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Leichter leben in Deutschland

»Entscheidend ist die Motivation«

04.01.2011
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Von Brigitte M. Gensthaler / Abnehmen mit Unterstützung der Apotheke hat einen festen Namen: »Leichter leben in Deutschland« (LliD). Seit dem Jahr 2000 haben bundesweit mehr als 500 000 Menschen mit diesem Konzept ihre Pfunde reduziert. Etwa 1000 Apotheken unterstützen sie dabei. Im Januar startet die nächste Runde. Die PZ sprach mit dem Initiator, Apotheker Hans Gerlach aus Straubing.

PZ: Herr Gerlach, was hat »Leichter leben in Deutschland«, was andere Konzepte nicht haben?

 

Gerlach: Wir haben aus sehr vielen Diäten und Konzepten das Beste herausgepickt, dieses kombiniert und in die Sprache des Kunden übersetzt. Denn wir wollen die Kunden abholen, wo sie sind, nämlich am Herd, beim Einkaufen, im Supermarkt. Unser Konzept basiert auf low fat, low carb, slow carb und Volumetrics – aber diese Begriffe verwenden wir nicht.

PZ: Das klingt kompliziert. Bitte eine kurze Erklärung.

 

Gerlach: Am Anfang war »Leichter leben in Deutschland« eine klassische Low-fat-Bewegung, das heißt wir haben nur auf den Fettgehalt der Nahrung geachtet. Ab 2004 kam das System der Insulinsteuerung dazu, also die Menge und die Qualität der Kohlenhydrate. Denn Abnehmen gelingt leichter, wenn man auf das anabole Hormon Insulin achtet. Daher beinhaltet unser Konzept jetzt auch die Komponenten low carb und slow carb. Inzwischen gehen wir einen Schritt weiter: Um Kompensa­tionseffekte zu vermeiden, wird die Gesamtkalorienmenge am Tag begrenzt. Volumetrics bedeutet, dass die Nahrung voluminös, also ballaststoffreich sein soll. Man kann den Magen mit 30 Pralinen füllen – oder mit viel Gemüse und Vollkornprodukten. Erst die schöne Magenfüllung vermittelt das Sättigungsgefühl.

 

PZ: Also geht es primär um Ernährungsberatung?

 

Gerlach: Nein, das ist nicht das Wichtigste. Entscheidend sind die Motivation und Betreuung des Kunden. Die Menschen wollen, viele müssen sogar an die Hand genommen werden. Manche Apotheken betreuen ihre Kunden auch ganzjährig, um die Erfolge zu erhalten. Dies ist manchmal schwieriger, als kurzfristig alte Verhaltensmuster zu durchbrechen. Denn nichts ist klebriger als alte Gewohnheiten. Daher soll das Programm auf jeden Fall fünf Monate und länger laufen, um Jo-Jo-Effekte zu vermeiden.

 

PZ: Wie groß ist der Aufwand für eine Apotheke, die neu einsteigen will?

 

Gerlach: Dies hängt davon ab, wie viel Erfahrung sie in Kundenbetreuung und Ernährungsfragen hat. Wer die Weiterbildung Ernährungsberatung absolviert hat, für den ist es sehr einfach. Ansonsten braucht man mehr Vorbereitung. Mein Tipp für Neulinge: Zunächst einige Einzelberatungen machen und Erfahrungen sammeln. Wir liefern alle Materialien für Werbung, Einzel- und Gruppenberatungen und bieten eine eintägige Schulung im Januar und Februar für das Apothekenteam an. Was eine Apotheke im Detail anbietet, entscheidet sie selbst.

 

PZ: Kann jede Apotheke mitmachen?

 

Gerlach: Das Programm »Leichter leben in Deutschland«, alle Materialien und Begleitprodukte sind streng apothekenexklusiv, aber es gibt keinen Gebietsschutz für teilnehmende Apotheken.

 

PZ: Auf dem Abnehmsektor tummeln sich viele Berufsgruppen. Welche spezielle Leistung erbringt die Apotheke?

 

Gerlach: In den Seminaren sitzen häufig Teilnehmer, die bei anderen Organisationen nicht die richtigen Antworten erhalten haben, zum Beispiel in Zusammenhang mit ihrer Medikation oder vorliegenden Grunderkrankungen. Hier kennt sich das Apothekenpersonal aus, denn es verfügt über medizinisches Wissen und Verständnis. Das ist ein großer Vorteil für den Kunden. Leider wird dieses Plus der Apotheke noch zu wenig ausgespielt.

 

PZ: LliD bietet seit Kurzem ein neues Programm für Menschen mit Diabetes, die abnehmen wollen. Die ersten 50 Apotheken sind bereits tätig. Wie ist das Konzept aufgebaut?

 

Gerlach: Das Programm »Diamotion« führen wir gemeinsam mit dem Initiator Professor Dr. Claus Luley vom Institut für Klinische Chemie der Uniklinik Magdeburg durch, der die Apotheker dafür zwei Tage lang sehr intensiv schult. Während die Ernährungsberatung in der Apotheke relativ kurz gehalten ist, liegt ihre Hauptaufgabe in der kontinuierlichen Motivation und Begleitung des Patienten. Das bietet kein anderes Konzept. Der Fokus liegt bei »Diamotion« auf der Bewegung. Wenn der Diabetiker am Tag 1000 kcal durch Bewegung verbraucht, dann ist er auf der Siegerseite. Die meisten schaffen die Zielvorgabe. Gemessen wird dies von einem Aktivitätssensor, den die Person ständig trägt. Die Daten werden einmal wöchentlich an die Uni Magdeburg übermittelt, die sie auswertet und zurück an die Apotheke leitet, die der Betreuer vor Ort ist. Jede Woche bekommt der Kunde einen persönlichen Brief von seiner Apotheke mit seinen Ergebnissen. Diese individualisierte Betreuung erklärt die außergewöhnlich guten Erfolge des Projekts.

 

PZ: Zurück zu »Leichter leben in Deutschland«: Im Januar 2011 startet die nächste Runde. Gibt es neue Kompo­nenten?

 

Gerlach: Ja, wir haben »Plan 31« entwickelt, ein ganz individuelles Kochbuch für 31 Tage. Als Beispiel: In den normalen Kochbüchern sind die Portionsgrößen für alle gleich. Was für die Frau mit 65 kg eine Riesenmenge ist, ist für den 130-kg-Mann, der körperlich schwer arbeitet, jedoch eine Hungerration. Außerdem kochen manche gerne, während andere nur ihr Brot schmieren. In der Apotheke kann der Kunde einen Fragebogen zu seiner individuellen Situation, seinen Essensvorlieben und Allergien ausfüllen. Danach sucht das Programm aus rund 1500 Rezepten die geeigneten aus. Dieses Buch wird individuell für den Kunden gedruckt, mit Namen, Portionsgrößen und Kalorienmenge.

 

PZ: Jede Leistung hat ihren Preis. Sie warnen ihre Kollegen davor, ihre Leistung zu billig anzubieten. Warum?

 

Gerlach: Den Preis für den Kurs kann jede Apotheke weitgehend selbst bestimmen. Aber viele trauen sich nicht, realistische Preise zu verlangen. Doch der Kunde weiß, dass gute Leistung ihr Geld wert ist. Unsere Erfahrung zeigt, dass Apotheken, die umfassende Leistungen für ihren Preis erbringen, mehr Zulauf haben als Billigheimer.

 

PZ: Bitte nennen Sie drei Gründe, wa­rum eine Apotheke bei »Leichter leben in Deutschland« mitmachen sollte.

 

Gerlach: Zunächst ist dies ein guter Einstieg in die bezahlte Dienstleistung. Langfristig können wir damit unsere Abhängigkeit von Produkten, die dem Preiskampf unterliegen, reduzieren. Außerdem kann die Apotheke hier ernsthaft Prävention leisten. Ich füge noch einen vierten Grund an: das Image. Wenn der Kunde spürt, dass sich die Apotheke um seine wirklichen Probleme kümmert, verbessert sich ihr Image deutlich.

 

PZ: Ihr persönlicher Wunsch für die Kampagne 2011?

 

Gerlach: Dass die Teilnehmer gut und erfolgreich abnehmen und die Apotheke die Aktion mit viel Freude in die Praxis umsetzt. Denn Spaß und Freude gehören immer mit zum Beraten. /

Abnehmen mit der Apotheke

Seit rund zehn Jahren begleiten Apotheker abnehmwillige Kunden bei ihrem gewichtigen Vorhaben. Aus der individuellen Kundenberatung in der Apotheke hat Apotheker Hans Gerlach zunächst die Straubinger Initiative mit etwa 700 Teilnehmern entwickelt. Der nächste große Schritt war die Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium. Und 2005 folgte der Wechsel von »Bayern light« zu »Leichter leben in Deutschland« (www.llid.de).

 

Nach wie vor sind die apothekerliche Beratung und Begleitung des Kunden die zentralen Elemente der jährlich startenden Kampagne. In vier Seminaren oder in Einzelberatung erklärt die Apotheke den angemeldeten Teilnehmern die Grundlagen des erfolgreichen Abnehmens. Das Ernährungskonzept basiert auf den Prinzipien von »low fat, low carb, slow carb« und »volumetrics«. Viele Apotheken bieten zusätzlich Bewegungstraining wie Nordic Walking an. Monatlich kommt der Kunde in die Apotheke, um Körperzusammensetzung oder Bauchumfang messen zu lassen. So wird der Abnehm­erfolg dokumentiert, aber auch die Bindung an die Apotheke gefestigt. Denn sie kann ihn weiter beraten oder eventuell aufgetretene Probleme lösen. Die purzelnden Pfunde werden so zum Pluspunkt für die Apotheke.

 

Beginnend am 18. Januar 2011 finden die Schulungen für das Apothekenpersonal an einem täglich wechselnden Ort in Deutschland statt: Regensburg, München, Augsburg, Stuttgart, Friedrichshafen-Schnatzenhausen, Erlangen, Karlsruhe, Wiesbaden, Koblenz, Köln, Münster, Bremen, Hamburg, Braunschweig sowie nach zweiwöchiger Pause Leipzig und Berlin-Friedrichshain.

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