibendem schnellen Erfolg rasch den Rückzug anträten. So beendeten 2011 Roche und Pfizer ihre RNA-Interferenz-Forschung. Das war das Aus für Standorte in Kulmbach und Düsseldorf. /

Mehr von Avoxa