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Dermopharmazie

Kopfschuppen richtig therapieren

08.01.2008
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Dermopharmazie

Kopfschuppen richtig therapieren

Von Ralph M. Trüeb

 

Kopfschuppen sind sichtbare Abschuppungen der Kopfhaut. Klinische Entzündungszeichen fehlen, wodurch sich zugrunde liegende, spezifisch dermatologische Kopfhauterkrankungen differenzial-diagnostisch abgrenzen lassen. In der Therapie kommt vieles auf  die Auswahl des richtigen Shampoos an.

 

Je nach klinischem Erscheinungsbild unterscheidet man einfache Kopfschuppen (Pityriasis simplex), fettige Kopfschuppen (Pityriasis steatoides) und die Asbestflechte (Pityriasis amiantacea). Es bestehen fließende Übergänge zum seborrhoischen Kopfhautekzem.

 

Einfache Kopfschuppen kommen meist bei Sebostase (verminderte Talgabsonderung) infolge atopischer Dermatitis oder im Alter (Alterssebostase) vor. Sie können auch durch zu häufige Haarwäsche oder Haarwäsche mit entfettenden Shampoos entstehen. Typisch ist eine trockene, kleieförmige Schuppung.

 

Fettige Kopfschuppen gehen einher mit einer Kopfhautseborrhoe (fettige Haut durch vermehrte Talgabsonderung). Häufig treten sie bei mangelhafter Reinlichkeit auf. Es findet sich in den seborrhoischen Arealen, häufig auch an der Stirnhaargrenze, in den äußeren Gehörgängen, präaurikular (vor der Ohrmuschel) und an den Augenbrauen eine fest haftende, fettige, kleieförmige Schuppung.

 

Entstehung von Kopfschuppen

 

Die Asbestflechte kommt meist idiopathisch (ohne erkennbare Ursache) bei Jugendlichen vor, auch bei mangelnder Reinlichkeit. Es finden sich umschrieben asbestartig dicke, fest haftende Schuppen mit fokalem Haarverlust. Juckreiz tritt nicht auf.

 

Beim seborrhoischen Ekzem liegt eine chronische oder chronisch-rezidivierende Dermatitis vor. Sie ist gekennzeichnet durch eine angedeutet gelblich-rote (lachsrote) Farbe der Ekzemläsion mit einer fettigen Schuppung und Bevorzugung seborrhoischer Haut-areale wie behaarte Kopfhaut, Gesicht, vordere und hintere Schweißrinne.

 

Kopfschuppen kommen sehr oft vor. Sie sind die häufigste Störung der Kopfhaut. Die Häufigkeitsangaben schwanken je nach Untersuchung zwischen 22,5 und 70 Prozent.

 

Anatomische Besonderheiten der Kopfhaut wie die große Anzahl Terminalhaarfollikel und die durch die zahlreichen Haarkanäle vergrößerte Oberfläche der Epidermis tragen zu einer physiologisch hohen Abschilferung an der Kopfhaut bei. Selbst bei Gesunden führt ein ein- bis zweiwöchiger Verzicht auf die Haarwäsche zur Ausbildung sichtbarer Kopfschuppen. Tägliches Waschen verhindert diese Schuppung.

 

Pathologische Kopfschuppen sind das Resultat einer vermehrten Abschuppung (Desquamation) unterschiedlich großer Verbände keratinisierter Epidermiszellen der Kopfhaut. Die Desquamation ist Folge einer beschleunigten Proliferation der Epidermiszellen. Es kommt zur Auflösung der im Normalfall vorhandenen Struktur des Stratum corneum und zu einer erhöhten Bildung von Zellaggregaten. Die Zellaggregate bestimmen die Schuppengröße.

 

Der Prozess ist die Folge vorangegangener fokaler Entzündungsherde der Kopfhaut, die mit einer abnormen, parakeratotischen Verhornung einhergehen. Diese führt zu einer gestörten Abschilferung und zum veränderten Lichtbrechungsindex der keratinisierten Zellaggregate. Größe, Haft- und Lichtbrechungseigenschaften der Zellaggregate bestimmen das klinische Erscheinungsbild der Kopfschuppen. Zu den Faktoren, die zu fokalen Entzündungsherden der Kopfhaut führen, zählen physikalisch-chemische Stimuli, mikrobielle Besiedlung, Talgproduktion und -zusammensetzung.

 

Besiedlung mit Malassezia-Hefen

 

Die Koinzidenz einer erhöhten Keimdichte von Malassezia-Hefen bei Kopfschuppen und dem seborrhoischen Ekzem wird als Hinweis auf eine pathogenetische Bedeutung von Malassezia gewertet. Die lipophile Hefe gehört mit einem Anteil von etwa 45 Prozent zur physiologischen Residentflora der Kopfhaut. Bei Patienten mit einfachen Kopfschuppen dominieren diese Hefen mit etwa 75 Prozent, beim seborrhoischen Ekzem sogar mit 83 Prozent.

 

Die Mikroorganismen finden auf der Kopfhaut sehr günstige Wachstumsbedingungen. Die zahlreichen Schweißdrüsen liefern Feuchtigkeit, die  Talgdrüsen sezernieren verschiedene metabolisierbare Lipide. Hinzu kommt die starke Produktion von Korneozyten. Die Folge: Die Kopfhaut ist übersät mit Mikroorganismen in erheblich größerer Dichte als die Haut an Stamm und Gliedmaßen.

 

Besonders Malassezia globosa spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Schuppen, da sie eine starke Lipaseaktivität aufweist. Vermutlich werden durch die mikrobielle Lipaseaktivität  Talglipide zu irritierenden Fettsäuren abgebaut. 

 

Spezifische Kopfhauterkrankungen

 

Das Symptom Kopfschuppen ist nicht als diagnostischer Endpunkt zu sehen, sondern als Ausgangspunkt für differenzialdiagnostische Überlegungen. Das gilt insbesondere bei klinisch sichtbaren, entzündlichen Veränderungen der Kopfhaut. Abzugrenzen sind Schuppen infolge von Ekzemkrankheiten (allergische und kumulativ-toxische Kontaktekzeme, seborrhoisches Ekzem und Neurodermitis), Psoriasis (Schuppenflechte) oder Tinea capitis (Fadenpilzinfektion der behaarten Kopfhaut).

 

Familien- und Einzel-Anamnese hinsichtlich Atopie (Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis) und Psoriasis sind wichtig. Außerdem sollten die Häufigkeit der Haarwäsche und Produktauswahl sowie Art und Häufigkeit chemisch-kosmetischer Prozeduren (Dauerwelle, Haarglättung, Blondierung, Haarfärbung) berücksichtigt werden. Wichtig ist darüber hinaus eine sorgfältige Untersuchung der übrigen Haut im Hinblick auf Atopie-Stigmata beziehungsweise psoriatrische Veränderungen an bevorzugten Körperteilen wie Ellbogen, Knie oder Nägel.

 

Haustiere als Auslöser

 

Im Zweifelsfall kann eine Kopfhautbiopsie indiziert sein. Allerdings ist die Histologie nicht spezifisch für die einfache Kopfschuppung. Ähnliche Veränderungen finden sich in unterschiedlicher Ausprägung auch beim seborrhoischen Kopfhautekzem und der Kopfhautpsoriasis. Im Unterschied zum Ekzem reicht die Psoriasis über die Stirnhaargrenze hinaus und  ist relativ scharf begrenzt.

 

Insbesondere bei Kindern mit Kontakt zu Haustieren sollte eine mykologische Ausschlussdiagnostik am Direktpräparat (Sensitivität circa 60 Prozent) und in der Kultur (Sensitivität größer 90 Prozent) erfolgen. Grund: Die Tinea capitis  weist eine Vielfalt klinischer Erscheinungsformen auf, angefangen bei einer einfachen Kopfschuppung bis hin zum eiternden Knoten (Kerion Celsi); unbehandelt kann sie zum narbigen Haarverlust führen.

 

Rationale Behandlung von Schuppen

 

Eine umschriebene Kopfschuppung in Verbindung mit Haarverlust kann  immer im Verdacht zu einer Tinea capitis stehen. Diese muss ausnahmslos über mehrere Wochen systemisch antimykotisch behandelt werden.

 

Nach Ausschluss einer spezifischen dermatologischen Erkrankung müssen gezielt beeinflussbare, pathogenetische Faktoren der Kopfschuppen im Behandlungsplan berücksichtigt werden. Dazu gehören beispielsweise physikalisch-chemische Einwirkungen der Umwelt, Abweichungen der Talgproduktion, mikrobielle Besiedlung oder psychische Konfliktspannung mit verstärkter Schweißbildung.

 

Die Shampoobehandlung ist eine wichtige Therapieform bei Kopfschuppen. Über die  bloße Reinigung von Kopfhaut und Haaren hinaus soll das Shampoo  gleichzeitig spezifische Probleme der Kopfhaut wie Kopfschuppen und Juckreiz wirksam bekämpfen.

 

Da die Kopfschuppen durch ekzessive Produktion desquamierter Korneozyten und die Produktion zelliger Konglomeratschichten zustande kommen, gibt es verschiedene therapeutische Möglichkeiten. Zum Beispiel:

 

die Kopfhaut so häufig waschen, dass die exzessive Hornzellproduktion  unsichtbar wird, oder

die Anwendung von Wirkstoffshampoos.

 

Die Wahl und Häufigkeit der Shampoobehandlung richtet sich nach zugrunde liegender Sebostase oder Seborrhoe. Bei Sebostase ist auf eine weniger frequente Haarwäsche zu achten; entfettende Shampoos sollten gemieden werden. Bei Pityriasis steatoides führt dagegen schon tägliches Haarwaschen zur Besserung.

 

Ein häufiges Problem ist empfindliche Kopfhaut; auch hierfür kommen verschiedene Ursachen infrage. Am häufigsten ist eine atopische Hautdisposition mit Neigung zu Sebostase, Irritation und Ekzem (Neurodermitis). Vielfach treten die Symptome der empfindlichen Kopfhaut, nämlich Juckreiz, Brennen und Spannungsgefühl, nach der Haarwäsche auf. Sie sind dann auf eine austrocknende und irritative Wirkung der in üblichen Shampoos enthaltenen Tenside zurückzuführen.  Gelegentlich sind auch kontaktallergische Reaktionen auf bestimmte Inhaltsstoffe die Ursache.

 

Shampoos für empfindliche Kopfhaut, für Neurodermitiker und Personen mit bekannten Kontaktallergien sollten daher Tenside mit hoher Hautverträglichkeit, möglichst wenig Inhaltsstoffe und keine bekannten Kontaktallergene enthalten.

 

Wirkstoffe in Medizinalshampoos

 

In Medizinalshampoos werden Wirkstoffe eingesetzt. Ziel ist es, bei bestimmten Haar- oder Kopfhautproblemen eine nachweisbare Wirkung zu erreichen. Als Wirkstoffe zur Behandlung der Kopfschuppen kommen keratostatische Substanzen in Betracht, die die gesteigerte Produktion verhornender Zellen hemmen. Lange Zeit kam Steinkohleteer zum Einsatz. Heute ist die Verwendung in kosmetischen Shampoos allerdings obsolet.

 

Geeignete keratolytische Wirkstoffe, die ihre Wirkung über eine Auflösung der Zellaggregate entfalten, sind zum Beispiel kolloidaler Schwefel und Salicylsäure. Als antimikrobielle Wirkstoffe, die über eine Hemmung von Malassezia-Hefen wirken, werden beispielsweise Selendisulfid, Zinkpyrithion, Octopirox, Ciclopiroxolamin und Ketoconazol verwendet.

 

Literatur beim Verfasser

 

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Ralph M. Trüeb

Universitätsspital, Dermatologische Klinik

Gloriastraße 31

CH-8091 Zürich

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