Pharmazeutische Zeitung online
Krankenhaus-Apotheke

Unterschiede zur Offizin

10.01.2018
Datenschutz bei der PZ

Von Sven Siebenand und Caroline Wendt, Mainz / Krankenhausapotheken sind keine Konkurrenz zu Zytostatika herstellenden öffentlichen Apotheken. Das meint Professor Dr. Irene Krämer, Direktorin der Krankenhausapotheke der Universitätsmedizin Mainz. Eine wohnortnahe Versorgung ist ihr wichtig. Im Gespräch mit der PZ hebt sie jedoch einige Unterschiede hervor und erklärt, welche Vorteile sie bei der Versorgung über eine Krankenhausapotheke sieht.

»Für alles gibt es eine optimale Größe, das trifft auch auf die Zytostatika-Herstellung zu », sagt Krämer. Übung macht den Meister: Deshalb brauche man schon eine gewisse Auftragsmenge, um bei der Herstellung die ­nötige Erfahrung zu haben. Doch bei zu großen Betrieben sinke die Qualität. Große »Zytostatika-Labore«, die aggressive Kundenwerbung betreiben und ihre Produkte durch ganz Deutschland verschicken, lehnt Krämer kategorisch ab. »Ich sehe das ganz analog zu den Versandapotheken. Hier fehlt die Nähe zum Arzt und zum Pa­tienten.« Als Richtschnur nennt Krämer eine maximale Entfernung von einer Fahrstunde zwischen Herstellungs- und Applikationsort.

 

In die Bresche springen

 

In der Krankenhausapotheke der Universitätsmedizin Mainz stellt die Apothekerin mit ihren Mitarbeitern täglich etwa 150 Zytostatika-Zubereitungen her. Dieses Auftragsvolumen sei genau richtig und gut handhabbar. Manchmal muss die Krankenhausapotheke dann zusätzlich sehr kurzfristig die Kasta­nien für andere aus dem Feuer holen. Krämer nennt ein Beispiel: »Ein Gynäko­loge in der Mainzer Innenstadt arbeitet mit einem großen Zytostatika-Hersteller aus Hamburg zusammen. Als dieser nicht rechtzeitig lieferte, rief die Praxis bei uns an mit der Bitte auszuhelfen.« Einen niedergelassenen Arzt dürfe sie jedoch nicht einfach so beliefern, das verbiete die Apothekenbetriebsordnung.

 

Natürlich liegt der Krankenhausapothekerin auch die notwendige Versorgung ambulanter Krebspatienten am Herzen. »Um dies im Notfall zu gewährleisten, ist deshalb eine sogenannte 11/3-Versorgung möglich«, erklärt Krämer. Diese nimmt Bezug auf § 11, Absatz 3 des Apothekengesetzes. Dort heißt es: »Der Inhaber einer Erlaubnis zum Betrieb einer Krankenhausapotheke darf auf Anforderung des Inhabers einer Erlaubnis zum ­Betrieb einer öffentlichen Apotheke die im Rahmen seiner Apotheke hergestellten anwendungsfertigen Zytostatika-Zubereitungen an diese öffentliche Apotheke oder auf Anforderung des Inhabers einer Erlaubnis zum Betrieb einer anderen Krankenhausapotheke an diese Krankenhausapotheke abgeben.« Konkret bedeutete das im Falle des Frauenarztes, dass dieser sich zunächst an eine öffentliche Apotheke wenden musste. »Diese kann dann bei uns anfragen, ob wir die Zubereitung herstellen können«, sagt Krämer.

 

Lückenlose Dokumentation ohne Medienbrüche

Die 11/3-Versorgung stellt eine Ausnahme dar, die Versorgung von Krankenhauspatienten ist der Regelfall. Hierfür gehen die Verordnungen normalerweise elektronisch in der Apotheke ein. »Auch die validierten Therapie­protokolle sind in einem Programm gespeichert«, sagt Krämer. Hieraus erfolgt jeder weitere Arbeitsschritt: Plausibilitätsprüfung, Abgleich der Komedikation und Herstellung der Zubereitung. Krämer spricht von einer lückenlosen Dokumentation ohne Medienbrüche. In vielen Fällen werden die Daten für die Herstellung der Parenteralia dann sogar automatisch an einen Roboter weitergeleitet, der die Zubereitung anfertigt. Auch hier sind Übertragungsfehler somit ausgeschlossen. Weitere Vorteile der automatisierten Herstellung sind der Krankenhausapothekerin zufolge eine körperliche Entlastung der Mitarbeiter und vor allem eine bessere Arbeitssicherheit, da der Kontakt zu den hochwirk­samen und toxischen Substanzen ­minimiert werde.

 

In dem Programm, das Krämers Mit­arbeitern für die Herstellung von Zyto-statika zur Verfügung steht, sind auch die relevanten klinischen Parameter der Patienten zugänglich. »Das war am Anfang ein ziemlicher Kampf mit unserem Datenschutzbeauftragten«, berichtet die Professorin. Von dem ­Ergebnis ist sie aber überzeugt: »Wir können die gesamte Krankenakte einsehen, das ist ein riesiger Vorteil.« ­Leber- und Nierenwerte, Leukozytenzahlen oder bereits erhaltene Zyto-statika sind zum Beispiel elektronisch abrufbar. So könne die Apotheke alles Wichtige überprüfen und gegebenenfalls auch pharmazeutische Bedenken bis hin zum Veto vortragen und den Ärzten einen Änderungsvorschlag unter­breiten.

 

Reimporte lieber nicht

 

Neben einer lückenlosen Dokumentation sorgen laut Krämer auch sichere Vertriebswege für eine hohe Qualität. »Ich kaufe nur direkt bei pharmazeutischen Unternehmen in Deutschland«, betont Krämer. Reimporte lehnt sie komplett ab. Die Vertriebswege seien zu lang und undurchsichtig und damit das Risiko für Arzneimittelfälschungen zu hoch. »Ich nehme lieber einen etwas höheren Preis in Kauf.« Apropos Preise: Grundsätzlich moniert Krämer das Preisniveau vieler neuer Krebsmedikamente. »Wenn die Preissteigerung für neue Tumortherapeutika weiter derart zunimmt, ist eine Zytostatika-Versorgung irgendwann so nicht mehr finanzierbar.«

Angesprochen auf den Fall des Bottroper Apothekers, der über Jahre bei der Herstellung onkologischer Rezepturen gepanscht und Zytostatika-Zubereitungen mit zu geringem Wirkstoff-gehalt abgegeben haben soll, ­reagiert Krämer mit Bestürzung. Dieser Skandal habe sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten zu Verunsicherung geführt. Als Beispiel nennt sie die ­E-Mail eines Mannes, dessen Mutter in der Universitätsmedizin an Krebs verstorben war. Er wollte von Krämer wissen, ob seine Mutter auch gepanschte ­Medikamente erhalten hat. »Natürlich war das nicht der Fall. Auf seinen Wunsch hätte ich ihm die gesamte ­Dokumentation ausdrucken können«, so Krämer. Sie bedauert, dass der ­gesamte Berufsstand in Sippenhaft genommen wird. Sehr ärgerlich seien auch vereinzelte »unangemessene Kommentare« von Ärzten in Richtung Apotheker.

 

Fest steht für Krämer, dass Vorkommnisse wie in Bottrop im Krankenhaus absolut undenkbar sind. ­Finanzielle Anreize bestünden nicht und auch aus Gründen der Psycho-hygiene wäre es unvorstellbar »Wir sind hier eine Gemeinschaft«, erklärt Krämer. Ärzte und Krankenhausapotheke wollen zusammen das Beste für ihre Patienten erreichen. »Durch die Teilnahme an den Stationsvisiten sind mir die Patienten und ihre Schicksale persönlich bekannt.« Krämer erinnert sich an einen sehr jungen, unheilbar erkrankten Hautkrebspatienten. »Ich habe mich in der Tumorkonferenz dafür eingesetzt, dass er auch auf der Palliativstation weiter seine oralen Zytostatika bekam. Durch den persönlichen Kontakt auf Station wusste ich, dass er bis zum Schluss gegen den Krebs kämpfen wollte.« Ein Handeln entgegen den Patienteninteressen, wie es in Bottrop offenbar geschehen ist, findet Krämer zutiefst beschämend.

 

Mehr Kontrollen

 

Als Reaktion auf den Skandal fordern Politiker mehr und strengere Kontrollen in Zytostatika herstellenden ­Apotheken. »In Nordrhein-Westfalen werden diese auch schon durchgeführt«, berichtet Krämer. Das Prozedere müsse man allerdings an manchen Stellen hinterfragen. So hätten Amtsapotheker den Gehalt von retour­nierten, nicht verbrauchten Zytostatika-Zubereitungen überprüfen lassen. »Das halte ich für sinnlos«, erklärt die Apothekerin. Niemand könne mit Sicherheit sagen, wie hoch der Sollgehalt einer abgelaufenen ­Zubereitung sein müsse. Wenn, dann müsse man frisch hergestellte Zyto­statika testen, was natürlich wiederum sehr teuer sei. Angst vor unangekündigten Besuchen von Kontrolleuren hat Krämer überhaupt nicht: »Wer sorgfältig arbeitet und ordentlich ­dokumentiert, hat doch nichts zu befürchten.« /

Mehr von Avoxa