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Willmar Schwabe zum 100. Todestag

Apotheker und Fabrikant

03.01.2017  13:44 Uhr
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Von Christoph Friedrich / Am 8. Januar 1917 verstarb Willmar Schwabe, der in Leipzig ein Unternehmen zur Herstellung von Homöopathika und pflanzlichen Arznei­mitteln begründete. Nach seinem Umzug nach Karlsruhe befindet es sich bis heute in Familienbesitz und gehört zu den führenden deutschen Phytopharmaka-Herstellern. Willmar Schwabe begründete einen eigenen Verlag und verfasste eine homöopathische Pharmakopöe.

Willmar Schwabe wurde am 15. Juni 1839 in Auerbach im Vogtland geboren. Sein Vater war der Apotheker Carl Robert Schwabe (1809 bis 1854), die Familie lebte seit dem 18. Jahrhundert in Leipzig. Wie später Willmar Schwabe, hatte bereits sein Vater an der Leipziger Universität studiert und zudem Teile seiner Lehrzeit bei Heinrich Adolph Täschner (1796 bis 1868) absolviert, der 1836 gemeinsam mit zwei anderen Leipziger Apothekern die Homöopathische Centraloffizin eröffnete. Willmars Vater zählte 1834 zu den Gründern der Großhandlung Gehe und dürfte an seinen Sohn unternehmerische Erfahrungen weitergegeben haben. 1836 erwarb er die Apotheke in Auerbach, wo Willmar geboren wurde und auch die Volksschule besuchte. 1851 setzte dieser seine schulische Ausbildung an der Realschule in Dresden fort, die er allerdings mit 14 Jahren verließ.

 

Exportgeschäft und Apotheke

1853 begann Willmar Schwabe seine Lehrzeit in der Marien-Apotheke bei Otto Eder. Eder und auch der ihn betreuende Friedrich Meurer (1792 bis 1865) sorgten für eine hervorragende Ausbildung. Nach der Gehilfenprüfung war Schwabe in Bielefeld bei Ludwig Adolph Aschoff (1807 bis 1861), einem der Direktoren des »Apothekervereins im nördlichen Teutschland«, tätig. 1861 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, wo er unter anderem bei den Chemikern Otto Bernhard Kühn (1800 bis 1863) und Otto Linné Erdmann (1804 bis 1869) sowie dem Apotheker Christoph Heinrich Hirzel (1828 bis 1908) studierte. Ihren Einfluss auf seine weitere wissenschaftliche Entwicklung belegen Schwabes Vorlesungsmitschriften, die sich im Staatsarchiv Leipzig befinden. 1862 legte er das Staatsexamen mit der Bestnote ab und wurde ein Jahr später mit einer phytochemischen Arbeit »Ueber Chinoidin und β-Cinchonin« in Jena promoviert. Die chemischen Untersuchungen hatte Schwabe bereits während seiner Lehrzeit in Dresden durchgeführt und Teilergebnisse 1860 im »Archiv der Pharmazie« veröffentlicht. Da der Dekan, der Historiker Wilhelm Adolf Schmidt (1812 bis 1887), ihm mitgeteilt hatte, dass »die philosophische Doktorwürde an keinen unselbständigen Apotheker erteilt werde«, antwortete Schwabe, dass er auf der Suche nach einer selbständigen Stelle wäre, »sei es nun eine Apotheke oder eine chemische Fabrik«. Dies zeigt, dass er schon 1862 die Absicht hatte, wirtschaftlich selbständig zu werden.

 

1863 übernahm Schwabe aber zunächst als Administrator die Verwaltung der Homöopathischen Central-Apotheke Täschner & Co. in Leipzig. Der Bezirksarzt Dr. Hugo Sonnenkalb (1816 bis 1887) bescheinigte ihm, dass er »zur selbständigen Leitung einer Apotheke« befähigt sei und »sich sehr schnell in die Darstellung der homöopathischen Heilmittel« eingearbeitet habe. Bereits 1865 gab Schwabe seine Stelle auf und bat um Erlaubnis, ein eigenes Grosso- und Exportgeschäft für homöopathische Heilmittel errichten zu dürfen. Er erklärte, dass dies keine Konkurrenz zu seiner bisherigen Arbeitsstelle sein solle, sondern er wolle vielmehr »Essenzen und Tincturen nach homöopathischen Principien« im Großen herstellen, die zur Abgabe an Apotheker und für den Export nach Frankreich, England und Amerika bestimmt waren. Dies zeigt, dass bereits der 26-jährige Schwabe den Export seiner Arzneimittel vorsah.

 

Schon bald entbrannte ein Streit mit Schwabes ehemaligen Arbeitgebern, denn er verfolgte von Anfang an das Ziel, neben der Großherstellung auch eine homöopathische Apotheke zu errichten. Sein Gesuch wurde zunächst abgelehnt, aber dank seiner Beharrlichkeit erhielt er 1870 schließlich die lang ersehnte Konzession zur Errichtung einer homöopathischen Apotheke, der »Homöopathischen Central-Apotheke zum Samuel Hahnemann«, für seine Person.

 

Pionier der Tablettenherstellung

 

Die von ihm 1882 in die Querstraße 5 verlegte Apotheke war zugleich Ort der Großherstellung, wobei man die Produkte in die ganze Welt lieferte. Schwabes Erfolg beruhte zum einen auf seinen strengen Maßstäben bei der Herstellung der homöopathischen Präparate, die teilweise noch über die Samuel Hahnemanns (1755 bis 1843) hinausgingen. Andererseits nutzte er aber auch neue Verfahren, die er wirtschaftlich zu gestalten suchte. Schwabe zählt zu den Pionieren der Tablettenherstellung und produzierte bereits 1890 »homöopathische Arznei-Tabletten«.

1878 kaufte Willmar Schwabe die lange als Konkurrenz bekämpfte »Homöopathische Central-Apotheke Täschner & Co.« am Thomaskirchhof, und zwei Jahre später die »Firma A. Marggraf, homöopathische Offizin«. Er besaß nun ein Monopol für die Abgabe homöopathischer Arzneimittel in Leipzig. Neben dem Fabrikationsbetrieb bildeten die Apotheken eine zweite Säule seiner Tätigkeit.

 

1872 veröffentlichte Schwabe seine »Pharmacopoea homoeopathica polyglottica« und bemühte sich um ihre Anerkennung als allgemein verbindliches Arzneibuch in Deutschland. Er wandte sich sogar an den Kanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) und bat diesen um Unterstützung. Während Schwabes Pharmakopöe, von der 1901 bereits die fünfte Ausgabe erschien, in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern verwendet wurde, erwiesen sich die Vertreter des Deutschen Apotheker-Vereins als erbitterte Gegner, sodass der Versuch des geschickt agierenden Unternehmers Schwabe, ein Firmen-Arzneibuch als amtliches anerkennen zu lassen, scheiterte. Erst das von seinem gleichnamigen Sohn verfasste Arzneibuch wurde 1934 in Deutschland allgemein verbindlich.

 

Sozial engagierter Autor und Verleger

 

Unterstützt wurde der Vertrieb seiner Arzneimittel durch die 1866 gegründete »Homöopathische Verlags- und Sortimentsbuchhandlung«, die Schwabe seiner »Homöopathischen Central-Officin« angliederte. In diesem Verlag erschienen zum einen wissenschaftliche Arbeiten zur Homöopathie, zum anderen aber auch solche, die die Nutzung homöopathischer Präparate propagierten. Mit der »Leipziger Populären Zeitschrift für Homöopathie«, die seit 1870 in diesem Verlag erschien, machte Schwabe diesen zu einem Zentrum der homöopathischen Literatur.

 

Willmar Schwabe war auch sozial sehr engagiert. So wirkte er in Leipzig von 1892 bis 1904 als Vorsitzender der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Gemäß seiner Auffassung von einer ganzheitlichen Heilkunde begann er in den 1880er-Jahren so genannte Heimstätten, also Kurheime, für Rekonvaleszenten in Gleesberg bei Schneeberg, in Förstel bei Schwarzenberg und in Augustusbad bei Dresden aufzubauen. 1904 fasste Schwabe Gleesberg, Förstel und Augustusbad zur »Dr. Willmar Schwabe’schen Heimstätten-Stiftung« zusammen, die er der Ortskrankenkasse übergab. Schwabe erwies sich zudem als fürsorglicher Unternehmer und errichtete bereits 1890 eine Pensions- und Invalidenkasse, die »Dr. Willmar Schwabe-Stiftung« für bedürftige Studierende der Pharmazie sowie eine Stiftung für die Hilfs- und Töchterpensionskasse der Universität.

 

Sein unternehmerisches und soziales Engagement wurden mit Auszeichnungen geehrt wie 1896 mit dem Titel Kommerzienrat und 1910 mit dem eines Geheimen Hofrats. Politisch war Schwabe konservativ, hatte sich aber bereits 1865 den Freimaurern angeschlossen. Als erfolgreicher Unternehmer verstand er es, sein Geld gut in Immobilien und Unternehmen anzulegen wie in das von ihm erbaute Leipziger Hotel Sachsenhof am Johannisplatz und seine Beteiligung an einer Ersatz-Kaffeefabrik in Köthen. Mit der Schaffung eines Gemeinschaftsvermögens sicherte er den Fortbestand seines Unternehmens und hatte sein Haus bestellt, als er am 8. Januar 1917 im Alter von 77 Jahren verstarb. /

 

Literatur und Quellen beim Verfasser

Der Autor

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10, 35032 Marburg

E-Mail: ch.friedrich@staff.uni-marburg.de

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